Kampf ge­gen das Mas­sen­grab Mittelmeer

Tau­sen­de Men­schen ster­ben je­des Jahr auf der Flucht nach Eu­ro­pa. Ein EuGH-An­walt for­dert nun ei­ne Ab­kehr von der Ab­schot­tungs­po­li­tik.

Saarbruecker Zeitung - - THEMEN DES TAGES - VON MAR­TI­NA HER­ZOG

LU­XEM­BURG (dpa) Mil­lio­nen Men­schen hat der mör­de­ri­sche Bür­ger­krieg in Sy­ri­en au­ßer Lan­des ge­trie­ben. Vie­le von ih­nen ha­ben in der Tür­kei Zuflucht ge­fun­den. Da­für, dass die meis­ten von ih­nen es nicht bis nach Eu­ro­pa schaf­fen und dort Asyl be­an­tra­gen kön­nen, sor­gen Zäu­ne, Grenz­pos­ten und ein Flücht­lings­pakt mit der Tür­kei. Bis­lang. Doch wenn es nach ei­nem ein­fluss­rei­chen Gut­ach­ter am Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH) geht, hat die eu­ro­päi­sche Ab­schot­tung bald ein En­de.

Wenn im Hei­mat­land Fol­ter oder un­mensch­li­che oder er­nied­ri­gen­de Be­hand­lung droh­ten, dann dürf­ten EU-Staa­ten die Er­laub­nis zur Ein­rei­se nicht ver­wei­gern, ar­gu­men­tiert Pao­lo Men­goz­zi. Kon­kret müss­ten die Bot­schaf­ten dem­nach künf­tig Flücht­lin­gen welt­weit hu­ma­ni­tä­re Vi­sa aus­stel­len, da­mit sie in der EU Asyl be­an­tra­gen kön­nen. Men­goz­zi ist Ge­ne­ral­an­walt am EuGH und in sei­nem Gut­ach­ten er­klärt er, wie er selbst in die­sem Fall ent­schei­den wür­de. Meist – aber längst nicht im­mer – hal­ten sich die Rich­ter an die­se Stel­lung­nah­men. Der po­li­ti­sche Spreng­stoff ei­nes sol­chen Ur­teils wä­re enorm. „Wenn der Ge­richts­hof der Mei­nung des Ge­ne­ral­an­walts folgt, dann ex­plo­diert ei­ne Bom­be“, sagt der auf Mi­gra­ti­ons­recht spe­zia­li­sier­te Ju­ra­pro­fes­sor Phil­ip­pe De Bruy­cker von der Frei­en Uni­ver­si­tät Brüs­sel. Das Gut­ach­ten stel­le das Grund­prin­zip in Fra­ge, dass Mi­gran­ten es bis nach Eu­ro­pa schaf­fen müs­sen, um dort Asyl zu be­an­tra­gen. „Das wür­de ein rie­si­ges po­li­ti­sches Pro­blem schaf­fen.“

Aus­lö­ser der Aus­ein­an­der­set­zung ist ein bel­gi­scher Fall. Ein Ehe­paar aus dem lan­ge um­kämpf­ten sy­ri­schen Alep­po mit sei­nen drei min­der­jäh­ri­gen Kin­dern reis­te im ver­gan­ge­nen Jahr in den Li­ba­non. In der bel­gi­schen Bot­schaft in Bei­rut be­an­trag­te die Fa­mi­lie Vi­sa für Bel­gi­en, um dort spä­ter Asyl zu be­an­tra­gen. Der Va­ter gab an, er sei von ei­ner be­waff­ne­ten Grup­pe ent­führt, ge­schla­gen und ge­fol­tert wor­den, die Frei­heit ha­be er nur ge­gen Lö­se­geld wie­der­er­langt. Als or­tho­do­xen Chris­ten dro­he ih­nen zu­dem re­li­giö­se Ver­fol­gung. Doch die bel­gi­schen Be­hör­den lehn­ten ab. Der Fall lan­de­te vor Ge­richt und am En­de ba­ten die bel­gi­schen Rich­ter ih­re EuGH-Kol­le­gen zur Hil­fe bei der Aus­le­gung des EU-Rechts. Man kön­ne doch nicht „al­le Per­so­nen auf­zu­neh­men, die ei­ne ka­ta­stro­pha­le Si­tua­ti­on durch­le­ben“, hat­te der bel­gi­sche Staat un­ter an­de­rem ar­gu­men­tiert, nicht „al­le Be­völ­ke­run­gen aus Ent­wick­lungs­län­dern, (Staa­ten) im Krieg oder sol­chen, die von Na­tur­ka­ta­stro­phen heim­ge­sucht wur­den.“

Men­goz­zi, aus des­sen 45-sei­ti­gem Gut­ach­ten auch im­mer mal wie­der der Är­ger über ei­ne sol­che Hal­tung spricht, will das nicht gel­ten las­sen. Die Er­tei­lung na­tio­na­ler Vi­sa re­gelt ei­ne EU-Ver­ord­nung. Da­mit gel­te auch die EUGrund­rech­te­char­ta, ar­gu­men­tiert er. Die wie­der­um schreibt das Recht auf Asyl fest und ver­bie­tet Fol­ter und an­de­re un­mensch­li­che und ent­wür­di­gen­de Be­hand­lung – rea­le Ge­fah­ren für die sy­ri­sche Fa­mi­lie, un­ter­streicht der Gut­ach­ter. Da­mit müs­se ein EU-Staat in sol­chen Fäl­len Vi­sa zur Ein­rei­se ver­ge­ben und Schutz­su­chen­den die Mög­lich­keit ge­ben, in Eu­ro­pa Asyl zu ver­lan­gen. Wer es so­weit schafft, hat als Sy­rer bes­te Aus­sich­ten: 98 Pro­zent der An­trä­ge auf Asyl oder in­ter­na­tio­na­len Schutz wur­den zu­letzt in der EU ge­neh­migt. Ob die Rich­ter in ih­rem in we­ni­gen Wo­chen er­war­te­ten ver­bind­li­chen Ur­teil dem Gut­ach­ter fol­gen? Ju­ra­pro­fes­sor De Bruy­cker meint eben­falls, dass eu­ro­päi­sches Recht gel­te. Für an­greif­bar hält er aber, dass Men­goz­zi die EU-Staa­ten in der Pflicht sieht, Ver­folg­ten die Ein­rei­se zu er­lau­ben. Denn mög­li­cher­wei­se ge­be es ja doch wei­te­re Mög­lich­kei­ten für Sy­rer, sich in Si­cher­heit zu brin­gen, et­wa in der Tür­kei.

Für Men­goz­zi kei­ne Al­ter­na­ti­ven: „In Sy­ri­en blei­ben? Un­vor­stell­bar. Sich skru­pel­lo­sen Schlep­pern an­ver­trau­en, in Le­bens­ge­fahr, um zu ver­su­chen, in Ita­li­en an­zu­le­gen oder nach Grie­chen­land zu ge­lan­gen? Un­zu­mut­bar. Sich da­mit ab­fin­den, il­le­ga­le Flücht­lin­ge im Li­ba­non zu wer­den, oh­ne Aus­sicht auf in­ter­na­tio­na­len Schutz, so­gar mit dem Ri­si­ko, nach Sy­ri­en zu­rück­ge­drängt zu wer­den? In­dis­ku­ta­bel.“

FO­TO: DPA

Tau­sen­de Flücht­lin­ge be­stei­gen jähr­lich ma­ro­de Schlep­per­boo­te, um nach Eu­ro­pa zu ge­lan­gen. Vie­le über­le­ben die ge­fähr­li­che Über­fahrt nicht.

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