Eu­ro­pa muss Tür­kei auch oh­ne Mit­glied­schaft an­bin­den

LEITARTIKEL

Saarbruecker Zeitung - - STANDPUNKT -

Nicht nur die EU war mit hal­bem Her­zen da­bei, als sie die Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei wie­der auf­nahm. Auch die Re­gie­rung in An­ka­ra wuss­te be­reits, als sie im Rah­men des Flücht­lings­ab­kom­mens ei­nen neu­en An­lauf for­der­te, dass das Land kei­ne Chan­ce ha­ben wür­de, zur eu­ro­päi­schen Fa­mi­lie zu ge­hö­ren. Die Be­reit­schaft, zu ei­nem de­mo­kra­ti­schen Rechts­staat nach west­li­chem Vor­bild zu wer­den, war gleich Null. Auch schon vor dem ge­schei­ter­ten – man­che sa­gen: in­sze­nier­ten – Mi­li­tär­putsch im ver­gan­ge­nen Jahr.

Selbst wenn das Land am Bo­spo­rus wil­lens ge­we­sen wä­re, al­le Hin­der­nis­se nach Eu­ro­pa aus dem Weg zu räu­men, blie­be die Hoff­nung auf ei­ne Ra­ti­fi­zie­rung des Auf­nah­me­pro­to­kolls durch die Par­la­men­te al­ler 28 Mit­glied­staa­ten ei­ne Il­lu­si­on. In­so­fern kommt die jet­zi­ge Ab­sa­ge der Christ­de­mo­kra­ten im EU-Par­la­ment we­nig über­ra­schend. Sie wirkt wie ei­ne Neu­auf­la­ge der Mer­kel’schen Idee ei­ner pri­vi­le­gier­ten Part­ner­schaft.

Die­se aber wur­de schon im­mer als Aus­gren­zung der Tür­kei miss­ver­stan­den. Da­bei war sie als In­stru­ment ge­dacht, wei­te­re Staa­ten oh­ne Voll­mit­glied­schaft an die EU zu bin­den. Das Ge­re­de von Mit­glie­dern erster und zwei­ter Klas­se geht da­bei in die fal­sche Rich­tung. Die Ge­mein­schaft ge­rät schon heu­te mit ih­ren 28 Län­dern an den Rand der Un­re­gier­bar­keit, weil die In­ter­es­sen­la­gen zwi­schen Ost und West, Nord und Süd zu un­ter­schied­lich sind. Die In­sti­tu­tio­nen, in de­nen je­der ver­tre­ten ist, sind längst über­for­dert. Aber das wä­ren lös­ba­re Pro­ble­me. Viel ent­schei­den­der ist, dass die Ge­mein­schaft po­li­tisch aus dem Gleich­ge­wicht ge­rie­te, wenn man sich oh­ne Be­schrän­kun­gen nach Os­ten Rich­tung Ukrai­ne, Mol­da­wi­en oder Weiß­russ­land – und dann zur Tür­kei – öff­nen wür­de. Das eu­ro­päi­sche För­der­sys­tem wä­re fi­nan­zi­ell über­for­dert.

Die Su­che nach an­de­ren For­men von An­bin­dung, Part­ner­schaft oder Bünd­nis­sen wird im­mer wichtiger. Es tä­te der Uni­on im Vor­feld ih­res 60. Ge­burts­ta­ges En­de März und an­ge­sichts des in Kür­ze er­war­te­ten Schei­dungs­brie­fes aus Lon­don gut, sol­che Fra­gen nach der ei­ge­nen Kon­struk­ti­on und Ar­beits­wei­se zu­zu­las­sen. Die bald be­gin­nen­den Ver­hand­lun­gen mit Groß­bri­tan­ni­en sind kei­ne Klei­nig­keit. Zwei Jah­re lang ste­hen dann die Grund­pfei­ler der EU im Mit­tel­punkt al­ler Dis­kus­si­on – von der Nie­der­las­sungs­frei­heit bis hin zum Bin­nen­markt. Es ge­hört nicht viel Fan­ta­sie da­zu, sich vor­zu­stel­len, dass die For­de­run­gen Groß­bri­tan­ni­ens eben­so wie die Kri­tik aus Lon­don Fra­gen nach dem Selbst­ver­ständ­nis in an­de­ren Staa­ten und in der Öf­fent­lich­keit aus­lö­sen dürf­ten. Die­ses Nach­den­ken muss auf­ge­grif­fen wer­den, auf sol­che Fra­gen braucht man Ant­wor­ten, weil die Ge­mein­schaft sonst un­vor­be­rei­tet und wehr­los in ei­ne Pha­se hin­ein­geht, in der sie hin­ter­fragt wird. Das kann ei­ne Chan­ce sein, wenn man dar­aus ei­nen Re­form­pro­zess macht, an­statt al­les ab­zu­weh­ren und zu blo­ckie­ren.

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