„Wer schützt mein Kind im Netz?“

Der Kri­mi­no­lo­ge Tho­mas-Ga­b­ri­el Rü­di­ger will das Sur­fen für Kin­der si­che­rer ma­chen. Ei­ne Idee aus den Nie­der­lan­den könn­te hel­fen.

Saarbruecker Zeitung - - REGION - VON MO­RITZ WE­BER

SAAR­BRÜ­CKEN Zwi­schen Stra­ßen­ver­kehr und In­ter­net be­ste­hen vie­le Par­al­le­len, sagt Deutsch­lands be­kann­tes­ter Cy­ber­po­li­zist Tho­mas-Ga­b­ri­el Rü­di­ger. In bei­den Räu­men tref­fen tag­täg­lich völ­lig frem­de Men­schen auf­ein­an­der. Doch mit ei­nem ge­wal­ti­gen Un­ter­schied: „Un­se­re Kin­der schi­cken wir erst al­lei­ne auf die Stra­ße, wenn wir sie vor­her mit sämt­li­chen Ge­fah­ren ver­traut ge­macht ha­ben. In die di­gi­ta­le Welt ent­las­sen wir sie weit­ge­hend un­vor­be­rei­tet.“

Und das, ob­wohl Deut­sche am Tag mitt­ler­wei­le dop­pelt so viel Zeit in so­zia­len Me­di­en (167 Mi­nu­ten) wie im Stra­ßen­ver­kehr (81 Mi­nu­ten) ver­brin­gen. „Im öf­fent­li­chen Raum kön­nen Kin­der die Po­li­zei bei ei­nem Pro­blem di­rekt an­spre­chen. Im In­ter­net exis­tiert kein sol­cher An­sprech­part­ner.“Für den Kri­mi­no­lo­gen vom In­sti­tut für Po­li­zei­wis­sen­schaft der Fach­hoch­schu­le der Po­li­zei des Lan­des Bran­den­burg ist da­her klar: Ei­ne öf­fent­li­che Dis­kus­si­on über die Zu­stän­dig­keit der Po­li­zei im di­gi­ta­len Raum ist über­fäl­lig.

Bei sei­nem Vor­trag in der Lan­des­me­di­en­an­stalt Saar­land zum The­ma „Selbst­dar­stel­ler, Mob­ber – Straf­tä­ter? Wer schützt Kin­der und Ju­gend­li­che im di­gi­ta­len Raum?“gibt Rü­di­ger, selbst be­geis­ter­ter Ga­mer, ein ein­fa­ches Bei­spiel: „Stel­len Sie sich vor, ein un­be­kann­ter Er­wach­se­ner spielt mit Ih­rem Kind auf dem Spiel­platz – da gin­gen so­fort al­le Alarm­glo­cken an. Im Netz hin­ge­gen ist das All­tag.“Ge­ra­de das so­ge­nann­te Cy­ber­groo­m­ing, das ge­ziel­te An­spre­chen von Kin­dern durch Er­wach­se­ne im In­ter­net mit dem Ziel der An­bah­nung se­xu­el­ler Kon­tak­te, sieht er da­bei als mas­si­ves Pro­blem. Da nur we­ni­ge De­lik­te über­haupt zur An­zei­ge kom­men, ist die Dun­kel­zif­fer be­son­ders hoch. „Kin­der ha­ben Angst, ih­ren El­tern von sol­chen Vor­fäl­len zu be­rich­ten, aus Angst vor Stra­fe“, sagt Rü­di­ger. Oder noch schlim­mer: In­ter­net­ver­bot.

Ein On­line-Spiel, das Rü­di­ger selbst „zockt“, wie er sagt, ist das be­lieb­te „Clash of Clans.“Zwar ist das Spiel ab neun Jah­ren frei­ge­ge­ben, ei­ni­ge der In­hal­te sind aber den­noch kei­nes­wegs ju­gend­frei. In dem Spiel kön­nen sich Grup­pen von Spie­lern zu so­ge­nann­ten Clans zu­sam­men­schlie­ßen, um ge­mein­sam zu spie­len und ge­gen an­de­re Clans zu kämp­fen. Da­bei tra­gen man­che der Clans so ein­deu­ti­ge Na­men wie „Waf­fen SS“, „Al-Qai­da“oder „pe­do­be­ar“, ei­ne im In­ter­net ge­bräuch­li­che Be­zeich­nung für Pä­do­phi­le. Und auch in den Chats ist von ras­sis­ti­schen Be­lei­di­gun­gen bis hin zu Ver­su­chen se­xu­el­ler An­bah­nung al­les zu fin­den.

Ein neuer An­satz aus den Nie­der­lan­den könn­te hel­fen. Im bei Kin­dern und Ju­gend­li­chen be­lieb­ten On­line-Spiel „Hab­bo Ho­tel“rich­te­te die nie­der­län­di­sche Po­li­zei ei­ne vir­tu­el­le Di­enst­stel­le ein, an die sich die Kin­der bei Fra­gen oder Pro­ble­men di­rekt wen­den konn­ten. Mit Er­folg. Die Schlan­gen vor der di­gi­ta­len Po­li­zei­dienst­stel­le wa­ren meist gut ge­füllt. Den­noch er­scheint ei­ne Straf­ver­fol­gung im In­ter­net, das kei­ne staat­li­chen, son­dern nur sprach­li­che Gren­zen kennt, schwie­rig.

Auch des­we­gen sieht Tho­masGa­b­ri­el Rü­di­ger nicht nur die Po­li­zei in der Ver­ant­wor­tung. „El­tern, Schu­le, Staat und Po­li­zei müs­sen zu­sam­men­ar­bei­ten, statt sich den schwar­zen Pe­ter ge­gen­sei­tig zu­zu­schie­ben.“Ge­ra­de Er­wach­se­ne müss­ten ih­re An­wen­dungs­kom­pe­tenz im In­ter­net ver­bes­sern. „El­tern müs­sen ge­nau­so fit in den so­zia­len Me­di­en sein wie ih­re Kin­der“, for­dert Rü­di­ger. Denn, wie im Stra­ßen­ver­kehr, müss­ten El­tern ih­re Kin­der auch im In­ter­net an die Hand neh­men und früh­zei­tig auf mög­li­che Ge­fah­ren hin­wei­sen. Doch das funk­tio­niert nur, wenn man sich in­halt­lich auf Au­gen­hö­he be­wegt.

FO­TO: HAB­BO.IDCGAMES.COM

Im On­li­ne­spiel Hab­bo Ho­tel gibt es ei­ne vir­tu­el­le Di­enst­stel­le der Po­li­zei. Wenn Kin­der Fra­gen ha­ben, be­kom­men sie dort Hil­fe.

FO­TO: LMS/ROSCHY

Tho­mas-Ga­b­ri­el Rü­di­ger

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