Ist Bau­kul­tur nur ein from­mer Wunsch?

In der saar­län­di­schen Ar­chi­tek­ten­kam­mer soll­te es am Mon­tag um Bau­kul­tur ge­hen. Doch den Po­li­ti­kern auf dem Po­di­um lag das The­ma nicht.

Saarbruecker Zeitung - - KULTUR - VON CHRIS­TOPH SCHREI­NER

SAAR­BRÜ­CKEN. Nach fast zwei Po­di­ums­stun­den mel­de­te sich die Ar­chi­tek­tur­kri­ti­ke­rin Mar­len Ditt­mann aus dem spär­lich be­setz­ten Fo­rum zu Wort und brach­te den Abend­stand der Din­ge auf den Punkt: „Es wur­de über­haupt nicht über Ar­chi­tek­tur ge­re­det.“Wor­über dann? Über die Kos­ten­ex­plo­si­on beim Lud­wigs­park­sta­di­on. Über die Bauskan­dal-Ever­greens (4. Pa­vil­lon/HTW-Hoch­haus). Ei­ne Art Bau­mi­nis­te­ri­um. Den dar­ben­den ÖPNV. Über den über­fäl­li­gen neu­en Lan­des­ent­wick­lungs­plan (LEP) Sied­lung. Die ge­plan­te Glo­bus-An­sied­lung in Neunkirchen. Und wes­halb nicht über Ar­chi­tek­tur? Weil sie in die­sem Land kei­nen Stel­len­wert hat. Was die Dis­kus­si­on un­frei­wil­lig be­stä­tig­te.

Da­bei hat­te die gast­ge­ben­de Ar­chi­tek­ten­kam­mer (AKS) schon im No­vem­ber zehn „Wahl­prüf­stei­ne“for­mu­liert (nach­zu­le­sen auf ih­rer In­ter­net­sei­te ak­saar­land.de). Die soll­ten dem von Il­ka Des­gran­ges (SZ) mo­de­rier­ten Abend mit den drei Vi­ze-Frak­ti­ons­chefs Pe­ter Stro­bel (CDU), Gi­se­la Kolb (SPD) und Dagmar Ensch-En­gel (Lin­ke) so­wie den zwei Vor­sit­zen­den Hu­bert Ul­rich (Grü­nen-Frak­ti­on) und Gerd Rai­ner We­ber (Pi­ra­ten) als Steil­vor­la­ge die­nen. Aber wir sind nun mal mit­ten im Wahl­kampf, wo noch we­ni­ger als sonst Wahr­hei­ten zäh­len, son­dern meist nur par­tei­po­li­ti­sche Ma­nö­ver.

Ge­fragt, ob die Po­li­tik (Bei­spiel Sta­di­on) Kos­ten von Bau­pro­jek­ten ge­zielt her­un­ter­rech­ne, ant­wor­te­ten die Ko­ali­ti­ons­ver­tre­ter von CDU und SPD mit Nein (Stro­bel und Kolb), wo­hin­ge­gen die Re­prä­sen­tan­ten der Op­po­si­ti­on (En­schEn­gel, Ul­rich, We­ber) dies be­jah­ten. AKS-Prä­si­dent Alex­an­der Sch­wehm wie­der­hol­te mit Blick

Ar­chi­tek­tur­kri­ti­ke­rin Mar­len Ditt­mann

auf den her­auf­zie­hen­den „Sta­di­on-Skan­dal“Mal um Mal sei­ne zen­tra­le For­de­rung, die Zu­stän­dig­kei­ten für Pla­nen und Bau­en in ei­nem Mi­nis­te­ri­um zu bün­deln. Da­mit läuft Sch­wehm in­zwi­schen of­fe­ne Tü­ren ein. Bis auf SPD-Frau Gi­se­la Kolb, die (zu­recht) da­vor warn­te, dass mit ei­nem neu­en mi­nis­te­ri­el­len Zu­schnitt längst nicht al­le Pro­ble­me ge­löst sei­en, nick­ten al­le Sch­wehms prio­ri­tä­ren Wahl­prüf­stein ab. CDU-Mann Stro­bel ver­spricht sich da­von mehr ge­ball­te Kom­pe­tenz. Er reg­te gleich ei­ne „AG Zu­kunfts­pla­nung“an, die wich­ti­ge Pla­nungs­auf­ga­ben am Run­den Tisch dann früh­zei­tig auf Herz und Nie­ren prü­fen kön­ne.

Hin­sicht­lich der Bau­kul­tur im Land be­lie­ßen es die Par­tei­en­ver­tre­ter bei den üb­li­chen Schlag­wor­ten: Kolb er­in­ner­te da­ran, dass über­schul­de­te Kom­mu­nen Städ­te­bau­för­der­mit­tel nicht ab­ru­fen, weil sie ih­ren Ei­gen­fi­nan­zie­rungs­an­teil nicht mehr stem­men kön­nen. Oder Ul­rich mahn­te, dass man sich im Fal­le ei­ner Glo­busAn­sied­lung in Neunkirchen „nicht über aus­ge­räum­te, to­te Or­te wun­dern“dür­fe. Ensch-En­gel wie­der­um be­klag­te das Bau­markt-Syn­drom und des­sen Ver­hun­zungs­po­ten­zi­al und for­der­te „mehr Mut zum Rück­bau“. Hat man al­les schon tau­send Mal ge­hört. Wi­der­spruch kam ge­gen En­de aus dem Zu­hö­rer­kreis. Mar­tin Luck­as, Ge­schäfts­füh­rer des Land­kreis­ta­ges, et­wa warn­te vor ne­ga­ti­ven Fol­gen ei­ner Bün­de­lung von Zu­stän­dig­kei­ten. „Wir sind da ge­brann­te Kin­der, wie das Bei­spiel Denk­mal­schutz lehrt.“Vor Ort gin­gen da­durch Ver­ant­wort­lich­kei­ten ver­lo­ren. Luck­as’ an­de­rer Hin­weis – dass Gestal­tungs­sat­zun­gen ei­gent­lich ei­ne kom­mu­na­le Pflicht­auf­ga­be sein müss­ten – of­fen­bar­te das gan­ze Mal­heur der Bau­kul­tur im Saar­land: Für die Po­li­tik sind sie in al­ler Re­gel bloß Ho­kus­po­kus.

Man hat dort nicht ver­in­ner­licht, dass die At­trak­ti­vi­tät von Or­ten mit ih­rer bau­li­chen, ih­rer äs­the­ti­schen Qua­li­tät steht und fällt. Sät­ze wie „Ar­chi­tek­ten sind für mich Künst­ler“(Dagmar Ensch-En­gel) zei­gen die­sen Grad von Rea­li­täts­ver­ken­nung: Tat­säch­lich sind ja nicht we­ni­ge ent­setz­lich miss­glück­te Häu­ser das Werk von Ar­chi­tek­ten. „Es gibt im Saar­land zu we­nig Qua­li­täts­be­wusst­sein“und in den Bau­äm­tern „zu we­nig kom­pe­ten­te Ent­schei­der“, warf Mar­len Ditt­mann denn auch am En­de in die Run­de ein. Und der Ar­chi­tekt Hen­ning Free­se, dass ei­nen im Saar­land bis­wei­len das Ge­fühl be­schlei­che, Haus­halts­not­la­gen führ­ten da­zu, „auch das Den­ken ein­zu­stel­len“. Of­fe­ne Ar­chi­tek­ten­wett­be­wer­be, warb Free­se an die Adres­se der Po­li­tik, wä­ren das Mit­tel der Wahl, um mit Bür­gern in Dia­log zu tre­ten. Denn oh­ne de­ren Mit­hil­fe wird sich nichts än­dern.

Es gibt im Saar­land

ein­fach zu we­nig Qua­li­täts­be­wusst­sein.

FOTO: MAU­RER

Haupt­sa­che, der Ver­kehr kommt durch: So wie in Ep­pel­born se­hen Durch­gangs­stra­ßen hier über­all aus.

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