1:0 für Ger­hard dank sei­ner K.o.-Phra­sen

Der Saar­brü­cker Hans-Bernhard-Schiff-Preis­trä­ger Hans Ger­hard glänz­te mit ei­ner Aus­wahl hin­ter­sin­ni­ger Er­zäh­lun­gen im Haus der Uni­ons­stif­tung.

Saarbruecker Zeitung - - KULTUR - VON DA­VID LEMM

SAAR­BRÜ­CKEN Um der Ef­fek­te wil­len trägt Hans Ger­hard, im Brot­be­ruf An­walt, ger­ne dick auf: Die kas­ka­den­haf­ten, der­ben Phra­sen pflü­gen wie Mäh­dre­scher durch die fein ge­ord­ne­ten Welt­bil­der sei­ner Le­ser, um dann ger­ne im ho­hen Ton die Ver­wüs­tung mil­de lä­chelnd zu be­sin­gen. Was ge­nau sich hin­ter die­sem wort­ge­wandt­ge­fäl­li­gen Spiel ver­birgt, lässt Ger­hard of­fen – was am Di­ens­tag in der Uni­on Stif­tung vie­len ge­fiel.

Die im­mer mal kor­por­tier­te Ge­schich­te von der Mut­ter, die mit dem Rek­tor ei­ner Schu­le schlief, da­mit ihr be­hin­der­ter Sohn ver­setzt wur­de, bet­te­te Ger­hard in sei­ne Er­zäh­lung „Spiel­feld­be­gren­zung“ein, in der „je­der nur sei­ne Leis­tung brin­gen muss“. In dem Fall ei­ne Her­ku­les­auf­ga­be: Denn Bernhard ist mit ei­nem at­tes­tier­ten IQ von 71 „er­wie­se­ner­ma­ßen nur lern­be­hin­dert.“Ein Glück, dass es Pro­gram­me gibt, „es gibt ja im­mer ir­gend­wel­che Pro­gram­me“: So steigt Bernhard in der Fuß­ball­grup­pe für Be­hin­der­te zum Na­tio­nal­spie­ler auf, der – so will es Ger­hard – bei der „Welt­meis­ter­schaft für geis­tig Be­hin­der­te“den drit­ten Platz ge­winnt. Nur blöd, dass er ei­nen IQ-Punkt zu viel hat und ihm und der Mann­schaft da­her der Ti­tel ab­er­kannt wird. „Ir­gend­wann kommt je­der nicht mehr wei­ter – egal, ob er be­hin­dert ist oder nicht“, bi­lan­ziert es Ger­hards Text.

Nach die­ser ers­ten Er­zäh­lung feix­te Ger­hard, dass er „nicht die al­ten er­folg­rei­chen Sa­chen, son­dern die neu­en avant­gar­dis­ti­schen“ le­sen wer­de. In sei­ner Ge­schich­te „über die Freu­den des Hal­tens von Fi­schens“ging es vor­der­grün­dig um den Ab­trans­port ei­nes lee­ren Aqua­ri­ums – An­stoß für ei­nen aber­wit­zi­gen in­ne­ren Mo­no­log des na­men­lo­sen Ich-Er­zäh­lers. Für ihn, den Neu­en der Ex-Freun­din des Aqua­ri­ums­be­sit­zers See­ler ist die­ses gan­ze Aqua­ri­um „ei­ne Wis­sen­schaft“– Be­zie­hun­gen sind es auch, wie sich spä­ter her­aus­stellt. Wäh­rend er sich bei See­ler über die kor­rek­te Entsorgung klei­ner Fi­sche im Klo in­for­miert und „die Mög­lich­keit zu­ver­läs­si­ger Be­völ­ke­rungs­schät­zun­gen an­hand des Klo­pa­pier­ver­brauchs“ab­wägt, be­harkt sich sei­ne Freun­din mit ih­rem Ex. Was aber kei­ne Rol­le spielt, denn letzt­end­lich „wer­den wir nie­mals ge­nau wis­sen, wer ge­ra­de am Le­ben ist und wer nicht“, ana­ly­siert der Er­zäh­ler.

Es sind die­se ty­pi­schen K.o.Phra­sen, mit de­nen Ger­hards Er­zähl­in­stan­zen „die im­men­se Spann­brei­te des all­täg­li­chen Irr­s­ins“aus­lo­ten, wie Markus Ges­tier von der Uni­onstif­tung tref­fend die Le­sung kom­men­tier­te. Wenn ein am Tou­ret­te-Syn­drom Er­krank­ter beim Se­gel­turn die „Wind­stil­le“mit sei­nem Ge­schrei stört oder ein Re­dak­teur beim In­ter­view mit dem elo­quen­ten Fuß­bal­ler Vol­can sich in des­sen „ziel­füh­ren­den Match­plan“ver­strickt und da­bei die Spra­che ver­liert, fin­det Ger­hard noch pas­sen­de Wor­te für den ab­sur­den Ver­lust von Ge­wiss­hei­ten. Pro­duk­ti­on die­ser Sei­te: Chris­toph Schrei­ner

Oli­ver Schwambach, Michae­la Hein­ze

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