Hö­cke droht nach Ho­lo­caust-Re­de doch AfD-Aus

Der AfD-Vor­stand will den um­strit­te­nen Thü­rin­ger aus der Par­tei wer­fen. Ob das ge­lingt, ist aber noch völ­lig of­fen.

Saarbruecker Zeitung - - Erste Seite - VON WER­NER KOLHOFF

BER­LIN/SAARBRÜCKEN (dpa/ine) Die AfD-Spit­ze will den Thü­rin­ger Lan­des­chef Björn Hö­cke nun doch we­gen sei­ner um­strit­te­nen Re­de zum Ho­lo­caust-Ge­den­ken los­wer­den. Nach Par­tei-An­ga­ben be­schloss der Bun­des­vor­stand ges­tern mit ei­ner Zwei-Drit­tel-Mehr­heit, ein Aus­schluss­ver­fah­ren ge­gen Hö­cke ein­zu­lei­ten. Be­grün­det wur­de der Schritt mit des­sen Re­de, die der frü­he­re Ge­schichts­leh­rer am 17. Ja­nu­ar in Dres­den ge­hal­ten hat­te. Dar­in hat­te er ei­ne „er­in­ne­rungs­po­li­ti­sche Wen­de um 180 Grad“ge­for­dert und das Ber­li­ner Ho­lo­caust-Mahn­mal als „Denk­mal der Schan­de“be­zeich­net.

Der Göt­tin­ger Par­tei­en­for­scher Micha­el Lüh­mann äu­ßer­te in der SZ die Er­war­tung, dass das Ver­fah­ren so en­den wer­de wie das des Bun­des­vor­stan­des ge­gen den Saar-Lan­des­ver­band. Hier hat­te das Bun­des­schieds­ge­richt ei­ne Auf­lö­sung we­gen rechts­ra­di­ka­ler Kon­tak­te ab­ge­lehnt. Lüh­mann: „Das macht deut­lich, dass es eher dar­um geht, Pf­lö­cke ein­zu­schla­gen, als Hö­cke wirk­lich aus der Par­tei zu ent­fer­nen.“

BER­LIN Björn Hö­cke hat­te wohl ge­ahnt, dass da et­was kommt. Bei der Bun­des­ver­samm­lung am Sonn­tag ließ sich der Thü­rin­ger AfD-Chef schon ver­tre­ten. Denn am Ran­de der Prä­si­den­ten­wahl wur­de un­ter den 35 De­le­gier­ten der Rechts­po­pu­lis­ten über die „Denk­mal der Schan­de“-Re­de des 44-Jäh­ri­gen und die dar­aus zu zie­hen­den Kon­se­quen­zen dis­ku­tiert. Ges­tern fie­len sie in ei­ner Schalt­kon­fe­renz des AfD-Bun­des­vor­stan­des: Mit ei­ner Zwei­drit­tel­mehr­heit be­schloss er nach 40mi­nü­ti­ger Dis­kus­si­on die Ein­lei­tung ei­nes Par­tei­aus­schluss­ver-fah­rens.

Schon zwei Mal hat­te das The­ma in dem Gre­mi­um auf der Ta­ges­ord­nung ge­stan­den und war im­mer wie­der ver­scho­ben wor­den. Hö­cke hielt seit sei­ner Re­de am 17. Ja­nu­ar in Dres­den die Fü­ße still, wohl wis­send, dass sei­ne For­de­rung nach ei­ner „er­in­ne­rungs­po­li­ti­schen Wen­de um 180 Grad“ei­ne Soll­bruch­stel­le der AfD traf. Eben­so sei­ne dop­pel­deu­ti­ge Atta­cke ge­gen das Ber­li­ner Ho­lo­caust­Mahn­mal als „Denk­mal der Schan­de“. Ein Teil der Füh­rung will sich end­lich von den völ­ki­schen Na­tio­na­lis­ten, die sich in der Grup­pe „Der Flü­gel“un­ter Hö­ckes Füh­rung zu­sam­men­ge­tan ha­ben, tren­nen und sich ganz auf das The­ma Zu­wan­de­rung und Eu­ro­pa kon­zen­trie­ren. Par­tei­che­fin Frau­ke Pe­try hat­te das schon kurz nach Hö­ckes Re­de ge­for­dert, ähn­lich NRW-Lan­des­chef Mar­cus Pret­zell, ihr Le­bens­part­ner. Auch die Spit­zen­kan­di­da­tin der ba­den­würt­tem­ber­gi­schen AfD für die Bun­des­tags­wahl, Ali­ce Wei­del, be­fand, sol­che „un­säg­li­chen, rück­wärts­ge­wand­ten De­bat­ten“scha­de­ten der Ak­zep­tanz der Par­tei bei den Bür­gern.

Doch in der AfD-Spit­ze tobt ein Macht­kampf, der den Par­tei­aus­schluss bis­her ver­hin­der­te. Pe­try­Geg­ner Alex­an­der Gau­land hat­te Hö­cke früh­zei­tig in Schutz ge­nom­men und stimm­te auch ges­tern ge­gen das Aus­schluss­ver­fah­ren. Die AfD müs­se „die gan­ze Brei­te“des Mei­nungs­spek­trums re­prä­sen­tie­ren, ar­gu­men­tier­te der stell­ver­tre­ten­de Par­tei­vor­sit­zen­de. Gau­land sag­te nach Teil­neh­mer­an­ga­ben zu­dem, Hö­cke ha­be gar nicht rechts­na­tio­nal ge­re­det, son­dern fol­ge al­len­falls „ei­nem et­was ro­man­ti­schen Deutsch­land­bild aus Bis­marck-Zei­ten“. Zu den Un­ter­stüt­zern Hö­ckes ge­hör­te auch der Lan­des­chef der AfD in Sach­sen-An­halt, An­dré Pog­gen­burg. Co-Par­tei­vor­sit­zen­der Jörg Meu­then, ein kla­rer Geg­ner Pe­trys, stimm­te eben­falls ge­gen den Par­tei­aus­schluss, Sei­ne Be­grün­dung: Das Ver­fah­ren sei nicht aus­sichts­reich und er hal­te es auch nicht für rich­tig, „ob­wohl die­se Re­de wirk­lich da­ne­ben war“.

Der nächs­te Schritt liegt nun beim Lan­des­schieds­ge­richt Thü­rin­gen, das sich vor­aus­sicht­lich je­doch als be­fan­gen aus dem Spiel neh­men dürf­te. Dann ist das Bun­des­schieds­ge­richt der AfD am Zu­ge, das eben­falls ein Spie­gel­bild des par­tei­in­ter­nen Macht­kamp­fes ist. Hö­ckes An­hän­ger dort dürf­ten mit der Sat­zung ar­gu­men­tie­ren, wo­nach Ord­nungs­maß­nah­men „nicht zum Zweck ei­ner Ein­schrän­kung der in­ner­par­tei­li­chen Mei­nungs­bil­dung und De­mo­kra­tie er­grif­fen wer­den“dür­fen. Sechs bis zwölf Mo­na­te könn­te es zu­dem bis zu ei­nem Schieds­ur­teil dau­ern, das Hö­cke dann auch noch an­fech­ten kann. Ob ei­ne Ent­schei­dung noch vor der Bun­des­tags­wahl fällt und mög­li­chen AfD-Wäh­lern so­mit mehr Klar­heit gibt, ist al­so of­fen. Eben­so, wie das Ur­teil aus­se­hen wird. Auch un­ter­halb des Par­tei­aus­schlus­ses hät­te das Schieds­ge­richt et­li­che Be­stra­fungs­mög­lich­kei­ten, von ei­ner ganz mil­den Rü­ge bis zur Aber­ken­nung der Par­tei­funk­ti­on als Thü­rin­ger Lan­des­chef auf Zeit. Hö­cke selbst er­klär­te ges­tern, er se­he dem Ver­fah­ren „ge­las­sen“ent­ge­gen.

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Der Thü­rin­ger AfD-Lan­des­vor­sit­zen­de und Chef der Land­tags­frak­ti­on, Björn Hö­cke, hat schon mehr als ein­mal pro­vo­ziert.

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Ges­tern stell­te sich Björn Hö­cke den Fra­gen der Pres­se zu ei­nem mög­li­chen Par­tei­aus­schluss. Er sei „ge­las­sen“, sag­te er.

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