Sex-Gym­nas­tik im Spiel­zim­mer

„Sex sells“: Nichts il­lus­triert die Gül­tig­keit die­ses Sprich­worts wohl bes­ser als der Me­ga­er­folg der Flach­wa­re „Fif­ty sha­des of Grey“. Mor­gen läuft Teil zwei der ge­die­ge­nen Ero­tik­schnul­ze in vie­len Ki­nos der Re­gi­on an.

Saarbruecker Zeitung - - KULTUR - VON MAR­TIN SCHWI­CKERT

SAAR­BRÜ­CKEN Der „Spie­gel“wuss­te zu be­rich­ten, dass im Zu­ge des Best­sel­ler­er­fol­ges von „Fif­ty sha­des of Grey“die Lon­do­ner Feu­er­wehr ver­mehrt ein­schlä­gi­ge Ein­sät­ze fah­ren muss­te, bei de­nen „Ob­jek­te von Men­schen“und „Men­schen von Ob­jek­ten“fach­kun­dig ent­fernt wer­den muss­ten. Soll noch ei­ner be­haup­ten, die Li­te­ra­tur hät­te kei­nen Ein­fluss auf die ge­sell­schaft­li­che Wirk­lich­keit.

Dass es sich bei E.L. Ja­mes’ Ro­m­an­tri­lo­gie um gu­te Li­te­ra­tur han­del­te, wur­de in den Feuille­tons uni­so­no aus gu­ten Grün­den be­zwei­felt. Aber bei 150 Mil­lio­nen ver­kauf­ten Ex­em­pla­ren in 52 Spra­chen er­le­di­gen sich solch’ läs­ti­ge Qua­li­täts­ka­te­go­ri­sie­run­gen. Da setzt dann ein­fach mal die nor­ma­ti­ve Kraft des Fak­ti­schen ein und gut ist. Und Fakt ist, dass die mehr­heit­lich weib­li­che Le­ser­schaft of­fen­sicht­lich ih­ren Spaß hat­te mit den amou­rö­sen Ver­wick­lun­gen zwi­schen der grun­dunschul­di­gen Col­le­ge-Stu­den­tin Ana­st­a­sia Stee­le und dem schmu­cken Mil­li­ar­där Chris­ti­an Grey, der nichts von Ro­man­tik hält – aber hofft, sei­ne neue Ge­lieb­te als Skla­vin im Sa­do­Ma­so-Lie­bes­spiel zu ge­win­nen. Ging es im ers­ten Teil der Ver­fil­mung noch um rot­wan­gi­ges Ver­liebt­sein, ka­va­liers­mä­ßi­ges Um­gar­nen und ver­spiel­te Ver­trags­ver­hand­lun­gen um Se­xu­al­prak­ti­ken, war am En­de Schluss mit lus­tig.

Nach sechs har­ten Schlä­gen mit dem Gür­tel reich­te es Ana (Da­ko­ta John­son). „Halt! Stop!“wa­ren ih­re letz­ten Wor­te, dann war der Film zu­en­de. In Teil zwei ste­hen nun ernst­haf­te Neu­ver­hand­lun­gen an, in die Ana mit er­stark­tem Selbst­be­wusst­sein hin­ein­geht. Sie kaut nicht mehr auf der Un­ter­lip­pe her­um, macht als Lek­to­rin Kar­rie­re und darf so­gar kurz das Steu­er der Yacht über­neh­men. Freund Chris­ti­an ( Ja­mie Dor­nam) hin­ge­gen sieht stark mit­ge­nom­men aus. Gu­te Be­din­gun­gen zur Läu­te­rung des hüb­schen Per­ver­sen, in des­sen trau­ma­ti­sier­te Psy­che Ana und uns end­lich Zu­gang ge­währt wird. Die Mut­ter war crack­süch­tig; sie, starb, als er vier war. Erst nach drei Ta­gen fand die Po­li­zei den Jun­gen ne­ben der To­ten. „Dan­ke, dass du es mir er­zählt hast“sagt Ana und streicht ihm über den Rü­cken. Die mus­ku­lö­se Män­ner­brust mit den Brand­nar­ben bleibt wei­ter­hin Ta­bu. Am En­de wird Grey nicht nur das L-Wort, son­dern auch das HWort im Mun­de füh­ren und da­zu mit ei­nem Ver­lo­bungs­ring vor der An­ge­be­te­ten nie­der­kni­en. Da­für lässt sich Ana im Pro­zess ge­gen­sei­ti­ger An­nä­he­rung ein biss­chen den Hin­tern ver­soh­len oder Bein­s­prei­ze und Hand­fes­seln an­le­gen. „Bring mich ins Spiel­zim­mer“haucht sie ihm ins Ohr; zur Se­xu­al­gym­nas­tik singt Hal­sey aus dem Off „I am not af­raid any­mo­re“.

Re­gis­seur Ja­mes Fo­ley, der die 600 Buch­sei­ten kräf­tig kon­den­siert und zu ei­nem so­li­den, über­sicht­li­chen Fan­pro­dukt um­ge­ar­bei­tet hat, ach­tet mit fast schon buch­hal­te­ri­scher Pe­ni­bi­li­tät auf das aus­ge­wo­ge­ne Ver­hält­nis zwi­schen Sex­sze­nen und Be­zie­hungs­ge­sprä­chen. Ge­hört doch bei­des zur wah­ren Lie­be, um die es hier­geht, wie im­mer und im­mer wie­der be­tont wird. Die Ero­tik­schnul­ze ist im Ki­no noch ein weit­ge­hend un­er­forsch­tes Gen­re­ge­biet. Fo­leys Mi­schung aus ge­die­ge­ner Por­no­gra­fie, Ja­ne Aus­ten und ei­ner (klei­nen) Pri­se De Sa­de hat Po­ten­zi­al, weil sie die se­xua­li­sier­ten Wahr­neh­mungs­mus­ter der voy­eu­ris­ti­schen Me­di­en­ge­sell­schaft be­dient und für ro­man­ti­sche Be­dürf­nis­be­frie­di­gung sorgt. Da­ge­gen wird uns kein Sa­fe­word hel­fen kön­nen.

Halt! Stop!

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