Wo sich Ju­lia einst ih­rem Ro­meo ver­sprach

In der ita­lie­ni­schen Stadt Ve­ro­na er­fah­ren Rei­sen­de, wie sich Wil­li­am Sha­ke­speare das An­we­sen sei­ner tra­gi­schen Hel­din Ju­lia wohl vor­ge­stellt hat. IN­FO

Saarbruecker Zeitung - - REISE - VON ME­LA­NIE MAI

VE­RO­NA Clai­re ist ver­zwei­felt. Soll die jun­ge En­g­län­de­rin zu ih­rer gro­ßen Lie­be Lo­ren­zo ste­hen oder zu ih­ren El­tern in die Hei­mat zu­rück­keh­ren? Die­se Fra­ge stellt sie Ju­lia, der tra­gi­schen Hel­din aus Wil­li­am Sha­ke­speares wohl be­kann­tes­ter Lie­bes­ge­schich­te. 50 Jah­re spä­ter fin­det die Jour­na­lis­tin So­phie, ge­spielt von Aman­da Sey­fried, eben die­sen Brief – hin­ter ei­nem St­ein im In­nen­hof der „Ca­sa di Gi­uli­et­ta“in Ve­ro­na. „Für wah­re Lie­be ist es nie zu spät“, – so ant­wor­tet die Jour­na­lis­tin als Ju­li­as Se­kre­tä­rin. Kur­zer­hand be­schließt sie, Clai­re, die samt En­kel zu­rück nach Ve­ro­na kommt, zu hel­fen: Ge­mein­sam su­chen sie nach ih­rer gro­ßen Ju­gend­lie­be. Und schließ­lich fin­det Clai­re ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter end­lich ih­ren Lo­ren­zo.

Was im Film „Brie­fe an Ju­lia“aus dem Jahr 2010 un­heim­lich ro­man­tisch an­mu­tet, ba­siert auf wah­ren Be­ge­ben­hei­ten. Denn es gibt nicht nur die „Ca­sa di Gi­uli­et­ta“, in der Ju­lia Ca­pu­let nach Sha­ke­speares Vor­stel­lun­gen ge­lebt ha­ben soll. Es gibt auch Ju­li­as Se­kre­tä­rin­nen, die im Auf­trag der Stadt Ve­ro­na Brie­fe von Ver­lieb­ten, Ge­trenn­ten oder Ver­zwei­fel­ten aus al­ler Welt be­ant­wor­ten. An die 10 000 Schrei­ben sol­len es im Jahr sein. Um die­se Brie­fe küm­mern sich et­wa 20 Se­kre­tä­rin­nen, mal sind es mehr, mal we­ni­ger. Men­schen aus fer­nen Län­dern ar­bei­ten im­mer mal wie­der als Ju­lia auf Zeit. „Und die frei­wil­li­gen Hel­fer ma­chen die­sen Job mit ech­ter Lei­den­schaft“, sagt Gio­v­an­na Ta­mas­sia vom „Club di Gi­uli­et­ta“in Ve­ro­na.

Im Film gibt es ei­ne gro­ße Wand, an der die Be­su­cher ih­re ´Zet­tel mit Bot­schaf­ten, Wün­schen und Träu­men hin­ter­las­sen. Doch wenn man den In­nen­hof des Hau­ses mit der Num­mer 23 in der Via Cap­pel­lo be­tritt, er­öff­net sich ein gänz­lich an­de­res Bild: Die St­einWand ist blank. Statt­des­sen tum­meln sich zahl­rei­che Men­schen auf dem Hof und be­rüh­ren die Brust der Bron­ze-Sta­tue Ju­li­as. Das soll der Le­gen­de nach Glück brin­gen.

Wer Ju­lia sei­ne Ge­füh­le, sei­ne Ängs­te und Sor­gen über­mit­teln möch­te, kann sein Schrei­ben in ei­nen Brief­kas­ten wer­fen. Die­ser steht im In­nern des Hau­ses aus dem 13. Jahr­hun­dert. Da­für se­hen die Be­su­cher nicht nur Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de wie Ju­li­as Bett, sie dür­fen auch den wohl be­rühm­tes­ten Bal­kon der Film­ge­schich­te be­tre­ten. Ei­ne Schlan­ge bil­det sich vor dem Fens­ter, fast je­der Be­su­cher möch­te dort ein Fo­to ma­chen.

Ein Stock­werk hö­her steht er dann, der ro­te Brief­kas­ten. Auch wir wer­fen den Brief ei­ner saar­län­di­schen Ab­sen­de­rin ein – mit der Hoff­nung, dass Ju­lia ihn be­ant­wor­tet. Das kann „ein paar Mo­na­te“, dau­ern, wie Ta­mas­sia weiß. Über­ra­schend ist aber auch die Tat­sa­che, dass die mo­der­ne Ju­lia mit der Zeit geht: Ne­ben dem Brief­kas­ten ste­hen drei Ter­mi­nals; an ih­nen kön­nen Be­su­cher ih­rer li­te­ra­ri­schen Hel­din ei­ne Nach­richt per Mail hin­ter­las­sen. Ein Blick auf die Home­page von „Ju­li­as Club“ver­rät: Die Mails kön­nen mit ei­nem Kon­takt­for­mu­lar auch von zu Hau­se aus ver­sen­det wer­den. Egal ob hand­schrift­lich oder mit dem Com­pu­ter: Al­le Brie­fe wer­den in der je­wei­li­gen Spra­che Im „Club di Gi­uli­et­ta“in Ve­ro­na tre­ten rund 20 frei­wil­li­ge Se­kre­tä­rin­nen in die Fuß­stap­fen von Wil­li­am Sha­ke­speares Hel­din Ju­lia Ca­pu­let: Sie be­ant­wor­ten Brie­fe von Ver­lieb­ten, Ge­trenn­ten oder Ver­zwei­fel­ten aus al­ler Welt. Wer selbst ei­nen Rat­schlag von der mo­der­nen Ju­lia be­kom­men möch­te, kann sei­ne Her­zens­bot­schaf­ten auch per Mail zu­schi­cken. des Ver­fas­sers be­ant­wor­tet. Der Rat­su­chen­de wird per­sön­lich mit Na­men an­ge­spro­chen, die Auf­ma­chung ist sehr lie­be­voll.

Und am En­de gibt es tat­säch­lich ei­nen Rat­schlag für un­se­re Brief­schrei­be­rin. Die ent­schei­den­den Sät­ze in un­se­rem Brief: „Du soll­test auf kei­nen Fall den Glau­ben an die Lie­be ver­lie­ren, denn auch wenn sie stets kom­pli­ziert ist und nicht an der nächs­ten Ecke war­tet – Du wirst Dein Glück fin­den. Glaub an Dich und die schö­nen Din­ge im Le­ben.“

FO­TO: CONCORDE HOME EN­TER­TAIN­MENT GM­BH

So­phie ent­deckt im Film „Brie­fe an Ju­lia“ei­ne ganz be­son­de­re Bot­schaft. In der Rea­li­tät sieht die­se Wand an­ders aus.

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