Viel Lärm um al­les

Nach ta­ge­lan­gen De­bat­ten bil­lig­te ges­tern das bri­ti­sche Un­ter­haus das Ge­setz zum Start des Br­ex­it-Ver­fah­rens. Die Ab­ge­ord­ne­ten sind tief ge­spal­ten, wie der Aus­tritt aus der EU schluss­end­lich um­ge­setzt wer­den soll.

Saarbruecker Zeitung - - POLITIK - VON KA­TRIN PRIBYL

LON­DON Das The­ma eig­net sich nicht ge­ra­de zum Amü­se­ment, die De­tails sind so kom­plex, dass so­gar po­li­ti­sche Be­ob­ach­ter über­for­dert schei­nen. Doch das bri­ti­sche Par­la­ment schaff­te es, dass selbst die ernst­haf­ten De­bat­ten um die EU viel Un­ter­hal­tung zu bie­ten hat­ten. Seit Di­ens­tag ver­gan­ge­ner Wo­che dis­ku­tier­ten die Ab­ge­ord­ne­ten dar­über, ob die Re­gie­rung die Kol­le­gen in Brüs­sel über den Aus­tritts­wunsch un­ter­rich­ten und da­mit den Br­ex­it-Pro­zess ge­mäß Ar­ti­kel 50 der EU-Ver­trä­ge ein­lei­ten darf. Und auch wenn die Ab­stim­mun­gen mehr Form­sa­che wa­ren, ga­ben die De­bat­ten den Ab­ge­ord­ne­ten den­noch die Ge­le­gen­heit, die Trag­wei­te der Br­ex­it-Ent­schei­dung so­wie die un­ter­schied­li­chen Aus­tritts-Mög­lich­kei­ten noch ein­mal zu be­leuch­ten.

Mehr noch als sonst wur­de im Par­la­ment ge­johlt, zwi­schen­ge­ru­fen, scha­den­froh ge­lacht und so­gar ge­pö­belt. Manch­mal ging es zu wie auf der Tri­bü­ne im Fuß­ball­sta­di­on, wie selbst John Ber­cow, der Spre­cher des Un­ter­hau­ses, ges­tern be­merk­te. „Ord­nung, Ord­nung“, rief er. „Es herrscht viel zu viel Lärm.“Die Ge­mü­ter wa­ren er­hitzt ob der Br­ex­it-De­bat­ten, die über­haupt nur we­gen ei­nes Ur­teils des Obers­ten Ge­richts im Par­la­ment statt­fan­den. Im Ja­nu­ar ver­kün­de­ten die höchs­ten Rich­ter, dass Un­ter- und Ober­haus in das Ver­fah­ren um den Start des EU-Aus­tritts ein­ge­bun­den wer­den müs­sen.

Wie er­war­tet stimm­te beim ers­ten Vo­tum vo­ri­ge Wo­che die gro­ße Mehr­heit für das Ge­setz, das Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May die Voll­macht über­trägt, den Schei­dungs­an­trag zu stel­len. 498 Par­la­men­ta­ri­er da­für. 114 da­ge­gen. Auch bei der fi­na­len Ab­stim­mung ges­tern Abend er­teil­ten die Par­la­men­ta­ri­er der Re­gie­rung mit 494 ge­gen 122 Stim­men die förm­li­che Er­laub­nis, die Aus­tritts­ver­hand­lun­gen mit der EU auf­zu­neh­men. Nun geht das Ge­setz noch ins Ober­haus. Die Kon­ser­va­ti­ve darf das Er­geb­nis zwar als gro­ßen Er­folg ver­bu­chen, doch of­fen­bar­ten die De­bat­ten, wie ge­spal­ten das Par­la­ment in der Um­set­zung des Br­ex­its ist. Die Re­gie­rungs­che­fin hat­te kürz­lich an­ge­kün­digt, um Ein­wan­de­rung kon­trol­lie­ren zu kön­nen, ei­nen har­ten Bruch mit Brüs­sel an­zu­stre­ben. Das stößt vie­len pro-eu­ro­päi­schen Par­la­men­ta­ri­ern auf, vor al­lem aus der op­po­si­tio­nel­len La­bour-Par­tei.

May woll­te ih­ren Kri­ti­kern zu­min­dest in ei­nem Punkt ent­ge­gen­kom­men und kün­dig­te an, dass die Ab­ge­ord­ne­ten über den end­gül­ti­gen Aus­tritts­ver­trag ab­stim­men dür­fen, be­vor die­ser dem EU-Par­la­ment vor­ge­legt wird. Zu­vor hat­ten EU-Be­für­wor­ter in ih­rer ei­ge­nen kon­ser­va­ti­ven Par­tei da­mit ge­droht, Än­de­rungs­an­trä­ge der Op­po­si­ti­on zu un­ter­stüt­zen. Doch das ver­meint­li­che Zu­ge­ständ­nis von May wur­de als „Friss-oder-Stir­bVo­tum“kri­ti­siert. Die Op­po­si­ti­on hat­te viel­mehr ge­hofft, Ein­fluss auf die Aus­tritts-Stra­te­gie neh­men zu kön­nen. Tat­säch­lich aber geht es dar­um, „die EU mit oder oh­ne ei­nen aus­ge­han­del­ten Ver­trag zu ver­las­sen“, wie Br­ex­it-Staats­se­kre­tär Da­vid Jo­nes es nann­te. Soll­te das Par­la­ment dem De­al mit Brüs­sel näm­lich nicht zu­stim­men, wird es kei­ne Nach­ver­hand­lun­gen ge­ben, son­dern die Han­dels­be­zie­hun­gen zwi­schen der EU und dem Kö­nig­reich wür­den am En­de durch die Re­geln der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on ge­re­gelt. Das be­inhal­tet auch die Ein­füh­rung von Zöl­len.

FO­TO: AFP/LEAL-OLIVAS

Dunk­le Wol­ken über Lon­don. Im Un­ter­haus fand ges­tern die letz­te De­bat­te vor der Ab­stim­mung über den Start des Br­ex­it-Ver­fah­rens statt.

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