Ab­schied von der Weg­werf-Ra­ke­te

Im kom­men­den Mo­nat will das Raum­fahrt­un­ter­neh­men SpaceX erst­mals ei­ne rund­er­neu­er­te Ra­ke­te ins All star­ten las­sen.

Saarbruecker Zeitung - - WISSEN - VON UWE SEIDENFADEN

HAWTHORNE Ex und hopp lau­te­te bis­her die De­vi­se in der Raum­fahrt. Ei­ne vie­le Mil­lio­nen Eu­ro teu­re Sa­tel­li­ten-Trä­ger­ra­ke­te hat we­ni­ge Mi­nu­ten nach dem Start nur noch Schrott­wert, denn sie kann nicht wie­der­ver­wen­det wer­den – je­den­falls bis­her. In we­ni­gen Ta­gen soll nun die Ära der wie­der­ver­wend­ba­ren Ra­ke­ten be­gin­nen. Dann soll erst­mals ei­ne Ra­ke­te ih­ren zwei­ten Start ab­sol­vie­ren.

Wer schon ein­mal ver­sucht hat, ei­nen Blei­stift mit dem stump­fen En­de auf­recht auf ei­nen Tisch zu stel­len, der weiß: Da­für braucht man sehr viel Fingerspitzengefühl. Je län­ger der Stift ist und je hö­her sein Mas­sen­mit­tel­punkt liegt, des­to eher wird das Ex­pe­ri­ment schei­tern. Wä­re es mög­lich, ei­nen Stift in die Luft zu wer­fen und ihn dann auf­recht ste­hend lan­den zu las­sen?

In deut­lich grö­ße­rem Maß­stab ist die­ses Ex­pe­ri­ment dem USUn­ter­neh­men SpaceX be­reits sechs­mal ge­lun­gen. Es ließ die ers­te Stu­fe sei­ner Fal­con-9-Ra­ke­te, die mit 47 Me­tern so hoch wie der Schwar­zen­berg­turm in Saar­brü­cken ist, aus der Um­lauf­bahn zu­rück­keh­ren und lan­den.

Ei­ne Fal­con-9 kann ei­nen bis zu zehn Ton­nen schwe­ren Sa­tel­li­ten in nied­ri­ge Er­dor­bits brin­gen und nach zehn Mi­nu­ten senk­recht auf auf ei­ner im Meer schwim­men­den Platt­form lan­den. Das US-Raum­fahrt­un­ter­neh­men hat in den ver­gan­ge­nen vier Jah­ren 19 sol­cher Lan­de­ex­pe­ri­men­te un­ter­nom­men. Die neue Lan­de­tech­nik soll die Kos­ten für den Raum­trans­port durch die Wie­der­ver­wen­dung der ers­ten Ra­ke­ten­stu­fe deut­lich sen­ken. SpaceX spricht von et­wa ei­nem Drit­tel der Start­kos­ten. Das ent­spricht 20 bis 25 Mil­lio­nen US-Dol­lar. Da­mit wä­re das Un­ter­neh­men güns­ti­ger als sei­ne Wett­be­wer­ber wie zum Bei­spiel die eu­ro­päi­sche Saf­ranGroup mit der Aria­ne-Ra­ke­te.

Doch ei­ne wei­che Lan­dung ist nicht al­les. Not­wen­dig ist es, die aus dem All zu­rück­keh­ren­de Ra­ke­ten­stu­fe für ei­nen wei­te­ren Start vor­zu­be­rei­ten. Vom Start­platz 39A im Ken­ne­dy-Raum­fahrt­zen­trum auf Ca­pe Ca­na­veral, von dem un­ter an­de­rem die ers­ten Apol­lo-As­tro­nau­ten zur Mond­rei­se ab­ho­ben, soll nun im März die ers­te auf­ge­ar­bei­te­te Fal­con-9-Trä­ger­ra­ke­te den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sa­tel­li­ten SES 10 auf sei­ne geo­sta­tio­nä­re Bahn in 35 800 Ki­lo­me­tern Hö­he brin­gen.

SES 10 soll die in den Jah­ren 1997 und 1998 ge­star­te­ten Vor­gän­ger-Sa­tel­li­ten AMC3 und 4 er­set­zen, die nicht mehr ein­wand­frei funk­tio­nie­ren.

Der 5,3 Ton­nen schwe­re SES-10-Sa­tel­lit, der von ei­ner Lu­xem­bur­ger Fir­ma be­trie­ben wird, soll Fern­seh­pro­gram­me für Mit­tel- und Süd­ame­ri­ka aus­strah­len. We­gen der Ex­plo­si­on ei­ner Fal­con-9-Ra­ke­te im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber auf der Start­platt­form 40 in Ca­pe Ca­na­veral muss­te der Start ver­scho­ben wer­den.

Die 47 Me­ter hohe Fal­con-9Erst­stu­fe hat­te am 8. April 2016 erst­mals die un­be­mann­te Ver­sor­gungs­kap­sel Dra­gon auf den Weg zur ISS-Raum­sta­ti­on ge­bracht. Nach der Tren­nung von der Ra­ke­ten-Ober­stu­fe in ei­ner Hö­he von 150 Ki­lo­me­tern bei ei­ner Ge­schwin­dig­keit von 6650 Ki­lo­me­tern pro St­un­de lan­de­te sie, ab­ge­bremst durch Fall­schir­me und mehr­fa­che Zün­dun­gen ih­rer Mer­lin-Trieb­wer­ke auf zehn Me­ter ge­nau auf ei­ner Lan­de­platt­form von der dop­pel­ten Grö­ße ei­nes Hand­ball­fel­des. Die In­ge­nieu­re prüf­ten da­nach Tanks, Treib­stoff­lei­tun­gen und Ra­ke­ten­mo­to­ren der Ra­ke­te und be­rei­te­ten sie auf ei­nen er­neu­ten Start vor. Um den SES-10Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sa­tel­li­ten ziel­ge­nau ab­zu­set­zen, muss die ers­te Ra­ke­ten­stu­fe dies­mal ei­ne Ge­schwin­dig­keit 8350 km/h er­rei­chen. Da­nach soll sie auf ei­ner nur 90 mal 30 Me­ter gro­ßen, schwim­men­den Platt­form im At­lan­tik, 230 Ki­lo­me­ter vor der Küs­te Flo­ri­das, lan­den.

Lang­fris­tig be­trach­tet der Grün­der und Chef des US-Un­ter­neh­mens SpaceX, Elon Musk, die Wi­der­ver­wend­bar­keit der An­triebs­ein­hei­ten als ei­nen Schlüs­sel für die Be­sie­de­lung von Mond und Mars durch den Men­schen. Im Pen­del­ver­kehr könn­ten aus dem All zu­rück­keh­ren­de und für wei­te­re Flü­ge neu be­tank­te Ra­ke­ten tau­sen­de Men­schen ins All brin­gen. Vor­aus­set­zung ist al­ler­dings, dass ein Ra­ke­ten-Re­cy­cling güns­ti­ger als die Fließ­band­pro­duk­ti­on von Ein­weg-Ra­ke­ten wird.

In den 1980er Jah­re konn­ten die teils wie­der­ver­wend­ba­ren Space Shut­tles die­se in sie ge­setz­ten Hoff­nun­gen auf Kos­ten­sen­kun­gen nicht er­fül­len; der Re­pa­ra­tur­auf­wand war zu groß. Da sie auch As­tro­nau­ten ins All brin­gen soll­ten, wa­ren die Si­cher­heits­an­for­de­run­gen für die Raum­fäh­ren ganz be­son­ders streng.

Die Fal­con-9 soll auf ei­ner 90 mal 30 Me­ter gro­ßen, schwim­men­den

Platt­form im At­lan­tik lan­den.

FOTO: SPACEX

Im kom­men­den Mo­nat soll erst­mals ei­ne wie­der­auf­ge­ar­bei­te­te Fal­con-9-Ra­ke­te in Flo­ri­da zu ih­rem zwei­ten Flug ins All star­ten.

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