Wohl­fahrts­ver­bän­de ver­tei­len so­zi­al­po­li­ti­sche Dau­er­bren­ner

Die Li­ga will die Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten mit Wahl­prüf­stei­nen ver­sor­gen. Ki­ta-Qua­li­tät, Be­hin­der­ten- und Flücht­lings­ar­beit ste­hen da­bei im Vor­der­grund.

Saarbruecker Zeitung - - REGION - VON DIET­MAR KLOSTERMANN Vor­sit­zen­der der Li­ga Saar

SAAR­BRÜ­CKEN Es herrscht Tris­tesse zwi­schen den Miets­ka­ser­nen auf dem Saar­brü­cker Wa­cken­berg, der dau­ern­de Nie­sel­re­gen ist nicht da­zu an­ge­tan, die trü­be Stim­mung zu he­ben. Doch im ehe­ma­li­ge preu­ßi­schen Schul­haus, das jetzt das Heim des Ver­eins Päd­ago­gisch-So­zia­le Ak­ti­ons­ge­mein­schaft (Pädsak) ist, herrscht Be­trieb­sam­keit. „In der Kü­che wer­den täg­lich et­wa 100 Essen für Be­dürf­ti­ge aus der Nach­bar­schaft ge­kocht“, sagt Eva Jun­gNe­u­mann von der Pädsak. Auf die SZ-Fra­ge, was es denn heu­te auf die Tel­ler gibt, ruft ei­ne Kü­chenMit­ar­bei­te­rin, die ge­ra­de an ei­ner Pfan­ne han­tiert, zu­rück: „Cor­don bleu und Kar­tof­fel-Gra­tin“. Zehn Lang­zeit­ar­beits­lo­se, zum Teil aus dem Wa­cken­berg-Vier­tel in St. Arnual, ar­bei­ten in der Kü­che, er­klärt Jung-Ne­u­mann. „Doch die Maß­nah­me ist nur für ein hal­bes Jahr fi­nan­ziert“, fügt die So­zi­al­ar­bei­te­rin hin­zu. Ihr Pädsak-Kol­le­ge Reinhard Schmid be­tont, dass auf dem Wa­cken­berg je­des zwei­te Kind von Hartz IV le­ben müs­se. „Die Ar­beits­lo­sen­quo­te be­trägt hier 15,9 Pro­zent, da sind die in öf­fent­li­chen Ar­beits­maß­nah­men un­ter­ge­brach­ten Men­schen raus­ge­rech­net“, sagt Schmid.

Im Es­sens­raum des Pädsak hat sich an die­sem Di­ens­tag­mor­gen die Füh­rungs­spit­ze der Li­ga der frei­en Wohl­fahrts­pfle­ge Saar zu­sam­men­ge­fun­den (Mit­glieds­ver­bän­de sie­he In­fo­kas­ten). Micha­el Hamm, der Li­ga-Chef vom Pa­ri­tä­ti­schen Wohl­fahrts­ver­band, sei­ne Stell­ver­tre­te­rin Ines Rei­man­nMat­heis von der Ar­bei­ter­wohl­fahrt (Awo Saar) und Sa­bi­ne Sch­mitt (Pa­ri­tät und Li­ga-Vor­stands­mit­glied) hät­ten sich kaum ei­nen bes­se­ren Ort aus­su­chen kön­nen, um ih­re „Wahl­prüf­stei­ne zur Land­tags­wahl 2017“vor­zu­stel­len. Hier auf dem Wa­cken­berg ist die so­zia­le Schief­la­ge des Saar­lan­des mit Hän­den greif­bar. „Es war ei­ne be­wuss­te und wich­ti­ge Ent­schei­dung, erst­mals Wahl­prüf­stei­ne zu for­mu­lie­ren“, sagt Hamm vor ei­ner Hand­voll Jour­na­lis­ten.

Micha­el Hamm, Die klei­ne qua­dra­ti­sche Bro­schü­re mit den Wahl­prüf­stei­nen sol­le in den kom­men­den Ta­gen in Ki­tas und Se­nio­ren­ein­rich­tun­gen ver­teilt wer­den. „Das ist ei­ne Hil­fe­stel­lung für Bür­ger, ei­ge­ne Fra­gen an die Po­li­ti­ker zu stel­len“, be­tont Hamm. Auch die Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten und die Mi­nis­ter wür­den mit der Pu­bli­ka­ti­on ver­sorgt. „Die The­men sind so­zi­al­po­li­ti­sche Dau­er­bren­ner“, er­klärt Hamm strah­lend. Sei­ne Kol­le­gin Sch­mitt merkt da­zu an, dass man nun ei­ne Ge­sprächs­grund­la­ge für Pro­blem­la­gen im Land ha­be. „Wo wird Ar­mut im Saar­land deut­lich?“, so Sch­mitt.

Die dicks­ten Bro­cken un­ter den „Wahl­prüf­stei­nen“der Wohl­fahrts-Li­ga sind laut Hamm die Stei­ge­rung der Qua­li­tät in den Ki­tas durch mehr und bes­ser qua­li­fi­zier­tes Per­so­nal. Zu­dem die Hil­fe für Be­hin­der­te, in den Ge­nuss der Vor­zü­ge des Bun­des­teil­ha­be­ge­set­zes zu kom­men. „Die In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen funk­tio­niert im Saar­land gut. Doch mo­men­tan be­herr­schen lei­der nur die The­men Ab­schie­bung und Grenz­si­che­rung die po­li­ti­sche Ta­ges­ord­nung“, be­klagt Hamm. Awo-Ge­schäfts­füh­re­rin Reimann-Mat­heis kri­ti­siert, dass die Po­li­tik die „Per­so­nal­schlüs­sel“in den Ki­tas nicht im Blick ha­be. Da wür­den noch die Vor­ga­ben aus den 1970er Jah­ren be­folgt, als die Ki­tas nur im Halb­tags­be­trieb lie­fen. „Jetzt sind die Ki­tas zehn und mehr St­un­den ge­öff­net. Die Er­zie­he­rin­nen ha­ben da­her ei­nen ganz an­de­ren Er­zie­hungs­und Bil­dungs­auf­trag“, so Reimann-Mat­heis. Mit ih­ren For­de­run­gen sei die Li­ga al­ler­dings noch nicht durch­ge­drun­gen auf der po­li­ti­schen Ebe­ne.

Auf die SZ-Fra­ge, ob sich die Li­ga nicht als Re­pa­ra­tur-Be­trieb für so­zi­al­po­li­ti­sche Fehl­ent­schei­dun­gen der gro­ßen Ko­ali­tio­nen auf Bun­des- und Lan­des­ebe­ne emp­fin­de und sie ih­re Kri­tik nur vor­sich­tig an­brin­gen kön­ne, weil die Po­li­ti­ker von CDU und SPD auch in den Ent­schei­dungs­gre­mi­en der Wohl­fahrts­ver­bän­de sit­zen, sagt Li­ga-Chef Hamm: „Dass wir ein Re­pa­ra­tur­be­trieb sind, stimmt. Aber wir sind noch viel mehr. Die Ki­tas und Be­hin­der­ten­werk­stät­ten sind Zu­kunfts­be­trie­be.“Die Li­ga müs­se bei der Po­li­tik „di­cke Bret­ter boh­ren“. Er hofft, dass die

„Dass wir ein Re­pa­ra­tur­be­trieb sind, stimmt. Aber wir sind

noch viel mehr.“

Prüf­stein-Bro­schü­re nach der Wahl nicht in der Alt­pa­pier­ton­ne lan­det. „Denn schließ­lich kla­gen wir nie­man­den an, son­dern wol­len in ei­nen kon­struk­ti­ven Dia­log ein­tre­ten“, er­klärt Hamm. 20 Jah­re nach Grün­dung der saar­län­di­schen Ar­muts­kon­fe­renz sei „nichts bes­ser ge­wor­den“. „Wir ha­ben zwar ei­ne sehr gut wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung. Aber der Ab­stand zur so­zia­len Ent­wick­lung wird im­mer grö­ßer“, so der Pa­ri­tät-Ge­schäfts­füh­rer.

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