Fünf Le­bens­ge­schich­ten in ei­nem Band

Mi­gran­tin­nen er­zäh­len in ei­nem neu­en Buch von ih­ren Er­in­ne­run­gen an die al­te Hei­mat und ih­re Fin­dungs­pha­se in Saarbrücken.

Saarbruecker Zeitung - - Regionalverband - VON NICOLE BARONSKY-OTTMANN

SAARBRÜCKEN „Am schwie­rigs­ten war, das Ver­trau­en auf­zu­bau­en und die Frau­en da­von zu über­zeu­gen, dass ih­re Er­in­ne­run­gen kost­bar und in­ter­es­sant ge­nug für ein Buch sind“, be­ton­te Ca­ro­la Stahl am Don­ners­tag­nach­mit­tag im U2-Raum in Saarbrücken. Dort stell­ten sie das Buch „Le­bens­bil­der. Er­in­ne­run­gen von Mi­gran­tin­nen“vor. Ca­ro­la Stahl ist die Au­to­rin des Buchs, sie hat die Er­in­ne­run­gen von fünf Frau­en, Tug­ba Dir­lik­li, Ay­se Bag­ci, Far­wa und Eher­ja Azam so­wie Emi­ne Is­gö­ren auf­ge­schrie­ben. Die­sen Frau­en dank­te Micha­el Bur­kert, Ge­schäfts­füh­rer der Saar­to­to Gm­bH, in sei­nem Gruß­wort für den Mut, ih­re Ge­schich­ten preis­ge­ge­ben zu ha­ben. Das Buch ist das Er­geb­nis ei­nes län­ge­ren Pro­jek­tes. Das er­klär­te Wolf­gang Biehl, Ge­schäfts­füh­rer des Dia­ko­ni­schen Wer­kes an der Saar, bei der Be­grü­ßung. „Es ist un­ter An­lei­tung der Ge­mein­we­sen­ar­beit Burbach ent­stan­den“, be­rich­te­te er. Dort ar­bei­tet auch Emi­ne Is­gö­ren. Seit zehn Jah­ren leitet sie den Frau­en­treff, wo sich ganz un­ter­schied­li­che Frau­en im Lau­fe der Zeit ge­gen­sei­tig ih­re Le­bens­ge­schich­ten er­zählt ha­ben – von ih­ren Er­in­ne­run­gen an die Hei­mat in der Tür­kei oder in Pa­kis­tan und der Um­ge­wöh­nungs­und Fin­dungs­pha­se in der neu­en Hei­mat in Saarbrücken. Da­mit die­se Er­in­ne­run­gen nicht ver­lo­ren ge­hen, hat­te Emi­ne Is­gö­ren die Idee, sie auf­zu­schrei­ben. Pe­tra Junk von der Ge­mein­we­sen­ar­beit Burbach hat­te die­sel­be Idee. Und sie kann­te Ca­ro­la Stahl, die sich als Bio­gra­fin von Le­bens­bil­dern in Saarbrücken ei­nen Na­men ge­macht hat.

Der Fun­ke sprang gleich über, und ge­mein­sam mach­ten sich Ca­ro­la Stahl und Emi­ne Is­gö­ren dar­an, die Ge­schich­ten der Frau­en auf­zu­schrei­ben. „Aber dann muss­ten wir zu­erst das Ver­trau­en der Frau­en we­cken“, sag­te Ca­ro­la Stahl. Da­zu ka­men Sprach­schwie­rig­kei­ten, denn die Frau­en er­zähl­ten ih­re Ge­schich­ten in tür­ki­scher Spra­che. Emi­ne Is­gö­ren über­setz­te die Be­rich­te ins Deut­sche, und Ca­ro­la Stahl schrieb die Ge­schich­ten auf. Doch dann muss­ten die Tex­te wie­der ins Tür­ki­sche zu­rück­über­setzt wer­den, da­mit die Er­zäh­le­rin­nen sie kor­ri­gie­ren konn­ten. „Das war gar nicht so leicht, denn wir muss­ten auf­pas­sen, dass nicht nur die Wor­te, son­dern auch die Ge­füh­le rich­tig über­setzt wur­den“, be­rich­te­te Emi­ne Is­gö­ren.

Nun, nach über zwei Jah­ren, lie­gen die Er­geb­nis­se die­ser Er­in­ne­rungs­ar­beit in Buch­form vor, fünf Mi­gran­tin­nen ha­ben den Mut ge­fun­den und er­zäh­len da­rin Teile ih­rer Le­bens­ge­schich­ten. Tug­ba Dir­lik­li und Ay­se Bag­ci – Far­wa und Eher­ja Azam muss­ten er­krankt ab­sa­gen – sa­ßen am Don­ners­tag im Pu­bli­kum, als Ca­ro­la Stahl und Emi­ne Is­gö­ren aus dem Buch vor­la­sen. Die Bio­gra­fi­en im Buch sind in deut­scher Spra­che, bei der Le­sung wur­den die Pas­sa­gen aber auch ins Tür­ki­sche über­setzt, da­mit al­le Be­su­cher die Tex­te ver­ste­hen konn­ten. Da­bei ging Ca­ro­la Stahl nicht chro­no­lo­gisch vor, son­dern sie sprang in den Bio­gra­fi­en hin und her.

So konn­ten die Zu­hö­rer die ähn­li­chen Er­fah­run­gen der Frau­en di­rekt ver­glei­chen. Und man hör­te von dem Ehr­geiz, un­be­dingt Deutsch ler­nen zu wol­len, um in der Schu­le end­lich mit „der net­ten Sil­ke“re­den zu kön­nen. Oder von Er­in­ne­run­gen an Reisen in die al­te Hei­mat, mit ei­nem auf der Hin­rei­se voll­ge­pack­ten Au­to mit Scho­ko­la­de, Haut­creme und Je­ans und auf der Rück­rei­se mit duf­ten­den Ge­wür­zen und Pis­ta­zi­en.

Die Zu­hö­rer er­fuh­ren auch von der Ar­beit als Heb­am­me, die aber auf Drän­gen der Fa­mi­lie des Man­nes auf­ge­ge­ben wer­den muss­te, und von den Schwie­rig­kei­ten, sich plötz­lich in ei­ner frem­den Kul­tur zu­recht­fin­den zu müs­sen. Und sie er­fuh­ren, wie sich die Frau­en als „Wan­de­rin­nen zwi­schen den Kul­tu­ren“füh­len. Die Ge­schich­ten die­ser star­ken Frau­en ma­chen Mut – wie gut, dass sie nun nicht mehr ver­ges­sen wer­den kön­nen. ............................................. „Le­bens­bil­der. Er­in­ne­run­gen von Mi­gran­tin­nen“.

FO­TO: IRIS MAU­RER

Ay­se Bag­ci, Emi­ne Is­gö­ren und Tug­ba Dir­lik­li (ers­te, drit­te und vier­te von links) sind drei der Er­zäh­le­rin­nen, hier mit der Au­to­rin Ca­ro­la Stahl (Zwei­te von links) und Pe­tra Junk von der Ge­mein­we­sen­ar­beit (rechts).

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