Kampf ge­gen Steu­er­oa­sen ver­tagt

Die EU-Fi­nanz­mi­nis­ter las­sen sich Zeit, um ei­ne schwar­ze Lis­te mit Steu­er­pa­ra­die­sen zu er­stel­len.

Saarbruecker Zeitung - - ERSTE SEITE - VON DET­LEF DREWES

BRÜSSEL. All­zu gro­ße Ei­le ha­ben Eu­ro­pas Fi­nanz­mi­nis­ter nicht, wenn es um die Be­kämp­fung der Steu­er­oa­sen geht. Die 28 Kas­sen­war­te der EU be­mü­hen sich zwar schon seit sechs Mo­na­ten dar­um, ei­ne Lis­te je­ner Re­gio­nen mit pa­ra­die­si­schen Nied­ri­g­ab­ga­ben zu­sam­men­zu­stel­len, die ei­gent­lich al­le är­gern. Den­noch ver­tag­te man sich ges­tern in Brüssel erst noch ein­mal und ver­sprach, ei­ne ent­spre­chen­de Auf­stel­lung bis En­de des Jah­res vor­zu­le­gen. „Ich ha­be kei­ner­lei Ver­ständ­nis da­für, war­um die­ser Pro­zess so lan­ge dau­ert“, är­ger­te sich der CSU-Eu­ro­pa­Ab­ge­ord­ne­te Mar­kus Fer­ber. „In den meis­ten Mit­glied­staa­ten gibt es be­reits schwar­ze Lis­ten, die le­dig­lich mit­ein­an­der in Ein­klang ge­bracht wer­den müs­sen.“

Doch da­von ist weit und breit nichts zu se­hen. Als jüngs­tes und ger­ne ver­ges­se­nes Bei­spiel gilt die zu Por­tu­gal ge­hö­ren­de In­sel Ma­dei­ra. Re­cher­chen des Baye­ri­schen Rund­funks zeig­ten kürz­lich, wie dort nam­haf­te Un­ter­neh­men und Pro­mi­nen­te aus ganz Eu­ro­pa oh­ne Wis­sen des hei­mat­li­chen Fis­kus Fir­men grün­de­ten, um ihr Ka­pi­tal bei steu­er­spa­ren­den Ab­ga­ben­sät­zen von höchs­tens fünf Pro­zent un­ter­zu­brin­gen. Bis vor we­ni­gen Jah­ren war Ma­dei­ra so­gar völ­lig steu­er­frei. Die Rock­band Böh­ze On­kelz, Star-Fuß­bal­ler Xa­bi Alon­so (FC Bay­ern) oder der frü­he­re Ge­ne­ral­se­kre­tär des Welt­fuß­ball­ver­ban­des Fi­fa, Jerome Val­cke, fan­den dort ei­ne steu­er­li­che Zuflucht. In ei­nem Ge­bäu­de­kom­plex wa­ren in den zu­rück­lie­gen­den fünf Jah­ren bis zu 800 Fir­men re­gis­triert. Als Un­ter­neh­mens­sitz

Brief­kas­ten.

Dass das al­les mit Wis­sen der EU-Kom­mis­si­on ge­schah und teil­wei­se wei­ter ge­schieht, be­legt ein Schrift­wech­sel zwi­schen dem Ab­ge­ord­ne­ten Fer­ber und Wäh­rungs­kom­mis­sar Pierre Mosco­vici. Der Fran­zo­se ant­wor­tet auf Fra­gen des CSU-Po­li­ti­kers Fer­ber, dass die kri­ti­sier­te Pra­xis ab­ge­stellt wor­den sei und die heu­ti­gen Tä­tig­kei­ten „nicht mehr schäd­lich“sei­en. Ein Irr­tum.

Kaum an­ders geht es auf der Mit­tel­meer-In­sel Mal­ta zu, die ges­tern Be­such vom Un­ter­su­chungs­aus­schuss des Par­la­ments be­kam. Über 1600 deut­sche Un­ter­neh­men – dar­un­ter der Frank­fur­ter Flug­ha­fen-Be­trei­ber

dien­te

ein Fra­port, Au­to­ver­mie­ter Sixt und BASF – wer­den von der dor­ti­gen Fi­nanz­auf­sicht als Be­trei­ber ei­ner Fi­lia­le ge­führt, die aber sel­ten mehr als ei­nen Brief­kas­ten um­fasst. Die Pra­xis sei be­kannt, hieß es. Im Fal­le ei­ner An­mel­dung beim hei­mat­li­chen Fi­nanz­amt ist sie auch le­gal, aber eben nicht, wenn sie zur Steu­er­ver­mei­dung zu Hau­se bei­tra­gen soll.

Die Ver­är­ge­rung im Kreis de­rer, die die Pa­na­ma Pa­pers – sie hat­ten die Steu­er­ver­mei­dung vie­ler Pro­mi­nen­ter in Pa­na­ma of­fen­ge­legt – im zu­stän­di­gen Aus­schuss des EUPar­la­ments durch­fors­ten, wird im­mer grö­ßer, weil we­der die Mit­glied­staa­ten noch die EU-Kom­mis­si­on be­reit sind, et­was zu un­ter­neh­men. Ei­ner der Grün­de scheint wie im Fall Ma­dei­ras wohl dar­in zu lie­gen, dass zu­sätz­li­che Ein­nah­men nicht der Zen­tral­re­gie­rung zu­flie­ßen wür­den, son­dern oh­ne­hin in der Steu­er­oa­se ver­blie­ben.

Die Fi­nanz­mi­nis­ter brach­ten ges­tern je­den­falls kei­nen gro­ßen Ehr­geiz auf, die pa­ra­die­si­schen Zu­stän­de zu be­en­den. Im­mer­hin ver­stän­dig­te man sich dar­auf, ein Steu­er­schlupf­loch für Groß­kon­zer­ne zu schlie­ßen. Die müs­sen näm­lich -– aber erst ab 1. Ja­nu­ar 2020 – ih­re Ge­win­ne dort ver­steu­ern, wo sie an­fal­len. Ei­ne Ver­schie­bung von Ein­nah­men in Staa­ten mit güns­ti­ge­ren Steu­er­sät­zen wird dann nicht mehr mög­lich sein.

FOTO: IMAGO/IMAGE­BRO­KER

Ma­dei­ra ist nicht nur ein Pa­ra­dies für Ur­lau­ber, son­dern auch für Ver­mö­gen­de, die Steu­ern ver­mei­den wol­len.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.