In der Ark­tis schmel­zen die Küs­ten

Ein Drit­tel al­ler Küs­ten der Er­de liegt in ark­ti­schen Re­gio­nen. Dort sorgt jetzt der Kli­ma­wan­del für dra­ma­ti­sche Ve­rän­de­run­gen des Land­schafts­bil­des. In ei­ni­gen Re­gio­nen frisst sich das Meer pro Jahr um mehr als 20 Me­ter ins Lan­des­in­ne­re vor.

Saarbruecker Zeitung - - WISSEN - VON PE­TER BYLDA

BRE­MER­HA­VEN Die Ark­tis schrumpft. Weil ste­tig stei­gen­de Tem­pe­ra­tu­ren in den so­ge­nann­ten Per­ma­frost­re­gio­nen der Er­de den Bo­den tau­en las­sen, kann das Meer den Küs­ten im­mer mehr Land ab­rin­gen, warnt das Al­f­re­dWe­ge­ner-In­sti­tut für Po­lar- und Mee­res­for­schung (AWI). Die­ser Pro­zess füh­re da­zu, dass sich das Was­ser un­auf­halt­sam ins Land fres­se. Die Wis­sen­schaft­ler ge­hen den Fol­gen des Kli­ma­wan­dels in der Be­aufort­see auf der nord­ka­na­di­schen In­sel Her­schel Is­land nach. Dort ist der Bo­den­ver­lust an der Steil­küs­te mit bis zu 22 Me­tern pro Jahr enorm. Durch­schnitt­lich wür­den die ark­ti­schen Küs­ten pro Jahr um knapp ei­nen drei­vier­tel Me­ter vom Meer ab­ge­tra­gen, be­rich­tet der Po­lar­for­scher Dr. Micha­el Fritz. Das schei­ne im ers­ten Au­gen­blick recht we­nig zu sein, sei aber an­ge­sichts der Län­ge der Küs­ten­li­ni­en ein dra­ma­ti­scher Wert. Ein Drit­tel al­ler Küs­ten der Er­de liegt in ark­ti­schen Re­gio­nen. Sie kom­men zu­sam­men­ge­rech­net auf ins­ge­samt über 400 000 Ki­lo­me­ter, er­klärt der Wis­sen­schaft­ler des AWI.

In der Ark­tis spielt das Eis im Per­ma­frost­bo­den die Rol­le des Ze­ments beim Bau. Es backt un­ter­schied­li­che Be­stand­tei­le des Bo­dens zu ei­ner kom­pak­ten Mas­se zu­sam­men. Bei Tau­wet­ter schmilzt die­ser Ze­ment je­doch. Dann wird aus der kom­pak­ten Mas­se ei­ne brau­ne Pam­pe. Im Eis ein­ge­schlos­se­ne Se­di­men­te, Tier­und Pflan­zen­res­te wer­den von den Wel­len weg­ge­spült. „Der auf­ge­tau­te Per­ma­frost­bo­den rutscht in Form von Schlamm­la­wi­nen ins Meer. Die braun-grau­en Se­di­m­ent­fah­nen rei­chen vie­le Ki­lo­me­ter weit ins Meer“, be­rich­tet Micha­el Fritz. Bei die­sem Ero­si­ons­pro­zess wer­den Treib­haus­ga­se wie Koh­len­di­oxid und Methan frei, aber auch Nähr- und Schad­stof­fe, er­klärt das AWI. Die Mix­tur ver­än­de­re die Le­bens­be­din­gun­gen im Meer­was­ser. Wel­che Kon­se­quen­zen das hat, sei bis­her un­be­kannt. Zum En­de die­ses Jahr­hun­derts könn­te die Ark­tis pro Jahr bis zu sie­ben Mo­na­te eis­frei sein, hat die Uni­ver­si­tät Ham­burg er­rech­net. Das wer­de un­ter an­de­rem zu stär­ke­rem Wel­len­gang füh­ren. Durch die Was­ser­be­we­gung wer­de der heu­te un­ter dem Eis lie­gen­de un­be­rühr­te Mee­res­bo­den zu­sätz­lich auf­ge­wir­belt. Die­ser Ef­fekt kön­ne die Ero­si­on der der Küs­ten ver­stär­ken.

Die Be­ob­ach­tun­gen der AWIS­ta­ti­on auf Her­schel Is­land lie­ßen sich in­zwi­schen auf wei­te Tei­le der Ark­tis über­tra­gen, er­klärt das Al­f­red-We­ge­ner-In­sti­tut. Die Wis­sen­schaft­ler ge­hen da­von aus, dass der Ab­bau der ark­ti­schen Küs­ten we­gen der stei­gen­den Tem­pe­ra­tu­ren dras­tisch zu­neh­men wird, er­klärt Pro­fes­sor Hu­gues Lan­tuit. Da­von sei­en zu­nächst vor al­lem Men­schen be­trof­fen, die vom Fisch­fang le­ben. Wel­che Fol­gen der Ef­fekt für das Le­ben an den Küs­ten hat, sei aber bis­her kaum un­ter­sucht und müs­se un­be­dingt er­forscht wer­den, for­dert das AWI.

Von Per­ma­frost- oder Dau­er­frost­bö­den spre­chen die For­scher, wenn das Erd­reich min­des­tens zwei Jah­re lang ge­fro­ren ist. In der Ark­tis gibt es Ge­bie­te, in de­nen über zwei Drit­tel des Un­ter­grun­des aus Eis be­steht, un­ter an­de­rem in Si­bi­ri­en, be­rich­tet das AWI. Dort gibt es bis zu 1600 Me­ter tief ge­fro­re­ne Bö­den und die aus­ge­dehn­tes­ten Per­ma­frost­re­gio­nen. Sie sind im Mit­tel mi­nus zehn Grad Cel­si­us kalt. Am nied­rigs­ten sind die Tem­pe­ra­tu­ren mit mi­nus 15 Grad Cel­si­us in Ka­na­da. Ver­gleichs­wei­se warm ist der Per­ma­frost auf Spitz­ber­gen mit ei­ner Mit­tel­tem­pe­ra­tur von mi­nus zwei Grad Cel­si­us. Der Per­ma­frost­bo­den be­steht aus zwei Schich­ten, so das AWI. Nur die obers­te Schicht taut im Som­mer et­wa ei­nen Me­ter auf. Dar­un­ter lie­gen ge­fro­re­ne Schich­ten ab­ge­stor­be­ner Pflan­zen­res­te, die we­gen der Käl­te nicht von Mi­kro­ben ab­ge­baut wer­den. Wird es wär­mer, tre­ten die­se Bak­te­ri­en in Ak­ti­on. Sie pro­du­zie­ren Treib­haus­ga­se, die den Kli­ma­wan­del be­schleu­ni­gen. Auch wenn es un­wahr­schein­lich sei, dass schlag­ar­tig gro­ße Men­gen Koh­len­di­oxid und Methan frei­wer­den, dür­fe nicht ver­ges­sen wer­den, dass in Per­ma­frost­bö­den dop­pelt so viel Koh­len­stoff ste­cke, wie heu­te in der At­mo­sphä­re ent­hal­ten sei, er­klärt das In­sti­tut.

FO­TO: OPEL/AWI

So sieht die tau­en­de Steil­küs­te an der klei­nen, rus­si­schen In­sel Muostakh aus. Sie hat in 60 Jah­ren ein Vier­tel ih­rer Flä­che ver­lo­ren.

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