Wenn Fahn­der vor der DNA-Bar­rie­re ste­hen

Ge­ne­ti­sche Spu­ren darf die Po­li­zei bis­her kaum für ih­re Ermittlung ver­wen­den. Ba­den-Würt­tem­berg will das än­dern und be­schäf­tigt da­mit den Bun­des­rat.

Saarbruecker Zeitung - - Themen des Tages - VON WER­NER KOLHOFF

BER­LIN Der Mörder war et­wa 40 Jah­re alt, hell­häu­tig, dunk­le Haa­re, blaue Au­gen. Weil es solch de­tail­lier­te Zeu­gen­be­schrei­bun­gen sel­ten gibt, ste­hen die Fahn­der oft vor gro­ßen Pro­ble­men. Da­bei las­sen vie­le Tä­ter so­gar ei­ne Art Pass­fo­to am Tat­ort lie­gen: ih­re DNA. Das Pro­blem ist nur, dass die Er­mitt­ler da­mit bis­her nicht rich­tig ar­bei­ten dür­fen. Das will das grün-schwarz re­gier­te Ba­denWürt­tem­berg nun än­dern. Auch Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Heiko Maas (SPD) aus dem Saar­land ist ei­ner Re­form nicht ab­ge­neigt.

Der Stutt­gar­ter Jus­tiz­mi­nis­ter Gui­do Wolf (CDU), Initia­tor des Vor­ha­bens, warb am Frei­tag im Bun­des­rat für die No­vel­le. In Ba­den-Würt­tem­berg wird der­zeit mit Hoch­druck nach dem Mörder ei­ner jun­gen Jog­ge­rin ge­sucht, es gibt DNA-Spu­ren. Bis­her er­laubt die Straf­pro­zess­ord­nung aber nur, dar­aus das Ge­schlecht ei­nes Ver­däch­ti­gen zu be­stim­men. Au­ßer­dem darf man das Ma­te­ri­al mit dem in Da­tei­en er­fass­ten Erb­gut von Vor­be­straf­ten ab­glei­chen oder ei­nen ge­fass­ten Ver­däch­ti­gen da­mit über­füh­ren. Die Fahn­dung nach ei­nem Un­be­kann­ten aber wird durch die Re­ge­lung be­hin­dert. Die Po­li­zei darf al­len­falls auf­wän­di­ge Rei­hen-Gen­tests ver­an­stal­ten.

Wür­de das Ge­setz ver­än­dert und wür­den die mo­derns­ten Ana­ly­se­ge­rä­te („Next Ge­ne­ra­ti­on Se­quen­cing Tech­no­lo­gy“) ein­ge­setzt, hät­ten die Er­mitt­ler viel mehr Informationen: Das Al­ter mit ei­ner Ge­nau­ig­keit von drei bis fünf Jah­ren, die Haar­far­ben rot, blond, braun oder schwarz (mit 75 bis 90 Pro­zent Ge­nau­ig­keit), die Au­gen­far­be braun oder blau (90 bis 95 Pro­zent) und auch, ob der Tä­ter ein heller oder dunk­ler Haut­typ ist (98 Pro­zent). Die Er­mitt­lun­gen könn­ten sich dann auf ei­nen viel en­ge­ren Kreis be­schrän­ken und Mas­sen­tests ge­ziel­ter durch­ge­führt wer­den. In Hol­land und Frank­reich wird das Ver­fah­ren be­reits prak­ti­ziert. Wolf: „Das Recht darf den Be­zug zum tech­ni­schen Fort­schritt und zum Rechts­emp­fin­den der Bür­ger nicht ver­lie­ren“.

Theo­re­tisch wä­re mit 99-pro­zen­ti­ger Si­cher­heit auch fest­stell­bar, ob je­mand Asia­te, Eu­ro­pä­er oder Afri­ka­ner ist. Da­ge­gen hat­ten die Süd­west-Grü­nen je­doch Be­den­ken an­ge­mel­det. Sie fürch­ten, so et­was kön­ne zu ei­nem Ge­ne­ral­ver­dacht ge­gen gan­ze Be­völ­ke­rungs­grup­pen füh­ren, et­wa ge­gen al­le Asia­ten in ei­ner Stadt. Bay­ern for­der­te am Frei­tag in der Län­der­kam­mer je­doch ei­ne Er­wei­te­rung der Lis­te um die­ses Kri­te­ri­um. Kon­sens ist, dass die Un­ter­su­chung und Ver­öf­fent­li­chung von Merk­ma­len, die nichts mit dem Aus­se­hen zu tun ha­ben, et­wa die Ver­an­la­gung zu Erb­krank­hei­ten, ver­bo­ten bleibt.

Die Re­form hat auch Kehr­sei­ten, auf die Da­ten­schüt­zer hin­wei­sen. So kön­nen Tä­ter ab­sicht­lich fal­sche Gen­spu­ren le­gen; die Zi­ga­ret­ten­kip­pe ei­nes Frem­den reicht. Un­sau­ber­kei­ten am La­bor­ma­te­ri­al kön­nen die Fahn­der in die Ir­re füh­ren, wie das im Fall der NSU-Mor­de ge­schah. Zu­dem sind an Op­fern von schwe­ren Straf­ta­ten oft meh­re­re Gen-Spu­ren zu fin­den, zum Teil aus harm­lo­sen Be­geg­nun­gen im All­tag.

Ei­ner vor­sich­ti­gen Re­form will sich aber auch Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Maas nicht ver­schlie­ßen. Man prü­fe den ge­setz­ge­be­ri­schen Hand­lungs­be­darf, er­klär­te sein Mi­nis­te­ri­um ge­gen­über der SZ auf An­fra­ge. Im Ju­ni sol­le das The­ma beim Jus­tiz­mi­nis­ter­tref­fen er­ör­tert wer­den. Ei­ne klei­ne­re Än­de­rung ha­ben Bund und Län­der be­reits auf den Weg ge­bracht: Wer­den bei Mas­senGen­tests „Bei­na­he-Tref­fer“er­zielt, ist al­so ei­ne DNA zwar nicht mit der Tat­ort-DNA iden­tisch, aber sehr ähn­lich, kön­nen künf­tig auch na­he Ver­wand­te zur Spei­chel­pro­be auf­ge­for­dert wer­den.

„Das Recht darf den Be­zug zum tech­ni­schen Fort­schritt und zum Rechts­emp­fin­den der Bür­ger nicht ver­lie­ren.“

Gui­do Wolf,

Jus­tiz­mi­nis­ter von Ba­den-Würt­tem­berg

FO­TO: DPA

Bei DNA-Tests darf im Po­li­zei-La­bor nur das Ge­schlecht des Ver­däch­ti­gen er­mit­telt wer­den. Kri­ti­ker for­dern, mehr Fak­to­ren aus­zu­wer­ten.

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