Die Gru­ben-Schatz­tru­he

Fo­to­gra­fie­ren als Hei­mat-Er­for­schung: Die Aus­stel­lung „Das ehe­ma­li­ge loth­rin­gi­sche St­ein­koh­len­re­vier“in Pe­ti­te-Ros­sel­le zeigt, wie we­nig wir Saar­län­der über In­dus­trie­kul­tur jen­seits der Gren­ze wissen.

Saarbruecker Zeitung - - HEIMAT - VON CATHRIN ELSS-SERINGHAUS

PE­TI­TE-ROS­SEL­LE. Die Koh­le kann­te noch nie ei­ne Gren­ze. Geo­lo­gisch muss man das ost­loth­rin­gi­sche und saar­län­di­sche Gru­ben-Re­vier zu­sam­men­den­ken. Po­li­tisch wur­de die Koh­le je­doch be­reits zu Na­po­le­ons Zei­ten zum Streit­ob­jekt zwi­schen Deut­schen und Fran­zo­sen. Es ent­wi­ckel­ten sich un­ter­schied­li­che Be­sitz-und Ver­wal­tungs-Sys­te­me, an­de­re Ab­bau­und Ge­win­nungs­tech­ni­ken (Flöz­ver­lauf) und Be­rufs­aus­bil­dun­gen. Und ob­wohl mit­un­ter bis zu 33 000 Saar­län­der hin­ter der Gren­ze auf Gru­ben ar­bei­te­ten, blieb der Koh­le­ab­bau des Nach­barn wie hin­ter ei­nem ei­ser­nen Vor­hang ver­bor­gen – mehr noch, er galt als ver­nach­läs­sig­ba­re Grö­ße. Aber Berg­bau, das war nun mal deut­sche In­ge­nieurs­kunst und deut­sche brum­men­de Leit­in­dus­trie. Die­ser Dün­kel über­trug sich auf die Re­lik­te der Berg­bau-Ära. Da­von er­zählt Delf Slot­ta, Di­rek­tor des In­sti­tuts für Lan­des­kun­de im Saar­land. Seit 15 Jah­ren or­ga­ni­siert er zu­sam­men mit dem Stu­di­en­lei­ter der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie im Saar­land, Hans-H. Bend­zul­la, ei­nen In­dus­trie­kul­tur-Fo­toWork­shop, der als deutsch-fran­zö­si­sches Hei­mat­kun­de-Pro­jekt gel­ten darf. Der Work­shop be­ginnt mit ei­ner ganz­tä­gi­gen ge­mein­sa­men Er­kun­dungs­fahrt und en­det mit ei­ner Fo­to­aus­stel­lung an wech­seln­den Or­ten. Neun Mal wa­ren die Teil­neh­mer auf saar­län­di­schem Ter­rain un­ter­wegs, fünf Mal auf loth­rin­gi­schem. Bei der letz­ten Tour im Au­gust 2016 wa­ren 40 Saar­län­der da­bei. 22 reich­ten dann Ar­bei­ten für die Aus­stel­lung ein.

Man war zwi­schen Sti­ring-Wen­del, Creutz­wald und Folsch­viller un­ter­wegs. Slot­ta be­rich­tet, der Ex­kur­si­ons­tag sei be­glei­tet ge­we­sen vom per­ma­nen­ten Stau­nen über die Dich­te und Ei­gen­art der Berg­bau-Zeug­nis­se, der am häu­figs­ten ge­hör­te Aus­spruch: „Das hät­ten wir so nie er­war­tet“. Die meis­ten hät­ten über sich selbst den Kopf ge­schüt­telt, über ih­re ei­ge­ne Un­kennt­nis die­ses rei­chen na­hen Mo­tiv-Schat­zes. Slot­ta hält das für ei­ne gu­te Lehr­stun­de: „Kommt run­ter von eu­rer Ar­ro­ganz, dass nur im Saar­land ein rei­ches Er­be steht.“

Man stimmt ihm ger­ne zu, nach dem Be­such der am Frei­tag­abend er­öff­ne­ten Aus­stel­lung „Das ehe­ma­li­ge loth­rin­gi­sche St­ein­koh­le­re­vier“. Sie ist im Foy­er des Berg­ar­bei­ter-Mu­se­ums in Pe­ti­te-Ros­sel­le (Mu­sée Les Mi­n­eurs) auf­ge­baut – an ei­nem Ort, der im­mer noch für vie­le Saar­län­der kei­ne fes­te Adres­se ist. Sonst wä­ren die Be­su­cher­zah­len – sie lie­gen bei rund 30 000 pro Jahr – hö­her. Da­bei hat der Parc Ex­plor, der das ge­sam­te Are­al der frü­he­ren Gru­be Wen­del um­fasst, für das The­men­feld Berg­bau ein ähn­li­ches Po­ten­zi­al wie das Welt­kul­tur­er­be Völk­lin­ger Hüt­te für Ei­sen und Stahl. Zum drit­ten Mal ist Slot­ta mit sei­nem Work­shop-Fi­na­le hier be­reits zu Gast.

44 Fo­tos von 22 Teil­neh­mern ha­ben die Ju­ro­ren Slot­ta und Bend­zul­la aus­ge­sucht. Kri­te­ri­um war nicht der künst­le­ri­sche Wert: „Wir sind nicht auf der Su­che nach der fo­to­gra­fi­schen Blau­en Mau­ri­ti­us“, sagt Slot­ta, „Uns geht es um Ba­sis­ar­beit, um ein Zu­sam­men­rü­cken der Re­gi­on. Die Leu­te fan­gen Feu­er und wer­den zu Mul­ti­pli­ka­to­ren für In­dus­trie­kul­tur.“Das ist der Grund, war­um die Fo­to­gra­fen zu do­ku­men­ta­ri­scher Ar­beit an­ge­hal­ten wer­den, es fin­det sich nichts Ex­pe­ri­men­tel­les.

Aber ge­nau des­halb funk­tio­niert die Aus­stel­lung wie ei­ne ers­te Schnup­per­tour, die zu ei­ge­nen Er­kun­dun­gen an­regt. Denn klar will man hin, zum 60 Me­ter ho­hen „Ro­ten Rie­sen“der Gru­be Folsch­viller, ei­nem Ham­mer­kopf­turm, der sich hin­ter dem Cam­phau­se­ner Ham­mer­kopf­turm-Denk­mal nicht zu ver­ste­cken braucht. Doch in Loth­rin­gen, sagt Slot­ta, ste­hen die we­nigs­ten In­dus­trie­kul­tur-Re­lik­te un­ter Denk­mal­schutz. So könn­te es bald zu spät wer­den für ei­nen Be­such beim his­to­ri­schen Pfer­de­stall der Gru­be St. Charles in Pe­ti­te-Ros­sel­le.

Bei Sa­bi­ne Haf­ner ge­winnt er die be­droh­li­che Ma­gie ei­ner Gru­sel­film-Ku­lis­se. Auf die Lis­te der bis­her um­be­kann­ten Ra­ri­tä­ten lan­det auch die Ju­gend­stil-Ar­chi­tek­tur der Gru­be Saint Fon­tai­ne (St. Avold). Auch fand in Loth­rin­gen ei­ne weit­aus grö­ße­re Ver­dich­tung der Ar­bei­ter in Sied­lun­gen statt. An den Cités fährt man vor­bei, oh­ne aus­zu­stei­gen. Ein Feh­ler, ins­be­son­de­re bei der Cité St. Charles-Haut an der Rue Hu­ber in Pe­ti­te-Ros­sel­le. De­ren Gie­bel-Rei­hung hat Jür­gen Spies in ei­nen reiz­vol­len Bild­aus­schnitt ge­bracht. Dem hin­ge­gen bie­tet der Warndt­wald ganz na­tür­li­che über­ra­schen­de An­sich­ten. Auf fran­zö­si­scher Sei­te ra­gen die För­der­tür­me wie ver­lo­re­ne Zahn­sto­cher aus dem grü­nen Tep­pich. Ge­ne­rell un­ter­schei­det sich das Land­schafts­bild stark. Hal­den ken­nen die Fran­zo­sen nicht, statt­des­sen ent­stan­den durch Sand­gru­ben Can­yons. Der Blick in ei­ne 160 Me­ter tie­fe Schlucht von ei­nem Bel­ve­de­re bei L’Ho­pi­tal hat sich zu ei­ner klei­nen Sen­sa­ti­on ent­wi­ckelt. Dar­auf war­ten an­de­re Or­te noch, man er­fährt es durch die Fo­to­gra­fen.

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