„Ein Pakt für an­stän­di­ge Löh­ne“

Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­rin will Di­enst­leis­tun­gen am Men­schen durch bes­se­re Be­zah­lung auf­wer­ten.

Saarbruecker Zeitung - - WIRTSCHAFT -

BER­LIN In der De­bat­te um mehr so­zia­le Ge­rech­tig­keit regt Ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les ei­nen Pakt für an­stän­di­ge Löh­ne an. Was das heißt und war­um das ge­plan­te Ge­setz zur be­fris­te­ten Teil­zeit noch schei­tern könn­te, er­läu­ter­te die SPD-Po­li­ti­ke­rin im Ge­spräch mit SZ-Kor­re­spon­dent Ste­fan Vet­ter:

SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz trom­melt jetzt für mehr so­zia­le Ge­rech­tig­keit. Was ha­ben Sie falsch ge­macht?

Nah­les Vor al­lem ha­ben wir vie­les rich­tig ge­macht. Al­lem vor­an ha­ben wir den Min­dest­lohn ein­ge­führt und den Miss­brauch von Leih­ar­beit und Werk­ver­trä­gen ein­ge­dämmt. Das wa­ren zwei Kern­ver­spre­chen der SPD. Ei­ne Ko­ali­ti­on setzt aber im­mer Gren­zen. Des­halb bleibt noch viel zu tun. Et­wa im Be­reich pre­kä­re Be­schäf­ti­gung. Be­son­ders jun­ge Men­schen wer­den oft mit be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trä­gen ab­ge­speist – zu fast 40 Pro­zent. Die Ab­schaf­fung der sach­grund­lo­sen Be­fris­tung ge­hört im Wahl­kampf des­halb auf die Agen­da. Denn mit der Uni­on war das bis­lang nicht zu ma­chen.

Schulz macht sich auch für deut­lich hö­he­re Löh­ne stark. Ist das nicht Sa­che der Ta­rif­par­tei­en? Nah­les Rich­tig. Wir be­ob­ach­ten al­ler­dings vor al­lem im Di­enst­leis­tungs­be­reich ei­ne grund­le­gen­de Schief­la­ge, ins­be­son­de­re dort, wo es um Di­enst­leis­tun­gen am Men­schen geht. Al­ten­pfle­ger oder Er­zie­her zum Bei­spiel wer­den chro­nisch schlecht be­zahlt. Das kann so nicht wei­ter­ge­hen. Was wir brau­chen, ist so et­was wie ein Pakt für an­stän­di­ge Löh­ne.

Wie muss man sich das vor­stel­len? Nah­les Wir müs­sen uns dar­über Ge­dan­ken ma­chen, wel­chen Wert der Di­enst am Men­schen tat­säch­lich hat. Das muss sich dann auch in an­stän­di­gen Löh­nen wi­der­spie­geln. In ei­nem nächs­ten Schritt könn­ten die Ta­rif­part­ner zum Bei­spiel ei­nen So­zi­al­ta­rif­ver­trag für die Al­ten­pfle­ge aus­han­deln, der für die ge­sam­te Bran­che gilt. Auf­ga­be der Po­li­tik könn­te es sein, die­sen Pro­zess zu mo­de­rie­ren.

Auch in den Bun­des­län­dern, in de­nen die SPD re­giert, hält man die Ge­werk­schafts­for­de­rung nach sechs Pro­zent mehr Lohn im öf­fent­li­chen Di­enst für viel zu hoch ... Nah­les Ich mi­sche mich nicht in lau­fen­de Ta­rif­ver­hand­lun­gen ein. So et­was lässt sich auch nicht im Rah­men ei­ner ak­tu­el­len Ta­rif­run­de lö­sen. Es geht dar­um, über die Be­wer­tungs­maß­stä­be nach­zu­den­ken, die den Löh­nen zu­grun­de lie­gen. Bund, Län­der und Kom­mu­nen müss­ten sich dar­an be­tei­li­gen, auch als Ar­beit­ge­ber. Und klar ist auch, dass die Fra­ge der Fi­nan­zie­rung da­bei eben­so auf den Tisch ge­hört wie et­wa die Fra­ge nach be­fris­te­ten Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen im öf­fent­li­chen Di­enst.

Zur so­zia­len Un­gleich­heit ge­hört auch ei­ne un­ge­rech­te Be­steue­rung. Was wür­den Sie da­ge­gen tun? Nah­les Ich bin da­für, Er­lö­se aus Ar­beit und Ka­pi­tal gleich zu be­steu­ern und die Ab­gel­tungs­steu­er ab­zu­schaf­fen. Auch die jüngs­te Re­form der Erb­schaft­steu­er ist nicht ge­ra­de ein Ruh­mes­blatt. Denn auf Be­trei­ben der CSU wer­den da­mit ins­be­son­de­re ho­he Ver­mö­gen ge­schützt. Das ent­spricht nicht der Hal­tung der SPD. Die Re­form ge­hört gründ­lich über­ar­bei­tet.

Der her­auf­zie­hen­de Wahl­kampf könn­te Ihr Ge­set­zes­vor­ha­ben für ein Rück­kehr­recht von Teil­zeit- in Voll­zeit­ar­beit er­schwe­ren. Rech­nen Sie wei­ter mit ei­ner Ei­ni­gung? Nah­les Ich wür­de mir ei­ne Ei­ni­gung wün­schen, weil ich da­von über­zeugt bin, dass das Ge­setz so­wohl im In­ter­es­se der Be­schäf­tig­ten als auch der Un­ter­neh­men ist. Vie­le Un­ter­neh­men kla­gen über Fach­kräf­te­man­gel. Gleich­zei­tig gibt es rund 750 000 Frau­en in Teil­zeit, die mehr ar­bei­ten wol­len, dies aber nicht kön­nen, weil sie in der Teil­zeit­fal­le ste­cken. Ich möch­te, dass Frau­en wie Män­ner das Recht be­kom­men, nach ei­ner be­stimm­ten Zeit wie­der in Voll­zeit zu­rück­zu­keh­ren. Das funk­tio­niert im Prin­zip wie bei der El­tern­zeit. Mit dem Ar­beit­ge­ber wird ei­ne be­fris­te­te Teil­zeit ver­ab­re­det und da­nach kehrt man au­to­ma­tisch zur al­ten Ar­beits­zeit zu­rück. Ei­ne Ei­ni­gung gibt es mit mir aber nicht um je­den Preis.

Wie mei­nen Sie das?

Nah­les Ich bin nicht be­reit, ein Ge­setz zu ver­ab­schie­den, das am En­de wir­kungs­los ist. Und an die­sem Punkt lie­gen die Po­si­tio­nen noch weit aus­ein­an­der. Da­bei geht es vor al­lem um die Fra­ge, ab wel­cher Grö­ße ein Be­trieb un­ter das Ge­setz fällt. Das be­reits be­ste­hen­de Recht auf Teil­zeit greift bei Un­ter­neh­men ab 15 Mit­ar­bei­tern. Das ist ei­ne ver­nünf­ti­ge Grö­ßen­ord­nung. Die Vor­stel­lung, man kön­ne die­se Schwel­le be­lie­big hoch­set­zen, ist ab­surd. Dann kann ich mir das Ge­setz spa­ren. Aber so weit sind wir noch nicht. Ich kämp­fe je­den­falls für ein gu­tes Ge­setz. .............................................

FO­TO: DPA

Ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les for­dert auch ei­ne wei­te­re Re­form der Erb­schaft­steu­er.

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