An­stieg der So­zi­al­aus­ga­ben macht Bür­ger­meis­ter rat­los

Städ­te und Ge­mein­den im Saar­land müs­sen im­mer mehr für So­zi­al­leis­tun­gen aus­ge­ben. Das macht har­te Ein­spa­run­gen wie­der zu­nich­te. Die Fol­ge: Frust.

Saarbruecker Zeitung - - LANDESPOLITIK - VON DA­NI­EL KIRCH

SAARBRÜCKEN Es muss un­end­lich frus­trie­rend sein für Bür­ger­meis­ter und Rats­mit­glie­der. Kaum ist ei­ne un­po­pu­lä­re Spar­maß­nah­me wie hö­he­re Steu­ern oder Ge­büh­ren be­schlos­sen, wird sie di­rekt wie­der von der stei­gen­den Kreis­um­la­ge auf­ge­fres­sen. Mit die­ser Um­la­ge zah­len die Land­krei­se die seit Jah­ren ra­sant stei­gen­den So­zi­al- und Ju­gend­hil­fe­aus­ga­ben. Es ist ei­nes der größ­ten Pro­ble­me der SaarKom­mu­nen, wahr­schein­lich so­gar das größ­te. Denn um die Um­la­ge und da­mit die So­zi­al­kos­ten be­zah­len zu kön­nen, müs­sen sich die Städ­te und Ge­mein­den ver­schul­den – „öko­no­mi­scher Un­fug“sei das, sag­te der Di­rek­tor des Re­gio­nal­ver­bands Saarbrücken, Pe­ter Gil­lo (SPD), in sei­ner Re­de zum Haus­halt 2017.

Der Bund be­tei­ligt sich zwar in­zwi­schen stär­ker als frü­her an den So­zi­al­leis­tun­gen, über­nimmt seit Jah­ren bei­spiels­wei­se die Grund­si­che­rung, was die Kreis­um­la­ge vor Jah­ren kurz­zei­tig sin­ken ließ . Doch die Aus­ga­ben für die an­de­ren Leis­tun­gen stie­gen so ge­wal­tig, dass die Um­la­gen schon bald wie­der deut­lich stie­gen (sie­he Grafik). Die bis­he­ri­ge Bun­des-Be­tei­li­gung rei­che bei wei­tem nicht aus, sagt der Prä­si­dent des Saar­län­di­schen Städ­te- und Ge­mein­de­ta­ges, Klaus Lo­rig (CDU). Un­ter den Bür­ger­meis­tern macht sich Rat­lo­sig­keit breit, aber auch Un­mut. „Mir kommt die Gal­le hoch, wenn ich se­he, dass der Bund schwar­ze Zah­len schreibt und in halb Eu­ro­pa gan­ze Staa­ten vor dem Bank­rott ret­tet, aber zu Hau­se die Kom­mu­nen vor die Hun­de ge­hen lässt“, sag­te der Gers­hei­mer Bür­ger­meis­ter Alex­an­der Rubeck (CDU) un­längst in ei­nem SZ-In­ter­view.

Be­son­ders be­trof­fen ist der Re­gio­nal­ver­band Saarbrücken, weil sich dort die so­zia­len Pro­ble­me bal­len. Die Aus­ga­ben des Re­gio­nal­ver­ban­des für So­zi­al- und Ju­gend­hil­fe sind seit 2007 um sa­ge und schrei­be 73 Pro­zent ge­stie­gen. Für 2017 ist ei­ne wei­te­re Stei­ge­rung der Um­la­ge um 20 Mil­lio­nen Eu­ro ge­plant. Be­son­ders dras­tisch stei­gen die Aus­ga­ben für die Hil­fe zur Pfle­ge. Sie wird an Men­schen ge­zahlt, die sich ih­ren Platz im Pfle­ge­heim nicht leis­ten kön­nen. Der ehe­ma­li­ge Völk­lin­ger So­zi­al­de­zer­nent Pe­ter Höt­ger sieht dar­in ei­nen „Spreng­satz für die kom­mu­na­len Haus­hal­te“. Höt­ger hat die Ent­wick­lung der So­zi­al­kos­ten im Re­gio­nal­ver­band un­ter­sucht und kommt zu ei­nem be­un­ru­hi­gen­den Be­fund: Die Städ­te und Ge­mein­den be­fän­den sich mitt­ler­wei­le in ei­ner „Ver­geb­lich­keits­fal­le“. Das be­deu­tet: Sie kön­nen spa­ren, so­viel sie wol­len, es wird nie­mals für ei­nen schul­den­frei­en Haus­halt rei­chen, weil die So­zi­al­kos­ten im­mer neue Lö­cher rei­ßen.

Auch die Aus­ga­ben für die Grund­si­che­rung stei­gen. Die er­stat­tet zwar der Bund, aber auf den Per­so­nal­kos­ten blei­ben die Krei­se und der Re­gio­nal­ver­band sit­zen. Auch vie­le neue Ki­tas und Krip­pen be­deu­ten zu­sätz­li­che Aus­ga­ben (die al­ler­dings po­li­tisch und ge­sell­schaft­lich ge­wollt sind), eben­so ver­ur­sa­chen die Flücht­lin­ge So­zi­al­aus­ga­ben. Höt­ger sagt, oh­ne ei­ne Be­tei­li­gung des Bun­des in Hö­he von jähr­lich 80 Mil­lio­nen Eu­ro an den So­zi­al­kos­ten wer­de „die fi­nanz­po­li­ti­sche Per­spek­tiv­lo­sig­keit“der saar­län­di­schen Kom­mu­nen nicht auf­zu­lö­sen sein.

Da sich die Pro­ble­ma­tik in den an­de­ren Bun­des­län­dern auf­grund der So­zi­al­struk­tur nicht in die­ser Schär­fe stellt, ist zu­min­dest der­zeit nicht er­kenn­bar, dass der Bund deut­lich mehr Geld ins Sys­tem ge­ben wird. Da­her wird ver­stärkt nach Saar­land-spe­zi­fi­schen Lö­sungs­mög­lich­kei­ten ge­sucht. Es sol­len Ef­fi­zi­enz­re­ser­ven aus­ge­lo­tet wer­den. Skep­ti­ker wen­den ein, dass hin­ter den So­zi­al- und Ju­gend­hil­fe­kos­ten Rechts­an­sprü­che ste­hen, die so oder so ge­zahlt wer­den müs­sen, Ein­spa­run­gen al­so gar nicht mög­lich sei­en. Die Be­für­wor­ter wie­der­um wei­sen dar­auf hin, dass es bei den Kos­ten pro Fall zwi­schen den Land­krei­sen im Saar­land so­wie auch zwi­schen den Saar-Krei­sen und Krei­sen in an­de­ren Bun­des­län­dern zum Teil deut­li­che Un­ter­schie­de ge­be, die nicht plau­si­bel zu er­klä­ren sei­en.

Die­se Un­ter­schie­de sol­len nun ge­nau un­ter­sucht wer­den. Den Auf­trag da­zu hat das In­nen­mi­nis­te­ri­um am 16. De­zem­ber 2016 dem Be­ra­tungs­un­ter­neh­men Pri­ce­wa­ter­hou­seCo­o­pers (PwC) er­teilt. Bis An­fang 2018 sol­len Er­geb­nis­se vor­lie­gen. „Wir ver­spre­chen uns da­von ei­ne se­riö­se Grund­la­ge für Dis­kus­sio­nen“, sagt Mar­tin Luck­as, Ge­schäfts­füh­rer des saar­län­di­schen Land­kreis­ta­ges. Das al­les sei po­si­tiv, sagt auch Städ­te­tags-Prä­si­dent Klaus Lo­rig. „Aber es wird uns nicht die struk­tu­rel­le Ent­las­tung brin­gen, die wir wirk­lich brau­chen.“

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