20 Mil­lio­nen Eu­ro für ka­put­te Stra­ßen

Das Land ver­spricht al­len Städ­ten und Ge­mein­den sechs­stel­li­ge Sum­men für ih­re Stra­ßen. Das hilft, wird den Sa­nie­rungs­stau aber nicht auf­lö­sen.

Saarbruecker Zeitung - - LANDESPOLITIK - VON DA­NI­EL KIRCH

SAAR­BRÜ­CKEN Es ist schlecht be­stellt um die Stra­ßen der Kom­mu­nen im Saar­land. Wie schlecht, zeigt die Aus­sa­ge ei­nes Bür­ger­meis­ters, der im ver­gan­ge­nen Jahr klag­te, sei­ne recht klei­ne Ge­mein­de ha­be nicht ein­mal mehr Geld, um ei­nen vor Jahr­zehn­ten an­ge­leg­ten Feld­weg aus­zu­bes­sern. Wer mit dem Au­to re­gel­mä­ßig über die Dör­fer fährt und nicht di­rekt ei­nen Au­to­bahn­an­schluss vor der Tür hat, kann ein Lied da­von sin­gen, wie de­so­lat man­cher­orts der Stra­ßen­zu­stand ist. Der Sa­nie­rungs­stau ist ge­wal­tig.

Des­halb legt In­nen­mi­nis­ter Klaus Bouil­lon (CDU) jetzt ein Son­der­pro­gramm auf, „das es in die­ser Form noch nie ge­ge­ben hat“, wie er sagt. 20 Mil­lio­nen Eu­ro ver­spricht Bouil­lon den Städ­ten und Ge­mein­den – Gel­der, mit de­nen kei­ner ge­rech­net ha­be und die in kei­ner Fi­nanz­pla­nung stün­den. Das Land zah­le Fest­be­trä­ge, die Kom­mu­nen müss­ten kei­nen Ei­gen­an­teil leis­ten. Das ist wich­tig, weil vie­le Kom­mu­nen gar kein Geld mehr ha­ben, um die­sen Ei­gen­an­teil zu be­zah­len. „Der vor­zei­ti­ge Bau­be­ginn für al­le Bau­maß­nah­men al­ler Kom­mu­nen ist hier­mit münd­lich er­teilt“, so Bouil­lon. Die Be­wil­li­gungs­be­schei­de sei­en vor­for­mu­liert und wür­den heu­te per Post an die Kom­mu­nen ver­schickt. Bei pas­sen­dem Wet­ter kön­ne mit den Ar­bei­ten be­gon­nen wer­den.

„Sen­sa­tio­nell“fin­det der Prä­si­dent des Saar­län­di­schen Städ­te­und Ge­mein­de­ta­ges (SSGT), Bouil­lons Par­tei­freund Klaus Lo­rig, das neue Pro­gramm. „Das hilft uns un­ge­heu­er.“Sei­ne Stadt Völk­lin­gen wird 503 236 Eu­ro be­kom­men. Das neue Pro­gramm sei ei­ne gu­te Nach­richt, sagt auch Claus Wey­ers, der Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des der Bau­wirt­schaft (AGV Bau) des Saar­lan­des. Die klei­nen und mitt­le­ren Bau-Un­ter­neh­men sei­en von Auf­trä­gen der Kom­mu­nen ab­hän­gig. 20 Mil­lio­nen reich­ten aber bei Wei­tem nicht aus, um den Sa­nie­rungs­stau bei den kom­mu­na­len Stra­ßen auf­zu­lö­sen. Laut Bouil­lon kön­nen mit 20 Mil­lio­nen Eu­ro 200 Ki­lo­me­ter Stra­ße sa­niert wer­den. Er geht al­so da­von aus, dass für 100 Me­ter Stra­ße rund 10 000 Eu­ro be­nö­tigt wer­den. Fürs blo­ße Aus­bes­sern reicht das wohl, doch für ei­ne grund­haf­te Sa­nie­rung, die vie­ler­orts nö­tig ist, lie­ge die Sum­me deut­lich hö­her, sagt Wey­ers.

Wie viel Geld ei­ne Kom­mu­ne er­hält, hängt von der Län­ge ih­res Stra­ßen­net­zes ab. Ei­ne mitt­le­re Kom­mu­ne be­kommt aus dem Pro­gramm zwi­schen 200 000 und 500 000 Eu­ro. Zur Ei­n­ord­nung: Der jähr­li­che Etat zur Stra­ßen­sa­nie­rung liegt in die­sen Kom­mu­nen in der Re­gel im nied­ri­gen sechs­stel­li­gen Be­reich.

Die 20 Mil­lio­nen kom­men aus Be­darfs­zu­wei­sun­gen des Kom­mu­na­len Fi­nanz­aus­gleichs, al­so aus kom­mu­na­len Gel­dern, die das In­nen­mi­nis­te­ri­um ver­wal­tet. Auf An­trag ge­währt das Mi­nis­te­ri­um den Kom­mu­nen aus die­sem Topf Zu­schüs­se für In­ves­ti­tio­nen. Wie viel Geld ei­ne Kom­mu­ne für ein Pro­jekt be­kommt, hängt auch von ih­rer Fi­nanz­si­tua­ti­on ab. Häu­fig wird das in Ge­sprä­chen mit dem Bür­ger­meis­ter aus­ge­han­delt.

Nun wird man­cher fra­gen, wie­so in die­sem Topf an­dert­halb Mo­na­te vor der Land­tags­wahl plötz­lich 20 Mil­lio­nen Eu­ro üb­rig sind. Zu­mal Bouil­lon ge­ra­de erst zehn Mil­lio­nen für ma­ro­de Schwimm­bä­der lo­cker­ge­macht hat. Bouil­lon weist den Ver­dacht, dass es sich um ei­ne Wahl­kampf-Wohl­tat han­deln könn­te, weit von sich. Die Lan­des­re­gie­rung ver­fah­re seit Jah­ren nach dem Mot­to „spa­ren und in­ves­tie­ren“. Die Din­ge wür­den der Rei­he nach ab­ge­ar­bei­tet, zu­erst bei den Schwimm­bä­dern, jetzt auch bei den Stra­ßen.

Die Her­kunft der 20 Mil­lio­nen Eu­ro („ab­so­lut se­ri­ös fi­nan­ziert“) er­klär­te Bouil­lon mit Er­spar­nis­sen, die da­durch zu­stan­de­ge­kom­men sei­en, dass die vor­han­de­nen Mit­tel zum Teil nicht ab­ge­flos­sen sei­en. Vie­le Städ­te und Ge­mein­den hät­ten in den letz­ten Jah­ren Pro­jek­te, für die sie Zu­schüs­se be­an­tragt hät­ten, dann doch nicht um­ge­setzt. Et­wa, weil sie ih­ren Ei­gen­an­teil nicht hät­ten auf­brin­gen kön­nen.

„Klei­ne und mitt­le­re Un­ter­neh­men sind ab­hän­gig von den Auf­trä­gen der Kom­mu­nen.“

Claus Wey­ers

Ar­beit­ge­ber­ver­band der Bau­wirt­schaft

FO­TO: GÄRT­NER/DPA

Vie­le Stra­ßen der hoch­ver­schul­de­ten saar­län­di­schen Städ­te und Ge­mein­den müss­ten von Grund auf er­neu­ert wer­den.

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