Un­glaub­wür­di­ges To­hu­wa­bo­hu

Neu im Ki­no: „Ma­dame Chris­ti­ne und ih­re un­er­war­te­ten Gäs­te “von Alex­an­dra Le­clè­re – Tur­bu­len­te Ge­sell­schafts­sa­ti­re oh­ne schlüs­si­ges Kon­zept

Saarbruecker Zeitung - - KINO - Von Mar­tin Schwi­ckert

Der Wohn­raum in Pa­ris ist teu­er und knapp, wie man mitt­ler­wei­le aus ei­ni­gen zeit­ge­nös­si­schen WG-Ko­mö­di­en wie „Früh­stück bei Mon­sieur Hen­ri“und „Ge­mein­sam wohnt man bes­ser“weiß. Alex­an­dar Le­clè­re geht das The­ma nun ein we­nig of­fen­si­ver an, in­dem sie nicht wie die Vor­gän­ger­wer­ke alt und jung, son­dern arm und reich in ei­ne Wohn­ge­mein­schaft hin­ein­zwingt.

Per Re­gie­rungs­de­kret wer­den die Be­sit­zer gro­ßer Woh­nun­gen wäh­rend ei­ner Käl­te­wel­le da­zu ver­don­nert, Ob­dach­lo­se auf­zu­neh­men. Die Nach­richt trifft den erz­kon­ser­va­ti­ven Bau­un­ter­neh­mer Pier­re Du­breuil (Di­dier Bour­don) und sei­ne Frau Chris­ti­ne (Ka­rin Vi­ard) wie ein Schlag. Zu­nächst tun sie das, was al­le Bes­ser­ver­die­nen­den tun: Sie ver­su­chen zu mo­geln und quar­tie­ren die Mut­ter aus dem Al­ters­heim und die afri­ka­ni­sche Haus­häl­te­rin bei sich ein. Die Nach­barn von oben sind auch nicht bes­ser. Die le­sen zwar „Li­be­ra­ti­on“und wäh­len links, aber als es an die Pri­vat­ge­mä­cher geht, hört bei der Uni-Do­zen­tin Béatri­ce (Valé­rie Bon­ne­ton) das po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein auf. Wäh­rend ihr Mann (Mi­chel Vuil­ler­moz) die Ob­dach­lo­se Fa­ti­ma (Fir­mi­ne Richard) und ih­ren klei­nen Sohn rüh­rend be­tü­delt, tut sie sich mit der ras­sis­ti­schen Haus­meis­te­rin (Jo­sia­ne Ba­las­ko) zu­sam­men, um den un­ge­be­te­nen Gast wie­der los zu wer­den.

Wie in den meis­ten west­li­chen Staa­ten ist auch in Frank­reich die Kluft zwi­schen arm und reich in den letz­ten Jah­ren im­mer grö­ßer ge­wor­den. Und da heute je­der in sei­ner Bla­se lebt und die ei­ge­ne so­zia­le Wirk­lich­keit zum Maß­stab macht, liegt die Idee na­he, die Wel­ten auf engs­tem Raum in ei­ner Ko­mö­die auf­ein­an­der pral­len zu las­sen. Le­clè­re tut dies, in­dem sie ih­re Fi­gu­ren zu­nächst als grel­le Klas­sen­kli­schees auf­baut, um dann Brü­che in de­ren Selbst­bild trei­ben zu kön­nen.

Da­bei wer­den den bür­ger­li­chen Prot­ago­nis­ten al­ler­dings ein paar cha­rak­ter­li­che und mo­ra­li­sche Kehrt­wen­dun­gen zu viel zu­ge­mu­tet, bis sich die Sto­ry im­mer mehr in ei­nem un­glaub­wür­di­gen To­hu­wa­bo­hu ver­liert. Dass der Film sich kaum die Mü­he macht, die Fi­gu­ren auf der Ge­ring­ver­die­ner-Sei­te zu cha­rak­te­ri­sie­ren, ge­hört zu den ganz gro­ßen Schwä­chen die­ser Ge­sell­schafts­sa­ti­re, die ei­ne in­ter­es­san­te Grund­idee, aber kein schlüs­si­ges Kon­zept hat.

Frank­reich 2016, 102 Min., Ca­me­ra Zwo (Sb); Re­gie und Buch: Alex­an­dra Le­clè­re; Ka­me­ra: Je­an-Marc Fab­re; Mu­sik: Phil­ip­pe Rom­bi; Darstel­ler: Di­dier Bour­don, Ka­rin Vi­ard, Valé­rie Bon­ne­ton, Jo­sia­ne Ba­las­ko.

Neu im Ki­no: „Ver­narb­te Her­zen“von Ra­du Ju­de – Span­nen­des Zeit­ge­mäl­de

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