Auf der Su­che nach ei­nem Neu­an­fang

Die Re­gis­seu­rin Ju­les Herr­mann stellt ihr Spiel­film­de­büt ,,Lieb­mann“in Saar­brü­cken vor. Der Film wird auch auf der Ber­li­na­le ge­zeigt.

Saarbruecker Zeitung - - KULTUR - VON TO­BI­AS KESS­LER

SAAR­BRÜ­CKEN Wenn er doch end­lich schla­fen könn­te. An Lärm liegt es nicht – in dem fran­zö­si­schen Flach­land­nest, in das sich der Deut­sche Lieb­mann zu­rück­ge­zo­gen hat (oder ge­flüch­tet?), hört man höchs­tens den Wind sach­te durch die Bäu­me säu­seln – ganz sel­ten schallt ein Schuss durchs Di­ckicht. Die Jä­ger, er­klärt Lieb­manns Ver­mie­ter, der nicht schlau wird aus die­sem freund­li­chen, aber wort­kar­gen Mann, des­sen Fran­zö­sisch­kennt­nis­se da­von ab­zu­hän­gen schei­nen, was man ihn fragt (bei Pri­va­tem sind sie nicht mehr vor­han­den).

In ih­rem her­aus­ra­gen­den Spiel­film­de­büt „Lieb­mann“er­zählt die 1970 in Saar­brü­cken ge­bo­re­ne Re­gis­seu­rin Ju­les Herr­mann (plus Buch, Pro­duk­ti­on und Schnitt) die Ge­schich­te ei­nes Rück­zugs, von der Su­che nach ei­nem Neu­an­fang. Et­was nagt, viel­mehr frisst an Lieb­mann, er mag ört­lich weit weg sein von dem, was ge­sche­hen ist, aber es lässt ihn nicht los. „Du er­in­nerst mich an Ines“, sagt er ein­mal zu sei­ner Nach­ba­rin – quä­len ihn Lie­bes­kum­mer oder gar der Tod sei­ner Freun­din/Frau? Der Film lässt lan­ge rät­seln, und wenn er auf Hin­ter­grün­de bli­cken lässt, über­rascht er im­mer wie­der, un­ter­läuft Er­war­tun­gen und bricht mit Won­ne den ei­ge­nen Er­zähl­fluss: Die deut­li­che An­nä­he­rung sei­tens der net­ten Nach­ba­rin wird in ei­nem klei­nen „Film im Film“aus Kin­der­sicht per­si­fliert. Und wenn „Lieb­mann“den Grund der See­len­qual er­klärt und da­bei zeit­wei­se sei­nen luf­ti­gen Er­zähl­duk­tus zu ver­lie­ren droht, ent­geht er die­ser Schwe­re durch ei­nen klei­nen St­rind­berg-Ex­kurs, der wie ei­ne Par­odie aufs klas­si­sche Ar­thouse-Bil­dungs­bür­ger­ki­no wirkt. Wie Herr­mann das al­les fil­misch schlüs­sig un­ter ei­nen Hut be­kommt, ist fa­mos. Bit­ter­süß ist „Lieb­mann“und bei al­lem Kum­mer der Haupt­fi­gur, ein­dring­lich ge­spielt von Go­de­hard Gie­se, auch im­mer wie­der sehr ko­misch, auf stil­le Wei­se. Un­ge­wöhn­lich ist auch die Ent­ste­hung des Films: Herr­mann hat die Idee in sechs Ta­gen ent­wi­ckelt, auf 27 Zet­teln wa­ren Hand­lung und ein­zel­ne Sze­nen skiz­ziert – und los ging es ins nord­fran­zö­si­sche St. Er­me in der Nä­he von Reims. Herr­manns Ar­beits­hy­po­the­se: „Al­les kann, nichts muss – und vi­el­leicht geht al­les schief.“Man ha­be beim Dreh ganz auf In­tui­ti­on ge­setzt, „denn es gab kei­ne Zeit für Ana­ly­se“, sagt Herr­mann bei der Vor­stel­lung des Films im Ki­no Acht­ein­halb. Schnell muss­te es ge­hen, zum ei­nen weil Herr­mann den Dreh selbst fi­nan­ziert hat (Un­ter­stüt­zer ka­men erst spä­ter da­zu) und weil Go­de­hard Gie­se nur knapp drei Wo­chen Zeit hat­te. Gie­se und Herr­mann ken­nen sich seit Jah­ren, sind be­freun­det; er spiel­te in Herr­manns Kurz­film „Aus­zeit“, 2006 im Op­hüls-Wett­be­werb, sie pro­du­zier­te und schnitt Gie­ses Re­gie­de­büt „Die Ge­schich­te vom As­tro­nau­ten“. Schma­le 15 Dreh­ta­ge hat­ten sie nun für „Lieb­mann“, des­sen Hand­lung zwar vor Ort ent­wi­ckelt wur­de, „aber es wur­de nie vor der Ka­me­ra im­pro­vi­siert“, be­tont Herr­mann. Sie woll­te kei­nen je­ner be­tont spon­tan und et­was form­los wir­ken­den Im­pro­vi­sa­ti­ons­fil­me dre­hen, „Lieb­mann“wirkt ge­schlos­sen und buch­stäb­lich form­voll­endet. Ein hal­bes Jahr schnitt Herr­mann, die von 1999 und 2005 Re­gie in Pots­dam stu­dier­te (und zu­vor BWL in Saar­brü­cken), den Film – am En­de un­ter be­son­de­rem Druck, denn die Ber­li­na­le 2016 woll­te den Film als Urauf­füh­rung zei­gen, „da muss­te al­les sehr schnell ge­hen“. Da­nach

hat der Film ei­ne Fes­ti­val-Welt­rei­se an­ge­tre­ten, lief in To­ron­to, Mai­land, Ir­land und Tai­wan. Nur, und das ver­wun­dert Herr­mann an­ge­sichts ih­res in Frank­reich und fast aus­schließ­lich in Fran­zö­sisch ge­spiel­ten Films, hält sich das In­ter­es­se von gal­li­schen Fes­ti­vals oder Ver­lei­hern in Gren­zen. „Wir ha­ben uns lan­ge be­müht, aber jetzt ha­ben wir kei­ne Lust mehr.“Pech für die Nach­barn. .............................................

FO­TO: SE­BAS­TI­AN EGERT / MISSINGFILMS

Man wird lan­ge nicht schlau aus An­tek Lieb­mann: Go­de­hard Gie­se spielt die Ti­tel­rol­le in Ju­les Herr­manns Spiel­film „Lieb­mann“.

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