Die Di­no­sau­ri­er des In­ter­net-Zeit­al­ters

Di­ens­te wie Al­ta­vis­ta, Stu­diVZ und ICQ be­herrsch­ten einst das Netz. Was ist aus den eins­ti­gen Platz­hir­schen ge­wor­den?

Saarbruecker Zeitung - - INTERNET - VON THO­MAS SCHÖRNER

BRE­MEN/HAN­NO­VER (dpa) Vie­le Online-Di­ens­te, die einst Über­flie­ger im Netz wa­ren, sind heu­te Ge­schich­te. Auch et­li­che Stan­dard­pro­gramm aus den frü­hen Jah­ren des In­ter­nets, die auf je­dem Rech­ner in­stal­liert wa­ren, sind mitt­ler­wei­le be­deu­tungs­los ge­wor­den oder so­gar kom­plett ver­schwun­den.

Der Net­scape Na­vi­ga­tor bei­spiels­wei­se: Lan­ge vor Fi­re­fox, Chro­me und Co. war Net­scape der Stan­dard­brow­ser schlecht­hin. „Mit­te der 1990er Jah­re hat­te Net­scape ei­nen Markt­an­teil von 80 Pro­zent“, er­klärt der Bre­mer His­to­ri­ker Da­ni­el Crue­ger, der die di­gi­ta­le Ge­schich­te und ihr kul­tu­rel­les Er­be er­forscht. „1995 be­gann mit der Markt­ein­füh­rung des Mi­cro­soft In­ter­net Ex­plo­rers der so­ge­nann­te ers­te Brow­ser­krieg. Da­für setz­te Mi­cro­soft er­heb­li­che fi­nan­zi­el­le und per­so­nel­le Res­sour­cen so­wie die Markt­macht sei­nes Be­triebs­sys­tems Win­dows ein“, so der Ex­per­te.

Net­scape konn­te die­sen un­glei­chen Kampf nicht ge­win­nen: „2003 war der Markt­an­teil von Net­scape auf we­ni­ger als vier Pro­zent ge­sun­ken, der In­ter­net Ex­plo­rer hat­te über 95 Pro­zent er­reicht.“Von AOL zwi­schen­zeit­lich über­nom­men, wur­de der Brow­ser 2007 ein­ge­stellt.

Ein ähn­li­ches Schick­sal er­eil­te die Such­ma­schi­ne Al­ta­vis­ta. Sie ging 1995 online und war jah­re­lang Markt­füh­rer. „Al­ta­vis­ta hat sei­ne Such­er­geb­nis­se vor al­lem aus den so­ge­nann­ten Me­ta-Da­ten ei­ner Web­sei­te er­stellt, das heißt et­wa auf Grund­la­ge von Sei­ten­ti­teln oder vom Au­tor ver­ge­be­ner Stich­wör­ter“, er­klärt Timm Lut­ter vom IT-Ver­band Bit­kom. Dann kam 1998 Goog­le und mach­te es bes­ser, in­dem der Ge­samt­text ei­ner Sei­te ana­ly­siert wur­de. Für Al­ta­vis­ta ging es ste­tig berg­ab, bis der letz­te Be­sit­zer Yahoo die Such­ma­schi­ne nach meh­re­ren Ver­käu­fen 2013 ab­stell­te.

Die Platt­form Stu­diVZ war ur­sprüng­lich als Stu­den­ten-Netz­werk ge­dacht und wur­de dann aus­ge­wei­tet. Der Di­enst war zur rich­ti­gen Zeit am rich­ti­gen Ort: „Als Stu­diVZ 2005 ans Netz ging, war die Epo­che von So­ci­al Me­dia so­eben an­ge­bro­chen, deutsch­spra­chi­ge An­ge­bo­te fehl­ten aber noch weit­ge­hend“, sagt Crue­ger. Stu­diVZ war für ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on der So­ci­al-Me­dia-Erst­kon­takt, und zu ih­rer bes­ten Zeit hat­te die VZ-Grup­pe rund 16 Mil­lio­nen ak­ti­ve Nut­zer. „Dass da­nach dann der tie­fe Fall kam, hat sei­ne Grün­de wohl nicht zu­letzt in der in­halt­lich star­ken und fi­nanz­kräf­ti­gen Kon­kur­renz durch Face­book“, so Crue­ger.

„Wäh­rend Face­book op­tisch und tech­nisch da­von­zog, herrsch­te bei Stu­diVZ auf Soft­ware-Sei­te in ei­ner kri­ti­schen Pha­se Sta­gna­ti­on“, sagt Dörner. Die wach­sen­de Nut­zer­zahl und In­ter­na­tio­na­li­tät von Face­book führ­ten dann zur Ver­wai­sung zahl­lo­ser Stu­diVZ-Ac­counts – die Platt­form ist aber noch online.

Der Mes­sen­ger ICQ ging 1996 an den Start und wur­de zeit­wei­se von mehr als 470 Mil­lio­nen Men­schen welt­weit ge­nutzt. Vie­le wer­den sich noch an den ein­präg­sa­men Si­gnal­ton „Uh-oh“beim Ein­gang neu­er Chat-Nach­rich­ten er­in­nern. ICQ ver­pass­te aber die auf­kei­men­de Smart­pho­ne-Re­vo­lu­ti­on und ist erst seit 2010 mo­bil nutz­bar. Zu­sätz­li­che Kon­kur­renz kam mit di­ver­sen So­ci­al-Me­di­aAn­ge­bo­ten.

Die Platt­form Naps­ter mach­te ab 1999 das Mu­sik-Fi­le­sha­ring völ­lig un­ge­ach­tet der Rechts­la­ge zu ei­nem welt­um­span­nen­den Phä­no­men und eta­blier­te das Au­dio-For­mat MP3. „Kos­ten­lo­se Mu­sik­da­tei­en nach Wunsch – mit die­sem An­ge­bot wur­de Naps­ter zwi­schen­zeit­lich zur am schnells­ten wach­sen­den Web-Com­mu­ni­ty“, er­zählt Crue­ger. Kurz vor sei­nem En­de im Februar 2001 hat­te der Di­enst welt­weit 80 Mil­lio­nen Nut­zer. „Doch Naps­ter kos­te­te der Mu­sik­in­dus­trie im­men­sen Um­satz, wes­halb die­se sich ju­ris­tisch nach Kräf­ten ge­gen den Di­enst wehr­te.“Am En­de er­folg­reich. Nach der In­sol­venz wur­de der Mar­ken­na­me mehr­fach wei­ter­ver­kauft und wird heu­te von ei­nem kos­ten­pflich­ti­gen ge­führt.

Als „re­vo­lu­tio­nä­re Idee“be­zeich­net Timm Lut­ter von Bit­kom das so­zia­les Netz­werk Se­cond Li­fe, das in ei­ner vir­tu­el­len Welt spielt. Als 3-D-Avat­are be­we­gen sich die Nut­zer durch vir­tu­el­le Wel­ten. Das An­ge­bot des US-Un­ter­neh­mens Lin­den Lab ging 2003 online. Doch nach an­fäng­li­cher Auf­re­gung war es schnell still um Se­cond Li­fe ge­wor­den. „Wahr­schein­lich kam die Idee zu früh, die ver­brei­te­te Tech­no­lo­gie wie In­ter­net­band­brei­te und Grafik war noch nicht weit ge­nug fort­ge­schrit­ten, da­mit das Se­cond Li­fe dau­er­haft für vie­le Men­schen at­trak­tiv ge­we­sen wä­re“, so der Ex­per­te. Zwar ist das Netz­werk noch online, Nut­zer­zah­len lie­gen aber nicht vor.

Mu­si­kS­trea­m­ing­dienst

GRAFIK: DPA

Das Online-Spiel Se­cond Li­fe er­zeug­te ei­ne Zeit lang viel Auf­merk­sam­keit. Heu­te ist es ru­hig ge­wor­den um die vir­tu­el­len Dop­pel­gän­ger.

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