Schnell­boot See­ho­fer hängt Tan­ker CSU ab

ANA­LY­SE Der plötz­li­che Schul­ter­schluss mit Kanz­le­rin Mer­kel macht der CSU schwer zu schaf­fen. Der Par­tei­chef über­for­dert mit sei­nen Schwenks vie­le.

Saarbruecker Zeitung - - Standpunkt - VON RALF MÜLLER

MÜN­CHEN Nie­mand kann es wun­dern, dass es der­zeit in der CSU ächzt und knirscht. Die im Schnell­ver­fah­ren vor ei­ner Wo­che her­ge­stell­te Har­mo­nie mit der Schwes­ter­par­tei CDU und ih­rer Vor­sit­zen­den An­ge­la Mer­kel hat vie­le an der CSU-Par­tei­ba­sis et­was ir­ri­tiert, um es ein­mal ganz zu­rück­hal­tend aus­zu­drü­cken.

Nach 17 Mo­na­ten Streit mit zum Teil mas­si­ven Vor­wür­fen, Rechts­gut­ach­ten ge­gen die Ber­li­ner Po­li­tik, Kla­ge­an­dro­hun­gen und ei­ner der sicht­lich ver­är­ger­ten Kanz­le­rin auf of­fe­ner Büh­ne des CSUPar­tei­tags zu­ge­mu­te­ten Straf­pre­digt rieb sich man­cher ver­wun­dert die Au­gen, als CSU-Chef Horst See­ho­fer die CDU-Par­tei­che­fin am ver­gan­ge­nen Mon­tag als „vor­züg­lich“pries und sie zur ge­mein­sa­men Kan­di­da­tin aus­rief.

Mer­kel gab sich im ge­mein­sa­men Auf­tritt vor den Me­di­en ei­ni­ger­ma­ßen miss­mu­tig. Hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren bei der ge­mein­sa­men Sit­zung der Prä­si­di­en von CDU und CSU in Mün­chen sei es viel lo­cke­rer und freund­schaft­li­cher zu­ge­gan­gen, ver­si­cher­ten Teil­neh­mer. Wo­mög­lich hat­te Mer­kel trotz al­ler Tef­lon-Ei­gen­schaf­ten doch so ih­re Pro­ble­me, gu­te Mie­ne zu dem von so man­chem als „Schmie­ren­thea­ter“emp­fun­de­nen Schauspiel zu ma­chen. Oder sie woll­te si­gna­li­sie­ren, dass doch nicht al­les ver­ges­sen und ver­ge­ben ist und ihr Ge­dächt­nis län­ger zu­rück reicht als ei­ne Wo­che.

Dass dann noch am ver­gan­ge­nen Di­ens­tag SPD-Bun­des­prä­si­den­ten­kan­di­dat Frank-Wal­ter St­ein­mei­er im baye­ri­schen Land­tag Hof hielt und SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz mit der SPD in Um­fra­gen an der CSU vor­bei zieht, ver­bes­ser­te die Stim­mung in der CSU nicht. Är­ger und Ver­zagt­heit be­kam See­ho­fer in ei­ner Sit­zung der CSU-Land­tags­frak­ti­on zu spü­ren. Zum ers­ten Mal seit langer Zeit macht sich bei den Christ­so­zia­len so et­was wie Neid auf den Auf­schwung der sonst vor al­lem in Bay­ern be­lä­chel­ten So­zi­al­de­mo­kra­tie breit.

See­ho­fer macht sich ge­le­gent­lich lus­tig über die kurz­fris­ti­gen Auf­ge­regt­hei­ten, die ab und an sei­ne Mit­strei­ter er­grei­fen. Tat­säch­lich kommt der Hy­pe für die Schulz-SPD reich­lich früh – zu früh, um schon jetzt ei­nen Durch­marsch bei der Bun­des­tags­wahl En­de Sep­tem­ber zu pro­gnos­ti­zie­ren. Und auch die Miss­stim­mung in der CSU über den plötz­li­chen Kurs­wech­sel hält si­cher nicht vie­le Mo­na­te an.

Gleich­wohl sieht es so aus, als wä­re dem be­gna­de­ten Tak­ti­ker und Dop­pel­stra­te­gen See­ho­fer nun doch ein Feh­ler un­ter­lau­fen. So hilf­reich der be­grenz­te Kon­flikt mit der Mer­kel’schen Flücht­lings­po­li­tik für die CSU und ihr Be­stre­ben, die AfD in Bay­ern klein zu hal­ten, auch war: Der CSU-Chef hät­te doch eher die Kur­ve be­kom­men müs­sen.

Schon län­ger mahn­ten ihn po­li­ti­sche Mit­strei­ter, das „Mer­kelBa­shing“nicht zu über­trei­ben. Doch noch ei­nen Mo­nat vor dem Ver­söh­nungs­tref­fen stell­te es See­ho­fer de­mons­tra­tiv in Fra­ge. Da­bei stand von An­fang an fest, dass die CSU letzt­lich kei­ne Al­ter­na­ti­ve zur Un­ter­stüt­zung Mer­kels als Uni­ons-Kanz­ler­kan­di­da­tin ha­ben wür­de.

Der Spie­ler See­ho­fer liebt es, hoch zu po­kern, und auch schnel­le Stra­te­gie­wech­sel ge­hö­ren be­kannt­lich zum po­li­ti­schen In­stru­men­ta­ri­um des CSU-Chefs. Doch die Wen­de- und Ma­nö­vrier­fä­hig­keit ei­ner Par­tei mit 144 000 Mit­glie­dern, die in Bay­ern seit Jahr­zehn­ten wie ei­ne Staats­par­tei agiert, ist be­grenzt. Der Su­per­tan­ker CSU tut sich schwer, dem Schnell­boot See­ho­fer zu fol­gen. Bei dem Ver­such kann der Damp­fer schon mal ins Sch­lin­gern kom­men. Und das tut er der­zeit.

Zum ers­ten Mal seit langer Zeit macht sich bei den Christ­so­zia­len so et­was wie Neid auf den Auf­schwung der So­zi­al­de­mo­kra­tie breit.

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