Weg­se­hen beim Aus­spä­hen un­ter Freun­den – das geht

LEIT­AR­TI­KEL

Saarbruecker Zeitung - - STANDPUNKI -

Dürf­te man An­ge­la Mer­kels Auf­tritt im NSA-Un­ter­su­chungs­aus­schuss mit ei­ner Schul­no­te be­wer­ten, so müss­te man der Kanz­le­rin wohl ei­ne 4ge­ben. Gera­de noch aus­rei­chend. Der Er­kennt­nis­ge­winn war äu­ßerst ge­ring, das von Mer­kel preis­ge­ge­be­ne Wis­sen über die größ­te Ab­hör­af­fä­re der jüngs­ten Ge­schich­te – ge­lin­de ge­sagt – sehr be­schei­den.

Die Kanz­le­rin hat sich bei ih­rer Ver­neh­mung gänz­lich auf ih­re po­li­ti­sche Rol­le zu­rück­ge­zo­gen – sie setzt den Rah­men, die fach­li­chen Din­ge und De­fi­zi­te in dem be­son­ders heik­len Span­nungs­feld zwi­schen Si­cher­heit und Frei­heit müs­sen an­de­re im Kanz­ler­amt ver­ant­wor­ten. Und Mer­kels Rah­men ist im­mer noch: „Aus­spä­hen un­ter Freun­den, das geht gar nicht.“Ihr be­rühm­ter Satz, der fast so le­gen­där ist wie ihr „Wir schaf­fen das“, hat für die Kanz­le­rin wei­ter Gül­tig­keit. Dass Freun­de je­doch trotz­dem Aus­späh­ob­jek­te sind oder mit­tels feins­ter Tech­nik zu­rück­spio­nie­ren, hat nicht nur die NSA un­ter Be­weis ge­stellt, son­dern eben­so der deut­sche Bun­des­nach­rich­ten­dienst. Da­von will Mer­kel eben­falls über­rascht wor­den sein. Vie­le im Un­ter­su­chungs­aus­schuss wa­ren es da­mals nicht.

Ist das al­so glaub­haft, was Mer­kel in dem Gre­mi­um zu Pro­to­koll ge­ge­ben hat? Nüch­tern muss man fest­stel­len: Eher Ja. Die Kanz­le­rin weiß ge­nau, was sie an sich her­an­kom­men las­sen darf und was nicht, dass die Ver­ant­wort­lich­kei­ten klar struk­tu­riert und ab­ge­grenzt blei­ben müs­sen, da­mit Feh­ler bei de­nen ver­blei­ben, die sie tat­säch­lich be­gan­gen ha­ben. Das Pro­blem der letz­ten drei Jah­re war nur, dass sei­tens ih­rer Re­gie­rung kei­ner wirk­lich zu­ge­ben woll­te, in der NSA/BNDAf­fä­re ir­gend­et­was falsch ge­macht oder ver­säumt zu ha­ben. Das ha­ben die vie­len Zeu­gen­ver­neh­mun­gen ein ums an­de­re Mal be­legt. Im­mer wur­de ver­sucht, die gan­ze An­ge­le­gen­heit tief zu hän­gen und mög­lichst still­schwei­gend zu be­er­di­gen – dar­an hat auch Mer­kel jetzt an­ge­knüpft. Und der­je­ni­ge, der be­son­ders vie­le Er­kennt­nis­se hät­te preis­ge­ben kön­nen, näm­lich Ex-Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Ro­nald Po­fal­la, hat mit Mer­kels Se­gen sein Wis­sen mit zur Deut­schen Bahn ge­nom­men, wo er nun als Vor­stand tä­tig ist. Aus den Au­gen, aus dem Sinn. Den Ein­druck hat­te er als Zeu­ge vor dem Gre­mi­um hin­ter­las­sen.

In­so­fern bleibt ein fa­der Bei­ge­schmack, wenn der Aus­schuss jetzt das un­rühm­li­che Ka­pi­tel „Spä­hen un­ter Freun­den“be­en­det. Im­mer­hin hat die Bun­des­re­gie­rung mit ei­nem neu­en BNDPrä­si­den­ten, dem neu­en BNDGe­setz und an­de­ren recht­li­chen Än­de­run­gen auf den Skan­dal re­agiert. Das ist zwei­fel­los ein Ver­dienst der Par­la­men­ta­ri­er. Die Di­men­si­on des Pro­blems scheint die Re­gie­rung je­doch bis heu­te be­wusst nicht er­ken­nen zu wol­len – wo­mög­lich, um es sich nicht mit den Ame­ri­ka­nern zu ver­scher­zen. Das ist das Fa­zit, das man zie­hen muss. Auch mit Blick auf den Auf­tritt der Kanz­le­rin. Ein be­son­ders gu­tes Bild hat Mer­kel ges­tern nicht ab­ge­ge­ben. Da­für aber ein ziem­lich ab­ge­klär­tes.

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