Bau­spar­kas­sen dür­fen Alt­ver­trä­ge kün­di­gen

WIRT­SCHAFT

Saarbruecker Zeitung - - ERSTE SEITE - Niels Nau­hau­ser Ver­bau­cher­zen­tra­le Baden-Würt­tem­berg Vol­ker Mey­er zu Tit­ting­dorf Joa­chim Woll­schlä­ger Pro­duk­ti­on die­ser Sei­te:

Bau­spa­rer las­sen an­ge­sichts der Nied­rig­zin­sen al­te, hoch­ver­zins­te Ver­trä­ge ger­ne als Geld­an­la­ge wei­ter­lau­fen. Bau­spar­kas­sen re­agier­ten dar­auf viel­fach mit Kün­di­gun­gen – zu Recht, wie der Bun­des­ge­richts­hof ent­schied.

KARLS­RU­HE (dpa) Für vie­le Bau­spa­rer ist es ein ent­täu­schen­des Ur­teil: Die Bau­spar­kas­sen sind im Recht, wenn sie äl­te­re Ver­trä­ge mit ho­hen Zins­zu­sa­gen mas­sen­haft kün­di­gen. Das hat der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) ges­tern in ei­ner Grund­satz-Ent­schei­dung klar­ge­stellt. Das Karls­ru­her Ur­teil be­trifft al­le Ver­trä­ge, in die der Bau­spa­rer schon so viel ein­ge­zahlt hat, dass er für den Kauf ei­ner Im­mo­bi­lie oder ei­ne Re­no­vie­rung das Dar­le­hen in An­spruch neh­men könn­te. Ist die­se so­ge­nann­ten Zu­tei­lungs­rei­fe be­reits seit zehn oder mehr Jah­ren er­reicht und der Kun­de spart im­mer noch wei­ter, darf die Kas­se „im Re­gel­fall“kün­di­gen, ent­schied jetzt der BGH (Az. XI ZR 185/16 u.a.). Denn das An­spa­ren sei da­zu ge­dacht, An­spruch auf ein Dar­le­hen zu er­lan­gen. Und die­ser Zweck sei mit der Zu­tei­lungs­rei­fe er­reicht, ar­gu­men­tier­te das Ge­richt.

Seit 2015 ha­ben die Bau­spar­kas­sen be­reits schät­zungs­wei­se 250 000 sol­cher Ver­trä­ge ge­kün­digt. Denn in der an­hal­ten­den Nied­rig­zins­pha­se ver­zich­ten vie­le Bau­spa­rer dar­auf, sich ihr Dar­le­hen aus­zah­len zu las­sen. Statt­des­sen las­sen sie den Ver­trag mit oft drei oder vier Pro­zent Zin­sen lie­ber als lu­kra­ti­ve Spar­an­la­ge so lan­ge wie mög­lich lau­fen. Für die In­sti­tu­te be­deu­tet dies ei­ne wirt­schaft­li­che Be­las­tung, die sie los­wer­den wol­len.

Die BGH-Ent­schei­dung dürf­te nun neue Kün­di­gun­gen nach sich zie­hen. Zu Jah­res­an­fang war für 2017 mit ge­schätzt 60 000 wei­te­ren ge­rech­net wor­den. Die ers­te gro­ße Kün­di­gungs­wel­le hat die Bau­spa­rer aber längst ge­trof­fen, und mit dem Ur­teil steht nun fest, dass die­se Kün­di­gun­gen recht­mä­ßig wa­ren und wirk­sam blei­ben. Vor Ge­richt dürf­ten Ver­brau­cher al­so nur noch im ab­so­lu­ten Aus­nah­me­fall ei­ne Chan­ce ha­ben.

Ver­han­delt hat­ten die Rich­ter die Fäl­le zwei­er Bau­spare­rin­nen, de­nen Wüs­ten­rot lang­jäh­ri­ge Ver­trä­ge ge­kün­digt hat­te. Ins­ge­samt sind beim BGH mehr als 100 Bau­spar-Ver­fah­ren an­hän­gig. Denn in den Vor­in­stan­zen hat­ten sich ei­ni­ge Ge­rich­te wie das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart auch auf die Sei­te der Bau­spa­rer ge­stellt. Mit der Ent­schei­dung in letz­ter In­stanz ist die künf­ti­ge Li­nie aber klar.

Ver­brau­cher­schüt­zer wer­te­ten das Ur­teil als Rück­schlag. Der Ban­ken­ex­per­te Niels Nau­hau­ser von der Ver­brau­cher­zen­tra­le Baden-Würt­tem­berg warf den In­sti­tu­ten vor, Kun­den frü­her auch mit der Aus­sicht auf lu­kra­ti­ve Zin­sen zum Ab­schluss ge­lockt zu ha­ben. „Jetzt wol­len die Kun­den die gu­te Geld­an­la­ge, und der Wind hat sich ge­dreht“, kri­ti­sier­te er.

Die Bau­spar­kas­sen re­agier­ten er­leich­tert. „Das ist ei­ne gu­te Nach­richt für die Bau­spar­ge­mein­schaft als Gan­zes, die wei­ter­hin auf die Sta­bi­li­tät die­ses Sys­tems ver­trau­en darf“, sag­te ein Spre­cher des Ver­ban­des der Pri­va­ten Bau­spar­kas­sen. Wüs­ten­rot teil­te mit, man sei von der Recht­mä­ßig­keit der Kün­di­gun­gen stets über­zeugt ge­we­sen. Da­mit „kön­nen die ne­ga­ti­ven Aus­wir­kun­gen der fort­dau­ern­den Nied­rig­zins­po­li­tik auf die Bau­spa­rer­ge­mein­schaft ab­ge­fe­dert wer­den.“

We­gen der nied­ri­gen Zin­sen fin­den Spa­rer kaum mehr ren­ta­ble An­la­ge­for­men. Gleich­zei­tig sind Bau­kre­di­te zu güns­ti­gen Kon­di­tio­nen leicht zu be­kom­men. Das höhlt das klas­si­sche Bau­spar-Mo­dell aus. Denn auf des­sen Haupt­vor­teil, ein si­che­res Dar­le­hen zu ver­läss­li­chen Kon­di­tio­nen, ist kaum je­mand an­ge­wie­sen.

„Das Bun­des­ge­richt hat heu­te den Grund­satz der Ver­trags­treue schwer

er­schüt­tert.“

FOTO: BERG/DPA

Vie­len Bau­spa­rern droht nun der Raus­wurf.

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