Gil­lo ge­gen Plä­ne für Groß-Saar­brü­cken

SAAR­LAND/RE­GI­ON

Saarbruecker Zeitung - - ERSTE SEITE -

Der Di­rek­tor des Re­gio­nal­ver­bands, Pe­ter Gil­lo (SPD), sieht kei­ne Not­wen­dig­keit für ei­ne Aus­wei­tung der Lan­des­haupt­stadt auf ihr Um­land. Die­se hat­te de­ren OB Char­lot­te Britz an­ge­regt. „Wir spre­chen über die fal­schen Din­ge“, sag­te Gil­lo. Das Po­blem sei­en die So­zi­al­kos­ten.

Herr Gil­lo, war­um hal­ten Sie sich in der Dis­kus­si­on um ei­ne Ver­wal­tungs­struk­tur­re­form so zu­rück? GIL­LO Ich glau­be, wir spre­chen über die fal­schen Din­ge. Die we­sent­li­chen Din­ge bei uns im Bal­lungs­raum be­we­gen sich im Be­reich der so­zia­len In­fra­struk­tur. Bei uns le­ben 33 Pro­zent der Men­schen im Saar­land, aber 50 Pro­zent al­ler Hartz-IV-Emp­fän­ger und 45 Pro­zent al­ler Emp­fän­ger von Grund­si­che­rung im Al­ter. Wir sind ge­wal­tig un­ter Druck auf­grund der so­zia­len Ent­wick­lung in un­se­rer Ge­sell­schaft und be­son­ders in den Bal­lungs­zen­tren.

Lau­tet die bit­te­re Wahr­heit nicht, dass man da­ran im Saar­land gar nichts än­dern kann?

GIL­LO Ich kann an den gro­ßen Trends nichts än­dern, da kann ich noch so­viel über V er wal tungs­struk­tur­re for­men re­den. Aber na­tür­lich kön­nen wir da­ge­gen hal­ten. Es ist ja ein Un­ter­schied, ob ein Mensch mit 87 Jah­ren in ei­ne voll­sta­tio­nä­re Pfle­ge muss oder viel­leicht erst mit 93, weil es ei­ne Fa­mi­lie oder ei­ne gu­te Nach­bar­schaft gibt und weil es vor Ort or­ga­ni­siert ist. Da­zu braucht man Struk­tu­ren vor Ort.

Wel­chen Denk­feh­ler ma­chen dann Leu­te wie die Saar­brü­cker Ober­bür­ger­meis­te­rin Char­lot­te Britz, die trotz­dem ei­ne Ver­wal­tungs­struk­tur­re­form für nö­tig hal­ten? GIL­LO Ver­mut­lich glau­ben die­se Leu­te: Es ist egal, wo die Men­schen ver­wal­tet wer­den. So ist es aber nicht. Man braucht Orts­kennt­nis­se da­für. Am ab­sur­des­ten fin­de ich die Idee ei­ner Ein-Kreis-Lö­sung. Ich be­an­spru­che nicht zu wis­sen, was in Perl los ist und wie die Ju­gend­hil­fe dort funk­tio­nie­ren soll. Die Ober­bür­ger­meis­te­rin wünscht sich zu wach­sen und denkt sich: Das biss­chen kön­nen wir auch noch mit­ma­chen. Sie über­sieht den Wunsch der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, vor Ort ih­re The­men so weit wie mög­lich in kom­mu­na­ler Selbst­ver­wal­tung ent­schei­den zu kön­nen. Die Men­schen wol­len nicht von der Lan­des­haupt­stadt mit­ver­wal­tet wer­den. Die fin­den es gut, dass sie Stadt­rä­te ha­ben und ei­nen Bür­ger­meis­ter, den sie auf der Stra­ße an­spre­chen kön­nen.

Se­hen Sie kei­nen Hand­lungs­be­darf für mehr Ef­fi­zi­enz in den Ver­wal­tungs­struk­tu­ren?

GIL­LO Na­tür­lich ha­be ich den An­spruch, dass wir un­se­re Ar­beit ef­fi­zi­ent ma­chen. Ich bin mir nur si­cher, dass wir sie be­reits sehr ef­fi­zi­ent tun. Wir ha­ben ein Ein­spar­pro­gramm von 58 Stel­len seit 2013 – ge­mes­sen an den da­ma­li­gen Auf­ga­ben – wei­test­ge­hend um­ge­setzt, das sind fünf Pro­zent al­ler Stel­len. Es gibt im­mer Ver­bes­se­rungs­mög­lich­kei­ten. Ich bin für je­den Hin­weis dank­bar und grei­fe ihn ger­ne auf, wenn er Sinn macht. Ich kann mir bei­spiels­wei­se vor­stel­len, dass wir im Re­gio­nal­ver­band und in den Land­krei­sen nicht in je­der Stadt und Ge­mein­de ei­ne ei­ge­ne Per­so­nal­sach­be­ar­bei­tung brau­chen. Über so et­was kann man nach­den­ken.

Die Ide­en gibt es seit Jah­ren, es pas­siert nur nichts.

GIL­LO Es gibt auf kom­mu­na­ler Ebe­ne schon An­sät­ze der in­ter­kom­mu­na­len Zu­sam­men­ar­beit. Aber die­se Zen­tra­li­sie­rung von „back of­fice“-An­ge­le­gen­hei­ten fällt of­fen­bar schwer. Wir ha­ben das den Städ­ten und Ge­mein­den im Re­gio­nal­ver­band schon vor fünf Jah­ren an­ge­bo­ten. Man nimmt das zur Kennt­nis, aber man kommt nicht so weit. Un­ser An­ge­bot steht. Die in­ter­kom­mu­na­le Zu­sam­men­ar­beit funk­tio­niert am bes­ten auf der Ebe­ne, wo wir die­se Zu­sam­men­ar­beit so­wie­so schon ha­ben: Das sind der Re­gio­nal­ver­band und die Land­krei­se.

Die Städ­te und Ge­mein­den fürch­ten, dass die Auf­ga­ben teu­rer wer­den, wenn die Land­krei­se sie er­le­di­gen, weil sich die Krei­se das Geld ein­fach bei ih­nen ho­len kön­nen. GIL­LO Der Ge­gen­ent­wurf ist ganz ein­fach: Man mö­ge uns Steu­er­ein­nah­men zu­wei­sen, ei­nen An­teil der Um­satz­steu­er oder ei­nen hö­he­ren An­teil der Grund­er­werbs­steu­er. Der Ge­setz­ge­ber will es so, dass wir für un­se­re weit­ge­hend ge­setz­lich fi­xier­ten Auf­ga­ben ei­ne Um­la­ge von den Städ­ten und Ge­mein­den er­he­ben. Die ist ein­deu­tig zu hoch für de­ren Fi­nanz­kraft. Ich ver­ste­he die Wut, ich ver­ste­he den Är­ger. Die gro­ßen so­zia­len Ri­si­ken müs­sen an­ders ab­ge­si­chert wer­den. Das muss ei­ne na­tio­na­le Auf­ga­be sein.

Lan­des­weit gibt es Pro­jek­te zur in­ter­kom­mu­na­len Zu­sam­men­ar­beit. Der In­nen­mi­nis­ter sagt, im Land­kreis Neunkirchen und im Re­gio­nal­ver­band gibt es noch wei­ße Fle­cken.

GIL­LO Mir hat der Mi­nis­ter das nicht ge­sagt, da wä­re ein Ge­spräch ja mal in­ter­es­sant. War­um gibt es die­se wei­ßen Fle­cken im Re­gio­nal­ver­band? Wir sind be­reits die am stärks­ten in­te­grier­te Struk­tur, die es im Saar­land gibt. Ich bin be­reit, so et­was an­zu­ge­hen. Ich brau­che da­zu aber auch den Wil­len der Städ­te und Ge­mein­den. Ei­nen Ver­dacht ha­be ich na­tür­lich: Die Städ­te und Ge­mein­den im Re­gio­nal­ver­band wol­len nicht mit der Lan­des­haupt­stadt. Weil sie nicht un­ter das Ku­ra­tel der Haupt­stadt wol­len.

Die Fra­gen stell­te Da­ni­el Kirch.

FOTO: BE­CKER&BREDEL

Pe­ter Gil­lo (SPD) ist seit 2009 Di­rek­tor des Re­gio­nal­ver­ban­des.

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