KUL­TUR

Hy­per­rea­lis­mus vom Feins­ten: Die Städ­ti­sche Ga­le­rie Neun­kir­chen zeigt in ei­ner er­le­se­nen Schau das ma­le­ri­sche Werk des Ham­bur­gers Jo­chen Hein.

Saarbruecker Zeitung - - Saarland - VON CHRIS­TOPH SCHREINER

In der Städ­ti­schen Ga­le­rie Neun­kir­chen sind noch bis Mit­te April Wer­ke des Ma­lers Jo­chen Hein zu se­hen.

NEUN­KIR­CHEN Die Per­spek­ti­ve, aus der „Fi­let IV“(das ers­te, gleich rech­ter Hand des Ein­gangs zu se­hen­de Bild) ge­malt ist, wirkt dra­ma­tisch auf­ge­la­den: Wir schei­nen von oben auf ei­nen we­ni­ge Me­ter ent­fern­ten Mee­res­stru­del zu bli­cken. Als kreis­ten wir im Hub­schrau­ber dicht dar­über und könn­ten durch ei­ne Bo­den­lu­ke die schäu­men­de See stu­die­ren. Das Spin­nen­netz der Gischt. Die Ver­hei­ßun­gen der Tie­fe. Das Er­ah­nen der Stru­del. Gleich mit die­sem ers­ten, 130 mal 180 Zen­ti­me­ter gro­ßen Ge­mäl­de er­liegt man Jo­chen Heins Hy­per­rea­lis­mus. Auch wenn sich dies im Fort­gang in Tei­len dann re­la­ti­viert.

„Über die Tie­fe“ist die Neun­kir­cher Aus­stel­lung des Ham­bur­gers Hein (56) über­schrie­ben. Auch wenn die See­stü­cke das Um­wer­fends­te die­ser Schau sind: Der Ti­tel spielt nicht al­lei­ne auf die Mee­res­tie­fe an, die Hein aus dem Il­lu­si­ons­wun­der sei­ner Lein­wand­flä­che in drit­ter Di­men­si­on evo­ziert. In die Tie­fe füh­ren auch sei­ne groß­for­ma­ti­gen Por­träts, in de­nen sich aus dem tief­schwar­zen, fast den ge­sam­ten Bild­raum ein­neh­men­den Grund nur die Ge­sich­ter und Hän­de der Dar­ge­stell­ten her­aus­schä­len. Ge­nau­so wie auch die Land­schaf­ten Heins in das vor­drin­gen, was als Emp­fin­dungs­raum jen­seits der Im­pres­si­on liegt. Meer, Grün, Per­so­nen: Da­mit sind die drei Su­jets der Schau be­nannt.

Wo­bei das Herz­stück der Aus­stel­lung die See­stü­cke sind, zu de­nen auch zwei neun­tei­li­ge Se­ri­en ge­hö­ren. Wäh­rend „Schwe­re See“(Acryl-Klein­for­ma­te auf Büt­ten­pa­pier) qua­si ei­nen Blick in die Werk­statt er­öff­net, weil sich hier gut stu­die­ren lässt, mit wel­chen ma­le­ri­schen Mit­teln Hein na­tu­ra­lis­ti­sche Il­lu­sio­nen er­zeugt, il­lus­triert die Se­rie „Se­e­ne­bel“, wie der in Ham­burg le­ben­de Ma­ler Licht­und Wit­te­rungs­wech­sel kon­ge­ni­al in Far­be über­setzt.

„Ko­chen­de See II“, das zwei­te See-Groß­for­mat, zeigt pars pro to­to das ma­le­ri­sche Prin­zip Heins: Was aus ein paar Me­tern Ent­fer­nung wie ei­ne mit dem Te­le­ob­jek­tiv her­an­ge­zoom­te Auf­nah­me ei­nes Stücks to­sen­den Mee­res wirkt, löst sich beim Her­an­tre­ten an das Ge­mäl­de in ei­ne Kas­ka­de von feins­ten Farb­sprit­zern auf, wo­bei die Weiß­flä­chen wie ge­spritz­ter Farb­nie­sel­re­gen wir­ken. Die Lein­wand lüf­tet zwar nicht die Werk­statt-Ge­heim­nis­se von Heins Schaf­fens­pro­zess. Of­fen­bart aber die so aus der Dis­tanz nicht zu er­war­ten­de Flä­chig­keit sei­nes Farb­auf­trags – aus­ge­nom­men das mehr als fünf Me­ter brei­te, ei­nen sicht­ba­re­ren Pin­sel­strich zei­gen­de Tri­pty­chon „Nord­see“– und die durch meh­re­re Grun­die­rungs­schich­ten von Dun­kel zu Hell ent­ste­hen­de Sog­wir­kung die­ser Ge­mäl­de. Ih­re Ma­gie macht aus, dass die Realismus-Il­lu­si­on in Abs­trak­ti­on grün­det: Aus der Nä­he ato­mi­siert sich je­des Bild in Tup­fer, Sprit­zer und Stri­che. Wenn man weiß, dass Hein sei­ne Na­tur­bil­der nicht nach Vor­la­gen malt und eben­so viel erup­ti­ve Zu­fäl­lig­keit wie hand­werk­li­che Tech­nik in sie hin­ein­legt, lässt sich ih­re ma­le­ri­sche Qua­li­tät ge­nau­er be­mes­sen.

Wenn man so will, zei­gen Heins Mee­res­for­schun­gen den Tri­umph der Ma­le­rei über die Fo­to­gra­fie – zu­min­dest in den groß­for­ma­ti­gen See­stü­cken. Denn Heins Park- und Wie­sen­land­schaf­ten ent­wi­ckeln nicht die­sel­be Wucht. Ma­le­risch eben­so ma­kel­los, fehlt ih­nen die Au­ra der Meer­bil­der. Vi­el­leicht weil ih­re Mo­ti­ve – Heins groß­for­ma­ti­ge, be­ste­chen­de Gras­stu­di­en nie­der­ge­drück­ter Hal­marea­le aus­ge­nom­men – ei­ne Spur zu lieb­lich, zu träu­me­risch sind.

Blei­ben noch die acht se­ri­el­len Por­träts im For­mat 1,80 mal 1,30 Me­ter: Selt­sa­mer­wei­se hebt sich ih­re Wir­kung in der An­ein­an­der­rei­hung gera­de­zu auf. Zwar bleibt der Schach­zug zün­dend, Ge­sich­ter und Hän­de sche­ren­schnitt­ar­tig her­aus­zu­lö­sen und so die Wir­kung von Klei­dung als so­zia­len In­di­ka­tor zu eli­mi­nie­ren. Weil man um­so aus­dau­ern­der nach Spu­ren in den Ge­sich­tern sucht (und dank Heins alt­meis­ter­li­cher Trans­pa­renz­ga­be fün­dig wird). Aber das se­ri­el­le Prin­zip schwächt hier das ein­zel­ne Ge­mäl­de. Weil die Mach­art qua Wie­der­ho­lung zu sehr in den Vor­der­grund rückt und zur Por­trätMa­sche wird. Will sa­gen: We­ni­ger ist tat­säch­lich manch­mal mehr. ............................................. Bis 17. April. Mi-Fr: 10-18 Uhr; Sa: 10-17 Uhr; So: 14-18 Uhr. Ge­führ­ter Rund­gang mit Ga­le­rie­lei­te­rin Ni­co­le Nix-Hauck: 19. 2. (15 Uhr). Künst­ler­ge­spräch am 7. 4. (18 Uhr).

FOTOS: JO­CHEN HEIN/ KA­TA­LOG STÄD­TI­SCHE GA­LE­RIE NEUN­KIR­CHEN

Ein Hö­he­punkt der Schau: „Ko­chen­de See II“(1,00 mal 1,40 Me­ter).

Aus der Por­trät-Se­rie Jo­chen Heins: „Jes­si­ne“(1,80 mal 1,30 Me­ter).

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