Hei­ße Ei­sen, küh­le Köp­fe, kla­re Wor­te

Kanz­le­rin Mer­kel spart bei ih­rem ers­ten Be­such nach dem Putsch­ver­such in der Tür­kei nicht mit Kri­tik. Bei Er­do­gan mahnt sie Frei­heits­rech­te an. Der ver­tei­digt sein Vor­ge­hen. Am En­de wirkt es dann doch ver­söhn­lich.

Saarbruecker Zeitung - - THEMEN DES TAGES - VON KRIS­TI­NA DUNZ UND GIOIA FORS­TER

ANKARA Wenn die Dau­er des Tref­fens et­was über die Qua­li­tät des Ge­sprä­ches aus­sagt, dann war es gut. Viel­leicht so­gar sehr gut. Nach rund zwei­ein­halb St­un­den tra­ten der tür­ki­sche Staats­prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan und Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ges­tern in Ankara vor die Me­di­en. Ge­plant wa­ren kur­ze Stel­lung­nah­men, Fra­gen von Jour­na­lis­ten wer­den da nicht be­ant­wor­tet. Es kam an­ders. Die­ser neun­te Tür­kei-Be­such der Kanz­le­rin in elf Jah­ren er­schien be­son­ders – auch wenn die Lis­te der Pro­ble­me lang bleibt.

Es war Mer­kels ers­te Rei­se nach dem ge­schei­ter­ten Putsch von Mi­li­tärs im vo­ri­gen Ju­li. Die tür­ki­sche Re­gie­rung leg­te Wert dar­auf, der Kanz­le­rin das da­mals durch Be­schuss schwer be­schä­dig­te Par­la­ments­ge­bäu­de zu zei­gen. Im In­nen­hof klafft noch im­mer ein Loch in der Wand – als Mahn­mal.

Ankara fühlt sich von Ber­lin seit dem ab­ge­wehr­ten Putsch un­ge­nü­gend be­ach­tet und un­so­li­da­risch be­han­delt. Die Bun­des­re­gie­rung wie­der­um sieht mit gro­ßer Sor­ge auf die Mas­sen­ver­haf­tun­gen von Op­po­si­tio­nel­len und Jour­na­lis­ten, die mas­sen­haf­ten Ent­las­sun­gen von Staats­be­diens­te­ten und das von Er­do­gan an­ge­streb­te Prä­si­di­al­sys­tem. Aber bei­de Län­der sind Na­to-Part­ner und es gibt ei­nen Flücht­lings­pakt der EU und der Tür­kei. Ei­ne höchst schwie­ri­ge Ge­men­ge­la­ge.

Der Druck auf Mer­kel war groß. Die ei­nen for­der­ten „kla­re Kan­te“ge­gen Er­do­gan. An­de­re setz­ten auf sie als Di­plo­ma­tin, auf dass sie der Op­po­si­ti­on im Land durch Ein­wir­kung auf den au­to­ri­tär re­gie­ren­den Er­do­gan von au­ßen hel­fen mö­ge. Au­ßer­dem soll­te sie noch das deutsch-tür­ki­sche Ver­hält­nis ver­bes­sern.

Über­ra­schend ließ Er­do­gan nach den State­ments dann Fra­gen zu. Deut­sche Pres­se­ver­tre­ter woll­ten wis­sen, ob Mer­kel ei­ne man­geln­de Ge­wal­ten­tei­lung be­fürch­te, falls sich die tür­ki­sche Be­völ­ke­rung in we­ni­gen Wo­chen in ei­ner Volks­ab­stim­mung für das Prä­si­di­al­sys­tem aus­spre­chen soll­te. Tür­ki­sche Jour­na­lis­ten frag­ten, wie es Mer­kel mit der von Ankara ge­for­der­ten Aus­lie­fe­rung mut­maß­li­cher An­hän­ger des Pre­di­gers Fe­thul­lah Gü­len hal­te, die in Deutsch­land Un­ter­schlupf ge­fun­den hät­ten. Hei­ße Ei­sen. Die tür­ki­sche Re­gie­rung macht Gü­len für den Putsch­ver­such ver­ant­wort­lich. Und dann ant­wor­te­ten Mer­kel und Er­do­gan ru­hig und klar und hart in der Sa­che. Ein Blick in ih­re Ge­sich­ter ließ die Stim­mung ernst er­schei­nen. Es wur­de kaum ge­lä­chelt, nicht ge­scherzt. Mer­kel saß auf­recht in ih­rem gro­ßen gol­de­nen, mit wei­ßem Samt be­zo­ge­nen Ses­sel, ei­ni­ge No­tiz-Zet­tel auf dem Tisch. Er­do­gan wirk­te et­was ent­spann­ter in sei­ner ge­wohnt pom­pö­sen Um­ge­bung. Sel­ten schau­ten sie sich an. Aber dem Ein­druck nach wur­de das deutsch-tür­ki­sche Band, das für Eu­ro­pa wich­tig ist, für die Na­to, für die drei Mil­lio­nen Tür­ken in Deutsch­land, für die Wirt­schaft, für die Flücht­lings­po­li­tik, an die­sem Tag eher ge­fes­tigt als ge­dehnt.

Mer­kel mahn­te, in ei­ner Pha­se ei­nes solch tie­fen po­li­ti­schen Um­bruchs müs­se al­les ge­tan wer­den, da­mit die Ge­wal­ten­tei­lung, Mei­nungs­frei­heit und die Viel­falt der Ge­sell­schaft ge­wahrt wer­den. „Op­po­si­ti­on ge­hört zu ei­ner De­mo­kra­tie da­zu. Da­bei lä­chel­te sie so­gar. Sie er­wähn­te, sie ma­che sich Sor­gen über die Pres­se­frei­heit und die Be­din­gun­gen für deut­sche Jour­na­lis­ten. Fer­ner warn­te sie vor der Be­spit­ze­lung von Gü­len-An­hän­gern in Deutsch­land – die Tür­kisch-Is­la­mi­sche An­stalt für Re­li­gi­on soll das ge­tan ha­ben. Zur Aus­lie­fe­rung von Gü­len-An­hän­gern an die Tür­kei ver­wies Mer­kel auf die Zu­stän­dig­keit der Ge­rich­te in Deutsch­land.

Er­do­gan ver­tei­dig­te den Vor­stoß zur Ein­füh­rung ei­nes Prä­si­di­al­sys­tems. Von ei­ner Auf­he­bung der Ge­wal­ten­tei­lung kön­ne kei­ne Re­de sein. Es ge­he nur dar­um, dass die Exe­ku­ti­ve schnel­ler ar­bei­ten kön­nen sol­le. Das Volk wer­de nun ent­schei­den – „dem wird sich je­der an­pas­sen müs­sen“. Al­ler­dings ist die Op­po­si­ti­on durch Druck und Re­pres­sa­li­en in ei­ner denk­bar schlech­ten und ge­schwäch­ten Po­si­ti­on. Am En­de be­dank­te sich Mer­kel da­für, „dass wir of­fen und red­lich auch kon­tro­ver­se Punk­te an­spre­chen konn­ten“. Er­do­gan ver­si­cher­te: „Wir ha­ben Ge­le­gen­heit ge­habt, die Be­zie­hun­gen zwi­schen un­se­ren bei­den Län­dern zu ver­bes­sern.“Und dann sag­te er „Dan­ke­schön.“Auf Deutsch.

FO­TO: PPS/AP/DPA

Freund­li­cher Hän­de­druck für die Fo­to­gra­fen: An­ge­la Mer­kel und Re­cep Tay­yip Er­do­gan spra­chen ges­tern zwei­ein­halb St­un­den mit­ein­an­der.

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