Von der Pflicht zur Rück­kehr

Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel will Ab­schie­bun­gen aus Deutsch­land be­schleu­ni­gen. Heute be­rät sie mit den Län­der­chefs über ih­re Plä­ne.

Saarbruecker Zeitung - - THEMEN ES TAGES - VON WER­NER KOLHOFF

BER­LIN/SAAR­BRÜ­CKEN Der Ton wird deut­lich schär­fer: Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) will die Län­der bei ei­nem Tref­fen mit den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten heute in Ber­lin ver­pflich­ten, ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber kon­se­quen­ter ab­zu­schie­ben. In ei­nem 16 Punk­te um­fas­sen­den Be­schluss­ent­wurf, der un­se­rer Re­dak­ti­on vor­liegt, heißt es, dass in die­sem Jahr mit ei­ner ho­hen Zahl ab­ge­lehn­ter Asyl­an­trä­ge zu rech­nen sei, wes­we­gen es ei­ner „na­tio­na­len Kraft­an­stren­gung“be­dürf­te, um die Rück­kehr die­ser Men­schen zu er­rei­chen. Teils soll sie frei­wil­lig er­fol­gen, teils mit Zwang.

Die Chan­cen für ei­ne Ei­ni­gung ste­hen re­la­tiv gut, denn das Pa­pier war be­reits am Mon­tag in Mün­chen von den Par­tei­chefs von CDU, CSU und SPD in Gr­und­zü­gen dis­ku­tiert wor­den. Strit­tig dürf­te bei dem Gip­fel im Kanz­ler­amt noch sein, ob die von Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) ge­for­der­te „er­gän­zen­de Voll­zugs­zu­stän­dig­keit“des Bun­des in­klu­si­ve mög­li­cher „Bun­des­aus­rei­se­zen­tren“kommt oder nicht. Der Bund leg­te ei­ne ent­spre­chen­de Be­schluss­for­mu­lie­rung vor, im Vor­schlag der Län­der fehlt sie. Ei­ner­seits wür­den die Län­der ei­ne un­an­ge­neh­me Auf­ga­be los­wer­den, an­de­rer­seits Ho­heits­be­fug­nis­se ab­ge­ben.

Weit­ge­hend Kon­sens ist, dass neu an­kom­men­de Asyl­su­chen­de, die nur ge­rin­ge Blei­be­chan­cen ha­ben, di­rekt aus den Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen zu­rück­ge­führt und gar nicht erst auf die Städ­te ver­teilt wer­den. Al­le an­de­ren sol­len so un­ter­ge­bracht wer­den, dass sie je­der­zeit er­reich­bar sind, „zum Bei­spiel in zen­tra­len Aus­rei­se­ein­rich­tun­gen“der Län­der. Und wenn sie ih­re Ab­schie­bung ab­sicht­lich ver­zö­gern, soll ihr Auf­ent­halts­recht räum­lich be­schränkt wer­den kön­nen. Auch soll die ma­xi­ma­le Dau­er des Aus­rei­se­ge­wahr­sams, der un­mit­tel­bar in den Flug­hä­fen voll­zo­gen wird, wenn es kurz­fris­ti­ge Ab­schie­be­hin­der­nis­se gibt, von jetzt vier auf zehn Ta­ge ver­län­gert wer­den.

An­ge­zo­gen wer­den die Dau­men­schrau­ben auch beim Da­ten­schutz: Das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge soll be­fugt wer­den, die Sim-Kar­ten von Asyl­su­chen­den aus­zu­le­sen, um ih­re Iden­ti­tät über­prü­fen zu kön­nen. Für all dies soll „zeit­nah“ein neu­es „Bun­des­ge­setz zur bes­se­ren Durch­set­zung der Aus­rei­se­pflicht“ge­schaf­fen wer­den, das auch ei­nen wei­te­ren Vor­schlag de Mai­ziè­res ent­hal­ten soll: Aus­rei­se­pflich­ti­ge, die als ter­ro­ris­ti­sche „Ge­fähr­der“ein­ge­stuft wer­den, sol­len oh­ne wei­te­re Grün­de in Ab­schie­be­haft ge­nom­men wer­den kön­nen. Bis­her war das nicht mög­lich.

Im letz­ten Jahr wur­den 80 000 ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber zu­rück­ge­führt, et­wa 25 000 von ih­nen zwangs­wei­se. Im Saar­land muss­ten im ver­gan­ge­nen Jahr 218 Asyl­be­wer­ber aus­rei­sen, wo­bei es sich zu­meist um Über­stel­lun­gen im Du­blin-Ver­fah­ren in die üb­ri­gen EU-Staa­ten han­del­te (vor al­lem sy­ri­sche Staats­bür­ger nach Spa­ni­en). 2015 wur­den 334 Per­so­nen ab­ge­scho­ben, der über­wie­gen­de Teil in die West­bal­kan-Staa­ten.

Die frei­wil­li­ge Rück­kehr soll wei­ter­hin ge­för­dert wer­den; der Bund ver­spricht da­zu in dem Pa­pier 90 Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr für Zu­schüs­se und In­te­gra­ti­ons­hil­fen, zu­dem soll es ei­ne flä­chen­de­cken­de Be­ra­tung schon in den La­gern ge­ben. Ge­re­gelt wer­den soll auch die bes­se­re Ko­or­di­nie­rung zwi­schen Bund und Län­dern. So soll es beim Bund ein „Zen­trum zur Un­ter­stüt­zung der Rück­kehr“(ZUR) ge­ben, das zum Bei­spiel bei der Be­schaf­fung von Pas­ser­satz­pa­pie­ren hilft. Auch soll der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter den Län­dern Hin­wei­se für ei­ne „ein­heit­li­che An­wen­dung der Dul­dungs­re­ge­lun­gen“ge­ben.

An die­sem letz­ten Punkt dürf­te es eben­falls Dis­kus­sio­nen ge­ben, denn bis­her hand­ha­ben die Län­der Dul­dun­gen höchst un­ter­schied­lich. Be­son­ders gro­ße Mei­nungs­un­ter­schie­de gibt es um Af­gha­nis­tan. So hal­ten an­ders als der Bund et­li­che rot-grün re­gier­te Län­der die La­ge am Hin­du­kusch der­zeit für zu ge­fähr­lich und wol­len Af­gha­nen nicht ab­schie­ben, son­dern dul­den. CDU-Vi­ze Tho­mas Strobl, In­nen­mi­nis­ter in Ba­den-Würt­tem­berg, for­der­te be­reits Sank­tio­nen ge­gen die­se Län­der­chefs, et­wa die Kür­zung von Bun­des­mit­teln. Un­klar ist, wie sich die Grü­nen, die in zehn Län­dern mit­re­gie­ren, zu den Vor­schlä­gen stel­len wer­den. Die Lin­ke lehn­te das Be­schluss­pa­pier be­reits ve­he­ment ab.

„Es be­darf ei­ner

na­tio­na­len Kraft­an­stren­gung, um

zu­sätz­li­che Ver­bes­se­run­gen in der Rück­kehr­po­li­tik

zu er­rei­chen.“Pas­sa­ge aus Mer­kels

16-Punk­te-Plan

FO­TO: DPA

Wenn sie nicht frei­wil­lig ge­hen, wer­den sie ge­zwun­gen: Die Kanz­le­rin for­dert mehr Kon­se­quenz beim Ab­schie­ben ab­ge­lehn­ter Asyl­be­wer­ber.

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