Dau­er-Smog sorgt am Neckar für di­cke Luft

Er­neut hat Stuttgart ein Fe­in­staub-Pro­blem. Aber die Po­li­tik scheut Maß­nah­men. IN­FO Was Fe­in­staub mit dem Wet­ter zu tun hat

Saarbruecker Zeitung - - STANDPUNKT - VON GA­B­RIE­LE RENZ

STUTTGART In Stuttgart gilt seit Don­ners­tag wie­der Fe­in­stau­bAlarm. Es ist der Ap­pell, das Au­to ste­hen und den Ka­min­ofen aus zu las­sen. Der letz­te Alarm war ge­ra­de zwei Ta­ge her. Die Stutt­gar­ter wer­den hart ge­prüft. Ein­zig die Aus­sicht, an „Alarm­ta­gen“für den Preis ei­nes Kin­der­ti­ckets den ÖPNV nut­zen zu kön­nen, er­hellt die Stim­mung. An­sons­ten herrscht mitt­le­re De­pres­si­on beim The­ma Fe­in­staub.

Nicht nur in­ter­na­tio­na­le Fir­men, auch die Tou­ris­ti­ker se­hen die re­gel­mä­ßi­gen Ne­ga­tiv-Schlag­zei­len mit Sor­ge. Der „Fe­in­stau­bAlar­mis­mus be­schmutzt das Image von Stuttgart“, mein­te kürz­lich der Lob­by­ist der Hau­sund Grund­be­sit­zer, Klaus Lang (SPD). Sa­bi­ne Hag­mann vom Han­dels­ver­band be­rich­tet: „Wir be­kom­men vie­le Kla­gen von Ge­schäf­ten, die sa­gen, dass sich der Alarm ne­ga­tiv aus­wirkt.“Doch das Rat­haus bleibt stur: „Das Pro­blem ist nicht der Fe­in­stau­balarm, son­dern der Fe­in­staub.“

Stadt und Land ste­hen un­ter Zug­zwang. An­woh­ner zeig­ten Ober­bür­ger­meis­ter Fritz Kuhn und Re­gie­rungs­prä­si­dent Wolf­gang Rei­mer (bei­de Grü­ne) an we­gen „Kör­per­ver­let­zung mit To­des­fol­ge und un­ter­las­se­ne Hil­fe­leis­tung“. Zu To­de kam nie­mand, aber der Hand­lungs­druck steigt. Die Um­welt­hil­fe klagt, die EU prüft. Das grün-schwar­ze Lan­des­ka­bi­nett Viel Fe­in­staub be­fin­det sich bei In­ver­si­ons­wet­ter­la­gen in der Luft: In wind­schwa­chen Hoch­druck­la­gen ver­hin­dert war­me Luft in hö­he­ren Schich­ten, dass sich die Schad­stof­fe ver­tei­len. Al­so blei­ben Ab­ga­se in Bo­den­nä­he. Da­her ist der Fe­in­staub im Stutt­gar­ter Tal­kes­sel so oft ein Pro­blem. Aber auch auf dem Land gibt es Fe­in­staub, der auch in der Land­wirt­schaft ent­steht.

re­agiert – aber sach­te – und be­schloss am Di­ens­tag ein Ver­bot klei­ner Feue­rungs­an­la­gen an Ta­gen mit Fe­in­stau­balarm. So ge­nann­te Kom­fort-Ka­mi­ne sind nach den Au­tos die zweit­wich­tigs­te Qu­el­le für Fe­in­staub in Stuttgart. An 50 bis 60 Ta­gen im Win­ter muss das ro­man­ti­sche Feu­er­chen nun aus­blei­ben. Et­wa 20 000 holz­be­feu­er­te Öfen in Pri­vat­haus­hal­ten sind be­trof­fen. Doch wer kon­trol­liert? Und reicht das?

Ak­tu­ell kur­siert ein Gut­ach­ten des Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­ums, wo­nach die „Blaue Pla­ket­te“die wir­kungs­volls­te Maß­nah­me im Kampf ge­gen die schäd­li­chen Mi­ni-Par­ti­kel dar­stellt. Die­se be­kom­men nur Die­sel-Fahr­zeu­ge, die die Eu­ro-6-Norm er­fül­len, al­so als be­son­ders schad­stoff­arm gel­ten, so­wie Ben­zi­ner ab Eu­ro-3-Norm. Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann wä­re so­fort da­bei, aber der Bund lehnt die Pla­ket­te ab; Land und Stadt sind die Hän­de ge­bun­den. Die Grü­nen ap­pel­lie­ren an Vi­ze-Pre­mier Tho­mas Strobl (CDU), sich in Ber­lin da­für stark zu ma­chen. Die Chan­cen ste­hen in­des mä­ßig.

Ver­bots­dis­kus­sio­nen führt die Po­li­tik nie gern. Schon va­ge An­deu­tun­gen pro­vo­zie­ren Ab­wehr­kämp­fe: Der ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Hand­werks­tag hält Fahr­ver­bo­te für die letzt­mög­li­che Lö­sung. Strik­te Ver­bo­te trä­fen klei­ne Be­trie­be und Ar­beit­neh­mer. Nicht nur die au­to­bran­chen­na­he De­kra, auch Stim­men aus AfD und CDU schlu­gen ei­nen Ever­green vor: Was­ser auf die Stra­ßen, um die Schmutz-Par­ti­kel zu bin­den. Das frei­lich hat noch nie funk­tio­niert. CDU-Ver­kehrs­po­li­ti­ker Fe­lix Schrei­ner schlägt klu­ge Ver­kehrs­füh­run­gen vor – al­les, bloß kei­ne Fahr­ver­bo­te. Hin­wei­se, auch Elek­tro­au­tos trü­gen durch Rei­fen­ab­rieb zur Be­las­tung bei, pro­vo­zier­ten Um­welt­schüt­zer. „Es ist un­ver­ant­wort­lich, die Ge­fähr­dung der Ge­sund­heit der Bür­ger­schaft durch zu ho­he Fe­in­staub- und Stick­stoff­di­oxid­emis­sio­nen ein­fach weg­zu­re­den und der hei­li­gen Kuh Au­to­ver­kehr zu op­fern“, er­klär­te der BUND. „Da­mit die EUG­renz­wer­te ein­ge­hal­ten wer­den, muss der Au­to­ver­kehr um die Hälf­te re­du­ziert wer­den. Das geht nicht oh­ne Ver­kehrs­be­schrän­kun­gen.“Da­vor fürch­ten sich al­le.

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