Spi­der­man macht Kin­der ag­gres­siv

Su­per­hel­den soll­ten Vor­bil­der sein. Sie schüt­zen die Doch für Klein­kin­der sind sie kein ge­eig­ne­tes Schwa­chen und be­kämp­fen die Bö­sen. Pro­gramm. Das be­sagt ei­ne neue Stu­die.

Saarbruecker Zeitung - - PANORAMA - VON ANDREA BARTHÉLÉMY

WA­SHING­TON Su­per­man, Spi­der­man oder Cap­tain Ame­ri­ca wir­beln durch das TV-Pro­gramm zahl­rei­cher Vor­schul­kin­der. Wel­che Aus­wir­kun­gen hat das auf die Drei- bis Sechs­jäh­ri­gen? Wer­den sie da­durch ag­gres­si­ver? Oder schau­en sich die Kin­der­gar­ten­kin­der even­tu­ell auch ab, dass Su­per­hel­den sich oft schüt­zend vor Schwä­che­re stel­len?

Ei­ne neue US-Stu­die hat dies jetzt un­ter­sucht und zeigt: Vor al­lem bei Jun­gen stie­gen die Ag­gres­sio­nen – kör­per­lich und auch so­zi­al – si­gni­fi­kant an. Als Vor­bil­der für den Schutz Schwä­che­rer hin­ter­lie­ßen die Su­per­hel­den hin­ge­gen bei Jun­gen wie Mäd­chen kei­nen Ein­druck, stell­ten Sa­rah Coy­ne und ihr Team von der Brig­ham Young Uni­ver­si­ty in Pro­vo (Utah) fest.

Die For­scher hat­ten die El­tern von 240 Kin­der­gar­ten­kin­dern zwi­schen drei und sechs­ein­halb Jah­ren aus ver­schie­de­nen Ein­rich­tun­gen im Ab­stand von ei­nem Jahr be­fragt. Sie soll­ten Aus­kunft dar­über ge­ben, wel­che Su­per­hel­den ih­re Spröss­lin­ge be­vor­zug­ten und auch, in­wie­weit sie sich mit Ta­ten oder Wor­ten ag­gres­siv ge­gen­über an­de­ren ver­hiel­ten.

Auch die Kin­der soll­ten ih­re liebs­ten Su­per­hel­den nen­nen und sa­gen, was sie an ih­nen toll fin­den. Das Spek­trum der Ant­wor­ten reich­te von: „Weil er Net­ze schie­ßen kann und an­de­re ret­tet“bis zu „Weil er zu­schla­gen und al­les zer­stö­ren kann und sich nicht drum schert, denn er ist ein gro­ßer Bul­ly (engl: je­mand, der an­de­re mobbt)“. Die meis­ten der Kin­der (70 Pro­zent) äu­ßer­ten sich im mitt­le­ren, wohl­wol­len­den Be­reich wie: „Weil er cool ist und flie­gen kann.“

Bei der Aus­wer­tung zeig­te sich: Fast 84 Pro­zent der Jun­gen und 82 Pro­zent der Mäd­chen hat­ten schon TV-Se­ri­en oder Fil­me mit Su­per­hel­den ge­se­hen. Je­der fünf­te Jun­ge und et­wa je­des 20. Mäd­chen guck­ten die­ses Pro­gramm wö­chent­lich. Bei bei­den Ge­schlech­tern zeig­te sich – wenn bei den Mäd­chen auch in we­sent­lich ge­rin­ge­rem Aus­maß – dass die Ag­gres­sio­nen bin­nen des Jah­res um­so mehr zu­nah­men, je mehr sich die Kids mit den ver­schie­de­nen Su­per­hel­den be­schäf­tig­ten.

Da­bei scheint es ei­ne un­güns­ti­ge Ver­stär­kung des Ef­fekts zu ge­ben, weil vie­le El­tern die po­si­ti­ven, so­zia­len Sei­ten der Su­per­hel­den of­fen­bar sehr viel deut­li­cher wahr­nah­men als ih­re Kin­der. Die­se sei­en noch zu jung, um oh­ne Hil­fe Äl­te­rer kom­ple­xe, dop­pel­te Struk­tu­ren von Ge­walt und Schutz­ef­fekt zu ver­ste­hen, er­läu­ter­te Coy­ne.

Das be­stä­ti­gen auch deut­sche Ex­per­ten. „Mich wun­dern die Er­geb­nis­se nicht, denn Ge­walt wird in Su­per­hel­den-Ge­schich­ten ei­gent­lich im­mer le­gi­ti­miert“, sagt der So­zi­al­psy­cho­lo­ge Ro­bert Bu­sching, der sich an der Uni Pots­dam mit Me­di­en­ge­walt aus­ein­an­der­setzt. Die Stu­die ha­be di­ver­se ähn­li­che Lang­s­chnitt­stu­di­en aus den ver­gan­ge­nen Jah­ren in der Ten­denz be­stä­tigt – ob­wohl es die ers­te spe­zi­ell zu Su­per­hel­den wie Spi­der­man und Co sei.

Nicht un­ge­wöhn­lich sei eben­falls, dass Mäd­chen we­ni­ger auf Su­per­hel­den ansprä­chen – auch weil es viel we­ni­ger Su­per­hel­din­nen-Fi­gu­ren zur Iden­ti­fi­ka­ti­on ge­be. Das be­ob­ach­tet auch der Münch­ner Me­di­en­päd­ago­ge Micha­el Gurt (Me­di­en­päd­ago­gik-In­sti­tut JFF). Und führt wei­ter aus: „Be­reits im Vor­schul­al­ter wen­det sich ein Teil der Jun­gen „star­ken Kämp­fern“zu, et­wa Star Wars oder Nin­ja­go, wäh­rend für Mäd­chen Ge­schich­ten rund um klei­ne Ent­de­cker und All­tags­aben­teu­er wich­ti­ger sind.“

Es sei gut nach­voll­zieh­bar, dass Vor­schul­kin­der Schwie­rig­kei­ten hät­ten, Ge­walt­as­pek­te und ver­tei­di­gen­des Ver­hal­ten in Su­per­hel­denge­schich­ten zu­sam­men­zu­brin­gen. „Wel­che Bot­schaf­ten bei den Kin­dern an­kom­men, wie sie ge­walt­hal­ti­ge Ge­schich­ten oder Hel­den­fi­gu­ren be­ur­tei­len und wel­che Aspek­te für sie wich­tig sind, ist vom so­zia­len Um­feld ab­hän­gig.“Hier sei ab­so­lut wich­tig, dass El­tern und an­de­re Be­zugs­per­so­nen beim Ein­ord­nen hel­fen.

Gurt glaubt je­doch, dass die Si­tua­ti­on in Deutsch­land we­ni­ger dras­tisch ist. „Im All­tag von Vor­schul­kin­dern sind Su­per­hel­den in Deutsch­land si­cher nicht in ähn­li­cher Form ver­an­kert wie in den USA.“In Deutsch­land do­mi­nier­ten we­sent­lich mehr For­ma­te wie „Die Sen­dung mit der Maus“, „Kik­aka­nin­chen“oder „Leo Lau­se­maus“. „Kin­der brau­chen Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren, die ih­nen am Her­zen lie­gen, ih­nen das Ge­fühl von Ver­traut­heit und Ver­läss­lich­keit bie­ten“, sagt Me­di­en­päd­ago­ge Gurt. Su­per­hel­den, egal ob in Car­toon-Se­ri­en oder im Film, ge­hör­ten nicht da­zu.

„Ge­walt wird in Su­per­hel­denGe­schich­ten ei­gent­lich im­mer le­gi­ti­miert.“

Ro­bert Bu­sching So­zi­al­psy­cho­lo­ge

FOTOS: IMA­GO; AFP

Vor al­lem bei Jun­gen stei­gen die Ag­gres­sio­nen durch Su­per­hel­den wie Spi­der­man deut­lich an.

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