„Weg­schlie­ßen“gilt auch für Ju­gend­li­che

Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te hat ent­schie­den, dass auch Ju­gend­straf­tä­ter nach Ver­bü­ßung ih­rer Stra­fe in­haf­tiert blei­ben kön­nen.

Saarbruecker Zeitung - - THEMEN DES TAGES - VON CLAU­DIA KORNMEIER

STRASSBURG Se­xu­al­straf­tä­ter „weg­schlie­ßen – und zwar für im­mer“, mit die­ser For­de­rung setz­te 2001 der da­ma­li­ge Kanz­ler Ger­hard Schrö­der (SPD) den Ton für ei­ne Jah­re dau­ern­de De­bat­te über die Si­che­rungs­ver­wah­rung. Vie­le Ge­set­ze und Ur­tei­le spä­ter gilt das Sys­tem als fest­ge­zurrt und rechts­kon­form. Ein­zel­ne Fäl­le lan­den trotz­dem noch beim Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te. Ges­tern ent­schie­den die Straß­bur­ger Rich­ter das ers­te Mal über die Si­che­rungs­ver­wah­rung ei­nes Ju­gend­straf­tä­ters.

Wor­um ging es in dem Fall?

Der Klä­ger hat­te im Som­mer 1997 als 19-Jäh­ri­ger ei­ne Jog­ge­rin in ei­nem Wald­stück im baye­ri­schen Kel­heim er­würgt und sich an­schlie­ßend an der Lei­che ver­gan­gen. Die Po­li­zei war dem Schrei­ner­ge­sel­len erst zwei Jah­re spä­ter nach auf­wen­di­gen Er­mitt­lun­gen mit Mas­sen­gen­tests auf die Spur ge­kom­men. Das Ge­richt ver­ur­teil­te ihn zu der ma­xi­ma­len Ju­gend­stra­fe von zehn Jah­ren. In Frei­heit kam der Mann bis heu­te nicht: Gut­ach­ter at­tes­tier­ten ihm se­xu­el­len Sa­dis­mus, die Ge­rich­te ord­ne­ten dar­auf­hin nach­träg­lich ei­ne Si­che­rungs­ver­wah­rung an – es war das bun­des­weit ers­te Mal bei ei­nem Ju­gend­straf­tä­ter. Der Mann wehrt sich seit dem vor den Ge­rich­ten ge­gen sei­ne Un­ter­brin­gung. Ei­ne the­ra­peu­ti­sche Be­hand­lung lehnt er ab.

Was hat Straß­burg bis­her zur deut­schen Si­che­rungs­ver­wah­rung ge­sagt?

Mit ei­nem grund­le­gen­den Ur­teil ent­schie­den die Men­schen­rechtsRich­ter 2009 über ei­nen Fall, in dem die Si­che­rungs­ver­wah­rung nach­träg­lich ver­län­gert wor­den war. Ur­sprüng­lich durf­te die­se ma­xi­mal zehn Jah­re dau­ern. 1998 hob der Ge­setz­ge­ber die Höchst­dau­er in Deutsch­land auf – und zwar rück­wir­kend. Be­trof­fen wa­ren al­so auch Straf­tä­ter, die bei ih­rer Ver­ur­tei­lung da­von aus­ge­hen durf­ten, nach zehn Jah­ren ent­las­sen zu wer­den. Ei­ne Frei­las­sung war nun nur noch mög­lich, wenn von ih­nen kei­ne Ge­fahr mehr aus­ging. Die Straß­bur­ger Rich­ter sa­hen dar­in nicht nur ei­ne der „här­tes­ten Maß­nah­men“nach dem Straf­ge­setz­buch, son­dern auch ei­ne Stra­fe, die zum Tat­zeit­punkt noch nicht ge­gol­ten hat­te. Das war ein Ver­stoß ge­gen den Grund­satz „Kei­ne Stra­fe oh­ne Ge­setz“.

War da­mit al­les ge­sagt?

Die De­bat­te zog sich noch ein paar Jah­re. Ge­set­ze der Län­der und des Bun­des lan­de­ten vor dem Men­schen­rechts­ge­richts­hof und dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Ei­ner um­fas­sen­den Neu­re­ge­lung er­teil­te Straß­burg An­fang 2016 sei­nen Se­gen. Aus­schlag­ge­bend war, dass der Ge­setz­ge­ber die in­di­vi­du­el­le the­ra­peu­ti­sche Be­treu­ung der Straf­tä­ter ge­stärkt hat­te. Ei­ne nach­träg­li­che An­ord­nung ist zu­dem nur noch aus­nahms­wei­se mög­lich – in der Re­gel muss die Si­che­rungs­ver­wah­rung bei der Ver­ur­tei­lung zu­min­dest vor­be­hal­ten wer­den.

Was be­deu­tet das Ur­teil nun für den in­haf­tier­ten Se­xu­al­straf­tä­ter aus Bay­ern?

Er schei­ter­te mit sei­ner Be­schwer­de. Die Straß­bur­ger Rich­ter wa­ren zu­frie­den mit der Hand­ha­bung des kon­kre­ten Falls. Die deut­schen Ge­rich­te hät­ten zu Recht an­ge­nom­men, dass die psy­chi­sche Stö­rung des Man­nes sei­ne wei­te­re In­haf­tie­rung recht­fer­ti­ge. Au­ßer­dem sei er seit 2013 in ei­ner Ein­rich­tung mit pas­sen­dem the­ra­peu­ti­schen An­ge­bot un­ter­ge­bracht. Sei­ne Si­che­rungs­ver­wah­rung sei da­her kei­ne un­zu­läs­si­ge Stra­fe mehr. Für die Zeit da­vor er­klär­te sich die Bun­des­re­gie­rung frei­wil­lig be­reit, ei­ne Ent­schä­di­gung zu zah­len. Ei­ne Ent­schä­di­gungs-Kla­ge ge­gen das Land Bay­ern wur­de im Ju­li 2016 vom Land­ge­richt Re­gens­burg ab­ge­lehnt. Dass der Mann bei der Tat erst 19 Jah­re alt war, spiel­te in dem Straß­bur­ger Ur­teil kei­ne Rol­le.

War­um lan­den die­se Fäl­le über­haupt im­mer noch vor Ge­richt in Straß­burg?

Ei­ne Rol­le spie­len dürf­te, dass die Si­che­rungs­ver­wah­rung wei­ter ei­ne sehr ein­schnei­den­de Sank­ti­on ist, sagt der Tü­bin­ger Straf­rechts­pro­fes­sor Jörg Kin­zig. Im­mer­hin wer­de „ei­ner Per­son über das En­de ih­rer Stra­fe hin­aus auf un­be­stimm­te Zeit die Frei­heit ent­zo­gen“. Be­son­ders pro­ble­ma­tisch sei das, wenn es wie im ak­tu­el­len Fall um Tä­ter ge­he, die ma­xi­mal 20 Jah­re alt wa­ren. Zu­dem ar­bei­te Straß­burg im­mer noch al­te Ver­säum­nis­se des Ge­setz­ge­bers auf.

FO­TO: BOTT/DPA

Der Men­schen­rechts­ge­richts­hof in Straß­burg – hier fiel das Ur­teil zur Si­che­rungs­ver­wah­rung.

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