„Ich ha­be ge­lernt, al­les zu hin­ter­fra­gen“

Auf ih­rer Le­se­rei­se durch das Saar­land will Ay­gen-Si­bel Çe­lik Schü­ler da­zu be­we­gen, Vor­ur­tei­le ge­gen­über Frem­den ab­zu­le­gen.

Saarbruecker Zeitung - - KULTUR REGIONAL - VON GERRIT SCHERER

SAARBRÜCKEN. „Ich hat­te mehr als ein­mal Vor­ur­tei­le“, sagt Ay­gen-Si­bel Çe­lik. Wenn sie von ih­rer Ver­gan­gen­heit er­zählt, wirkt sie nach­denk­lich. Sie hält häu­fig in­ne, als müs­se sie die Zu­sam­men­hän­ge erst noch ord­nen. Da­bei hat sie das längst ge­tan. „Ich ha­be ge­lernt, al­les zu hin­ter­fra­gen“, sagt die Kin­der- und Ju­gend­buch­au­to­rin. Auf ih­rer Le­se­rei­se durch saar­län­di­sche Schu­len will sie ge­nau das an Kin­der und Ju­gend­li­che wei­ter­ge­ben.

In ih­ren Wer­ken geht es um Kind­heits­er­leb­nis­se, Freund­schaft, Pu­ber­tät, aber auch um das Ge­fühl der Fremd­heit. Ih­re ei­ge­ne Kind­heit sei zwar ziem­lich nor­mal ge­we­sen, so die ge­bür­ti­ge Istan­bu­le­rin, die mit an­dert­halb Jah­ren nach Deutsch­land kam. In be­stimm­ten Si­tua­tio­nen hät­te sie trotz­dem das Ge­fühl ge­habt, nicht da­zu­zu­ge­hö­ren. Als ih­re El­tern Deutsch­land wie­der ver­lie­ßen, war Çe­lik 16 Jah­re alt. In der Tür­kei ha­be sie fest­ge­stellt, dass das Land ganz an­ders ist, als sie es sich vor­ge­stellt hat­te: „Ich bin mei­nen Vor­ur­tei­len über die Tür­kei auf­ge­ses­sen.“

Çe­lik stu­dier­te Ger­ma­nis­tik und kehr­te als Er­wach­se­ne nach Deutsch­land zu­rück. Da­bei lief nicht al­les rund. Schnell stell­te sie fest, dass sie Deutsch­land in der Er­in­ne­rung idea­li­siert hat­te. Die Rea­li­tät hol­te sie schnell ein. „Jung, Stu­den­tin, tür­ki­scher Na­me: Das war kei­ne gu­te Kom­bi­na­ti­on, um auf dem da­mals schon an­ge­spann­ten Woh­nungs­markt ei­ne Blei­be zu fin­den“, er­zählt sie. Da ha­be sie zum ers­ten Mal ver­stan­den, wie schwer es hier für ih­re El­tern ge­we­sen sein muss. In­zwi­schen ha­be sich viel ge­tan, meint Çe­lik, auch wenn das we­ni­ger für po­li­ti­sche De­bat­ten gel­te. Sie fin­det, dass es sich lohnt, an­de­re Men­schen ken­nen­zu­ler­nen, auch wenn sie auf den ers­ten Blick nicht zu ei­nem pas­sen.

Das Zu­sam­men­le­ben der Kul­tu­ren hat die heu­ti­ge Kin­der- und Ju­gend­buch­au­to­rin zu ih­rem The­ma ge­macht. Kin­der sei­en sehr un­be­fan­gen, was den Um­gang mit an­de­ren an­geht. „Das muss man vor ne­ga­ti­ven Ein­flüs­sen be­wah­ren“, meint sie.

Ein Bei­spiel da­für sind Si­n­an und Fe­lix aus ih­rem gleich­na­mi­gen Werk. Der tür­ki­sche und der deut­sche Jun­ge fin­den trotz Schwie­rig­keit zu­ein­an­der. Çe­lik idea­li­siert nicht, the­ma­ti­siert auch Pro­ble­me. „Ich will rea­lis­tisch sein“, sagt sie. Und so ent­fal­tet sich am Fuß­ball­spiel der bei­den Jun­gen ei­ne lau­ni­sche Ge­schich­te, an­ge­rei­chert durch ein Wech­sel­spiel zwi­schen deut­scher und tür­ki­scher Spra­che. So drückt Fe­lix mit „Oho“sei­ne Ver­wun­de­rung über die To­re aus, wäh­rend Si­n­an un­ter dem an­ders aus­ge­spro­che­nen, tür­ki­schen „Ohooo-o“so viel wie „Das wird noch bes­ser“ver­steht. „Schon als Kind ist mir auf­ge­fal­len, dass sich vie­le deut­sche und tür­ki­sche Wör­ter äh­neln, aber un­ter­schied­li­che Be­deu­tun­gen ha­ben“, so Çe­lik, die da­rin die Chan­ce sieht, spie­le­risch zu ler­nen.

Noch bis Frei­tag ist die Au­to­rin im Rah­men der vom Fried­richBö­de­cker-Kreis or­ga­ni­sier­ten Le­se­rei­se mit ih­rem Roll­kof­fer und 13 ih­rer Bücher in saar­län­di­schen Schu­len un­ter­wegs. In ih­re Le­sun­gen kön­nen Kin­der und Ju­gend­li­chen auch ei­ge­ne Er­fah­run­gen ein­brin­gen. Für Çe­lik sei das Schöns­te, hin­ter­her zu er­fah­ren, dass auch Kin­der mit vol­lem Ein­satz da­bei wa­ren, die sich sonst we­ni­ger am Un­ter­richt be­tei­li­gen. Sol­che Mo­men­te sind es, die sie dar­an er­in­nern, war­um sie ih­re Stel­le als Re­dak­teu­rin ei­ner Fach­zeit­schrift ge­gen das Ge­schich­ten­schrei­ben ein­ge­tauscht hat.

FO­TOS: ÇE­LIK

Ay­gen-Si­bel Çe­lik wan­del­te zwi­schen den Kul­tu­ren. In Istan­bul ge­bo­ren, leb­te sie ab­wech­selnd in Deutsch­land und in der Tür­kei.

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