EI­NE KRANK­HEIT MACHT ARM

Man­che Ze­cken über­tra­gen Bor­re­li­en. Das sind Bak­te­ri­en, die jah­re­lang im Kör­per wü­ten. Ma­ri­on Wutt­ke lei­det un­ter chro­ni­scher Bor­re­lio­se.

Saarbruecker Zeitung - - ZEITUNG FÜR SAARBRÜCKEN - VON TO­BI­AS EBELSHÄUSER

Ein Ze­cken­biss in­fi­zier­te ei­ne Saar­brü­cke­rin mit Bor­re­lio­se.

SAAR­BRÜ­CKEN/STUTT­GART „Es ist, wie wenn du so ei­ne lan­ge Grip­pe hast“, sagt Ma­ri­on Wutt­ke: „Man hat über­haupt kei­ne Ener­gie, und da­zu kom­men dann noch Fie­ber­at­ta­cken.“Wutt­ke ist 36 Jah­re alt und lei­det an chro­ni­scher Bor­re­lio­se. Heu­te wohnt die ge­bür­ti­ge Saar­brü­cke­rin in Stutt­gart.

Es geht ihr gera­de schlecht, ih­re Mut­ter ist wie­der aus Saar­brü­cken an­ge­reist, um sie im All­tag zu un­ter­stüt­zen. Ih­re Ener­gie reicht gera­de aus für das Nö­tigs­te, ar­bei­ten kann sie nicht. Da­bei hat die 36Jäh­ri­ge an der Uni­ver­si­tät in Saar­brü­cken Psy­cho­lo­gie und Er­zie­hungs­wis­sen­schaf­ten stu­diert. Doch wirk­lich im Be­ruf stand sie we­gen ih­re Krank­heit erst ein­ein­halb Jah­re.

Fast 12 Jah­re ist es nun schon her, dass Ma­ri­on Wutt­ke 2005 von ei­ner Ze­cke ge­bis­sen wur­de. Wutt­kes Krank­heit wird aus­ge­löst durch so­ge­nann­te Bor­re­li­en, das sind Bak­te­ri­en, die hier­zu­lan­de eben vor al­lem durch Ze­cken­bis­se über­tra­gen wer­den. Da­bei wur­de Wutt­ke di­rekt nach dem Biss so­gar ge­gen die Krank­heit mit An­ti­bio­ti­ka be­han­delt, da ih­re Wun­de ei­ne für den Krank­heits­ver­lauf üb­li­che „Wan­der­rö­te“zeig­te. Doch die Be­hand­lung sei zu kurz oder zu schwach aus­ge­fal­len und ha­be nicht aus­ge­reicht, um die Bak­te­ri­en voll­stän­dig ab­zu­tö­ten, sagt Wutt­ke.

Im Jahr 2009 ha­be es dann an­ge­fan­gen mit den Be­schwer­den, zu­erst un­spe­zi­fi­sches, wie Kopf­schmer­zen, Übel­keit und star­ke Er­schöp­fung, wes­we­gen ei­ne ge­naue Dia­gno­se sehr schwer­fiel. „Das war da­mals ei­ne Me­ga-Odys­see, bis die rich­ti­ge Dia­gno­se fest­stand“, er­zählt sie.

Seit­dem wer­de sie fast dau­er­haft mit An­ti­bio­ti­ka be­han­delt, um die In­fek­ti­on in Schach zu hal­ten. Mit Infu­sio­nen, da ihr Ma­gen die Me­di­ka­men­te auf Dau­er nicht ver­tra­ge. Je­den Mor­gen und Abend müs­se sie sich 2- bis 3stün­di­gen Infu­sio­nen un­ter­zie­hen.

Doch als sie zu­rück in die ge­setz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung wech­sel­te, muss­te sie die Kos­ten für die An­ti­bio­ti­ka-The­ra­pie selbst tra­gen, er­zählt Ma­ri­on Wutt­ke.

Das lie­ge dar­an, dass es in der Me­di­zin kon­tro­ver­se Stand­punk­te zu der Fra­ge ge­be, ob es ne­ben der aku­ten Bor­re­lio­se auch ei­ne chro­ni­sche Va­ri­an­te ge­be, sagt ihr be­han­deln­der Arzt, Dr. Wolf­gang Kle­mann. Bei rund 40 Pro­zent von Spät­bor­re­lio­se-Fäl­len sei zu­dem auf­grund man­geln­der La­b­or­tests die ex­ak­te Dia­gno­se schwie­rig.

Da­durch ha­be sie im letz­ten Jahr Kos­ten von et­wa 11 000 Eu­ro pro Jahr ge­habt, nur für die Me­di­ka­men­te. Ab dann wur­de ihr be­wusst, dass sie sich um­se­hen müs­se nach Al­ter­na­ti­ven. „Das ist ja kein Zu­stand, so zu le­ben“, sagt sie. Und tat­säch­lich, ei­ne Al­ter­na­ti­ve gibt es. Näm­lich den An­satz, das Im­mun­sys­tem so zu stär­ken, dass es mit den ein­drin­gen­den Bak­te­ri­en selbst fer­tig wird, an­statt auf Me­di­ka­men­te zu­rück­zu­fal­len. Durch ei­ne ex­pe­ri­men­tel­le Stamm­zel­len­the­ra­pie zum Bei­spiel. Die­se wur­de von ei­ner Ärz­tin aus In­di­en ent­wi­ckelt und wird in In­di­en und in den USA an­ge­bo­ten, er­zählt Ma­ri­on Wutt­ke. Da­bei wür­den al­te, kran­ke Zel­len, durch neue, ge­sun­de aus­ge­tauscht und das Im­mun­sys­tem re­ge­ne­rie­re sich selbst, sagt sie.

Doch der Ha­ken ist: Ein Mo­nat Be­hand­lung kos­tet um die 20 000 Eu­ro. Kos­ten, die ih­re ge­setz­li­che Kran­ken­kas­se nicht über­neh­men kann. Auf An­fra­ge ver­weist Chris­toph Schus­ter von der „De­be­ka BKK“dar­auf, dass das dar­an lie­ge, dass die Ver­wen­dung em­bryo­na­ler Stamm­zel­len in Deutsch­land „ver­bo­ten und nur un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen zu For­schungs­zwe­cken zu­läs­sig“sei.

Den­noch, als sie sah, wie er­folg­reich die Be­hand­lung bei ei­ner eben­falls an Bor­re­lio­se er­krank­ten Freun­din an­schlug, ha­be sie sich ent­schlos­sen, im März die­ses Jah­res ihr Glück zu ver­su­chen.

Und auch wenn sie selbst sagt, dass man kei­ne Wun­der­hei­lung von der The­ra­pie er­war­ten dür­fe, nach der ein­mo­na­ti­gen Be­hand­lung sei es ihr deut­lich bes­ser ge­gan­gen. Nach­dem sie vor­her kei­ne zwei Wo­chen oh­ne An­ti­bio­ti­ka aus­ge­kom­men war, konn­te sie die­ses Jahr die Me­di­ka­men­te schon zwei Mo­na­te ab­set­zen. Für ei­ne voll­stän­di­ge Re­ge­ne­rie­rung des Im­mun­sys­tems rei­che ei­ne ein­zel­ne Be­hand­lung bei ih­rem Krank­heits­sta­di­um al­ler­dings nicht aus.

Die letz­te Be­hand­lung be­zahl­ten noch ih­re El­tern, wo­für sie ei­nen Kre­dit auf­nah­men. Doch die bei­den sei­en nun schon 67 und 70 Jah­re alt, ein Al­ter, in dem ein Dar­le­hen schwie­rig sein kön­ne. Und auch die wei­te­re, teu­re An­ti­bio­ti­ka­the­ra­pie kön­ne sie sich nicht viel län­ger leis­ten.

Des­we­gen ver­su­che sie nun das Geld für die wei­te­re Be­hand­lung durch Spen­den zu sam­meln, auch wenn ihr das The­ma sehr un­an­ge­nehm sei. Die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de in Saar­brü­ckenMal­statt stellt da­für ihr Spen­den­kon­to zur Ver­fü­gung und ruft zur Un­ter­stüt­zung auf. „Ich re­de gar nicht gern über mei­ne Krank­heit“, sagt sie. „Doch an die­ser Stel­le, wis­sen wir ein­fach nicht mehr, was wir noch ma­chen sol­len.“

FO­TO: WUTT­KE

Ma­ri­on Wutt­ke wur­de 2005 von ei­ner Ze­cke ge­bis­sen und be­kam Bor­re­lio­se. Die Krank­heit wur­de nicht aus­rei­chend be­han­delt, brach 2009 er­neut aus – und ist seit­her un­be­siegt.

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