Zwei Män­ner in der afri­ka­ni­schen Höl­le

De­nis John­sons li­te­ra­ri­scher Spio­na­ge­thril­ler „Die la­chen­den Un­ge­heu­er“zieht ziem­lich vie­le Re­gis­ter.

Saarbruecker Zeitung - - KULTUR - VON MAR­TIN HAL­TER

SAAR­BRÜ­CKEN Coo­le Ge­heim­agen­ten, die mit dem Mar­ti­ni in der Hand die Welt ret­ten; ein­sa­me Krea­tu­ren, die den Kal­ten Krieg am Arsch der Welt al­lein aus­fech­ten müs­sen: Das gab es bei Ja­mes Bond oder in den Agen­ten­thril­lern von Gra­ham Gree­ne bis John le Car­ré. Heu­te läuft die Ge­schich­te an­ders. Der 11.Sep­tem­ber, heißt es in „Die la­chen­den Un­ge­heu­er“ein­mal, hat auch in der Welt der Ge­heim­diens­te al­les ver­än­dert: „Die Welt­mäch­te öff­nen ih­re Kas­sen für ei­ne er­wei­ter­te Ver­si­on des al­ten ,gro­ßen Spiels’. Das Geld hat ein­fach kei­ne Gren­ze, und viel da­von wird fürs Ver­pfei­fen und Be­spit­zeln aus­ge­ge­ben.“

Von der Neu­ord­nung der glo­ba­len Si­cher­heits­ar­chi­tek­tur pro­fi­tie­ren aus­ge­rech­net zwei Män­ner, die dem klas­si­schen Ty­pus des Aben­teu­rers ziem­lich na­he kom­men. Ro­land Nair, der Er­zäh­ler, ist ein Ame­ri­ka­ner mit dä­ni­schem Pass (oder um­ge­kehrt), trink­fest, zy­nisch, im Her­zen ro­man­tisch und im Haupt­be­ruf Agent des Na­to-Ge­heim­diensts NIIA. Sein al­ter Freund (und wo­mög­lich bes­ter Feind) Micha­el Adri­ko, Kriegs­wai­se aus dem Clan des Men­schen­fres­sers Idi Amin, hat sich mit Dis­kre­ti­on und Kil­ler­instinkt War­lords, Dik­ta­to­ren und Nach­rich­ten­diens­ten zwi­schen Af­gha­nis­tan und Afri­ka als Si­cher­heits­be­ra­ter emp­foh­len. Bei­de Män­ner sind qua­si von Be­rufs we­gen Ge­heim­nis­krä­mer, Lüg­ner und Ver­rä­ter, und na­tür­lich steht ei­ne schö­ne Frau, die Afro­ame­ri­ka­ne­rin Da­vi­dia, zwi­schen ih­nen. Un­ter die­sen Um­stän­den bleibt von der Män­ner­freund­schaft nur ein ex­plo­si­ves Ge­misch aus ma­ch­o­haf­ter Kum­pa­nei, Ri­va­li­tät, Miss­trau­en und fröh­li­cher Il­loya­li­tät üb­rig.

Nair will sein Wissen über Um­trie­be und tech­ni­sche In­fra­struk­tur der US-Ar­my meist­bie­tend ver­hö­kern, not­falls auch an Al Qai­da. Al­ler­dings sind sei­ne Hand­lungs­fä­hig­keit und er­zäh­le­ri­sche Zu­ver­läs­sig­keit ge­trübt von ver­gif­te­ten Cock­tails, Sex und bö­sem Voo­doo­zau­ber. Micha­el spielt ein noch ge­fähr­li­ches Spiel: Er hat an­geb­lich an­ge­rei­cher­tes Uran aus ei­ner ab­ge­stürz­ten rus­si­schen Ma­schi­ne im Ruck­sack. Micha­el muss sei­ne „Hoch­zeits­rei­se“über­stürzt ab­bre­chen, die Braut schwebt im US-Hub­schrau­ber da­von, der Trau­zeu­ge lan­det im Dschun­gelGuan­ta­na­mo. Aus der Fer­ne hört man ei­ne Scha­ma­nin Men­schen­op­fer for­dern, wäh­rend Pyg­mä­en Blechs­är­ge und ver­ros­te­te Fahr­rä­der hin­ter sich her zie­hen: ei­ne Sze­ne­rie wie in „Apo­ca­lyp­se Now“.

John­son kennt Afri­ka gut und na­tür­lich auch die Re­fe­ren­zen für je­de Rei­se ins Herz der Fins­ter­nis: Jo­seph Con­rads Ro­man und Fran­cis Ford Cop­po­las Film. In sei­nem li­te­ra­ri­schen Road­mo­vie bie­tet er al­les auf, was zwi­schen Sier­ra Leo­ne, Ugan­da und Kon­go am We­ges­rand liegt: Schä­bi­ge Ab­stei­gen im pras­seln­den Re­gen, Bett­ler mit Pro­fes­so­ren­ti­tel, Re­bel­len, Bo­koHa­ram-De­spe­ra­dos und „re­gu­lä­re“Sol­da­ten, die schie­ßend, plün­dernd und ver­ge­wal­ti­gend auf Pick­ups durch die Nacht ra­sen. Ziem­lich ver­lo­ren zwi­schen die­ser vol­len Dröh­nung afri­ka­ni­scher My­then und Rea­li­tät: Wei­ße Agen­ten, Glücks­rit­ter, Dia­man­ten­händ­ler, Mis­sio­na­re, UN-Mit­ar­bei­ter, „Ärz­te oh­ne Ho­sen“.

John­son, Sohn ei­nes US-Of­fi­ziers und in sei­ner Ju­gend Jun­kie, gilt mit Tho­mas Pyn­chon und sei­nem För­de­rer Don DeLil­lo als ei­ner der Groß­meis­ter der ame­ri­ka­ni­schen Pa­ra­noia-Li­te­ra­tur. In Ro­ma­nen wie „Schon tot“und sei­nem Irak-Epos „Ein ge­ra­der Rauch“er­zählt er im­mer wie­der von trau­ma­ti­sier­ten Kriegs­ve­te­ra­nen, durch­ge­knall­ten Gott­su­chern, Lo­sern, ih­ren fieb­rig hei­ßen Hal­lu­zi­na­tio­nen des ame­ri­ka­ni­schen Traums. Zwi­schen­durch schreibt er klei­ne, nicht im­mer ganz stil­si­che­re Gen­re-Par­odi­en.

Auch „Die la­chen­den Un­ge­heu­er“sind nicht frei von Afri­ka-Kli­schees, kom­po­si­to­ri­schen Schwä­chen und sti­lis­ti­schen Un­ge­reimt­hei­ten. Ge­gen En­de sei­ner Rei­se in die Fins­ter­nis scheint John­son die Ori­en­tie­rung zu ver­lie­ren: Doch eben­so schnell löst sich der heil­lo­se „Schla­mas­sel“hin­ter den Fron­ten der of­fi­zi­el­len Welt­ge­schich­te in Cha­os, Co­mic und Wohl­ge­fal­len auf. Aber die mit Le­gen­den, Wer­be­spots und Ver­schwö­rungs­theo­ri­en ge­schwän­ger­te At­mo­sphä­re ist dicht, die Dia­lo­ge sind schnell und hart­ge­sot­ten wie im Film noir, und die Ge­schich­te sel­ber ist im­prä­gniert mit Hu­mor und bit­te­rer Iro­nie. Dem Ro­man mag es an psy­cho­lo­gi­scher Tie­fe feh­len, aber als post­fak­ti­sche Ge­heim­dienst-Sa­ti­re aus den dunk­len Zo­nen am Ran­de der west­li­chen Zi­vi­li­sa­ti­on hat er ei­ni­gen Un­ter­hal­tungs­wert: „Aben­teu­er sind gut für die See­le, den Geist und den Kon­to­stand“.

FO­TO: CINDA LEE JOHN­SON

Au­tor John­son.

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