Der zwei­te Streich ge­gen ei­nen Pu­tin-Geg­ner

Der Kreml-Kri­ti­ker Na­wal­ny will 2018 ge­gen Pu­tin an­tre­ten, darf aber ver­mut­lich nicht. Denn ges­tern wur­de er zu fünf Jah­ren Haft ver­ur­teilt – er­neut.

Saarbruecker Zeitung - - THEMEN ES TAGES - VON KLAUS-HELGE DONATH

KI­ROW „Ha­ben Sie gu­te Nach­rich­ten für mich?“, frag­te der An­ge­klag­te la­chend, als der Rich­ter zur Ur­teils­ver­le­sung den Saal be­trat. „Er­fah­ren Sie gleich“, ant­wor­te­te Rich­ter Ale­xei Wt­ju­rin schmun­zelnd. Was er dann zu ver­kün­den hat­te, war für den An­ti­kor­rup­ti­ons­kämp­fer Ale­xei Na­wal­ny und den mit­an­ge­klag­ten Ge­schäfts­mann Pjotr Ofi­ze­row kei­ne fro­he Bot­schaft. Auch Wt­ju­rin be­fand bei­de der Un­ter­schla­gung für schul­dig. Er ver­las den glei­chen Schrift­satz, der schon beim ers­ten Ver­fah­ren in der Sa­che „Ki­row­les“im Ju­li 2013 vor­ge­tra­gen wur­de. Das zu­min­dest be­haup­te­te Na­wal­ny in ei­ner Vor­le­sungs­pau­se. Der cha­ris­ma­ti­sche Op­po­si­tio­nel­le hat­te für den Fall, dass er noch im Ge­richts­saal fest­ge­nom­men wer­den soll­te, schon ei­ne ge­pack­te Rei­se­ta­sche mit­ge­bracht.

Na­wal­ny und Ofi­ze­row, so lau­te­te die An­kla­ge, sol­len das staat­li­che Un­ter­neh­men „Ki­row­les“um Bau­holz in Hö­he von 250 000 Eu­ro ge­prellt ha­ben. Am En­de er­hiel­ten bei­de auch wie­der das glei­che Straf­maß auf Be­wäh­rung: fünf Jah­re Haft für Na­wal­ny, vier für Pjotr Ofi­ze­row.

Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te (EGHM) hat­te das Ur­teil von 2013 im Fe­bru­ar 2016 be­reits zu­rück­ge­wie­sen. Mit der Be­grün­dung, es hät­te sich um ei­ne üb­li­che un­ter­neh­me­ri­sche Trans­ak­ti­on bei dem Holz­ge­schäft ge­han­delt. Über­dies mo­nier­te das Straß­bur­ger Ge­richt, Pro­zess und Ver­fah­ren in Ki­row hät­ten es an der ge­bo­te­nen Fair­ness man­geln las­sen. Russ­lands Obers­tes Ge­richt hob das Ur­teil dann auf und wies den Fall zur Neu­be­hand­lung an ei­ne un­te­re In­stanz zu­rück. Wie­der an das Ge­richt im 800 Ki­lo­me­ter nord­öst­lich von Mos­kau ge­le­ge­nen Ki­row. Dort sa­ßen nun auch die­sel­ben Staats­an­wäl­te wie schon 2013.

Im De­zem­ber wur­de das neue Ver­fah­ren er­öff­net. Zeit­gleich hat­te Na­wal­ny sei­ne Kan­di­da­tur für die rus­si­schen Prä­si­dent­schafts­wah­len 2018 an­ge­kün­digt. Die Auf­he­bung des Ur­teils mach­te ihn wie­der „wähl­bar“. Nach der rus­si­schen Ge­setz­ge­bung ver­lie­ren we­gen schwe­rer De­lik­te Ver­ur­teil­te den An­spruch, an Wah­len teil­zu­neh­men zu dür­fen. Es gilt als un­wahr­schein­lich, dass der Kreml im Ver­fah­ren ver­sus Na­wal­ny nicht das Dreh­buch ge­schrie­ben ha­ben soll­te. Da­für spricht nicht zu­letzt, dass die An­wäl­te der bei­den An­ge­klag­ten En­de Ja­nu­ar im Nach­hin­ein er­fuh­ren, dass al­le ih­re an­de­ren lau­fen­den Pro­zes­se oh­ne ihr Wis­sen ver­tagt wur­den. Sie soll­ten sich zu ei­ner län­ge­ren Pro­zess­pe­ri­ode in Ki­row ein­fin­den. Der Kreml hat­te es ei­lig.

Die­ser neue Schuld­spruch ver­ur­teilt den am­bi­tio­nier­ten Volks­tri­bu­nen al­so er­neut da­zu, auch die nächs­ten Wah­len nur als Zu­schau­er zu ver­fol­gen – wenn­gleich er wei­ter­hin an­tre­ten will. Na­wal­ny hat­te von An­fang an kei­nen Zwei­fel dar­an ge­las­sen, dass es sich um ei­nen Pro­zess han­de­le, der ihn ab­hal­ten soll­te, Po­li­tik zu ma­chen. „Das ist ein po­li­ti­scher Fall“, mein­te der Ju­rist. Schon im Vor­feld kün­dig­te er an, das „Ur­teil beim EGHM und beim Obers­ten Ge­richt an­zu­fech­ten“.

Na­wal­nys Tä­tig­keit be­schränkt sich zur­zeit auf die Lei­tung ei­ner „Stif­tung für den Kampf ge­gen die Kor­rup­ti­on“. Ihm ge­lingt es im­mer wie­der, Kor­rup­ti­ons­fäl­le der rus­si­schen Eli­te auf­zu­de­cken. Sei­ne Vi­de­os fin­den in der Öf­fent­lich­keit auch Wi­der­hall.

Nach dem Ur­teil im Ju­li 2013 konn­te Na­wal­ny un­er­war­tet an den Bür­ger­meis­ter­wah­len in Mos­kau teil­neh­men. Aus dem Stand er­reich­te er da­mals 27 Pro­zent. Mit dem Ur­teil zeigt der Kreml, dass er sich sei­ner Sa­che doch nicht so si­cher ist. Er fürch­tet den Volks­tri­bun, der 2011 nach den um­strit­te­nen Wah­len zur Du­ma Zig­tau­sen­de De­mons­tran­ten ge­gen die Kreml­par­tei „Ver­ei­nig­tes Russ­land“mo­bi­li­sie­ren konn­te. Pro­duk­ti­on die­ser Sei­te: Rob­by Lo­renz, Frau­ke Scholl Iris Neu-Micha­lik

FO­TO: DPA

Ale­xej Na­wal­ny ist ein er­klär­ter Pu­tin-Geg­ner. Hat­te der Kreml mit dem er­neu­ten Ur­teil zu tun?

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