Dem Rechts­staat geht das Per­so­nal aus

Ver­däch­ti­ge kom­men we­gen Über­las­tung der Jus­tiz frei. Ein­brü­che blei­ben un­auf­ge­klärt, weil Po­li­zis­ten feh­len. Auch im Saar­land gibt es Sor­gen.

Saarbruecker Zeitung - - ERSTE SEITE - VON ISA­BEL SAND UND CHRIS­TIA­NE JA­CKE

(SZ/dpa) Ein Ver­däch­ti­ger sitzt in Un­ter­su­chungs­haft. Nach ein paar Mo­na­ten kommt er frei. Nicht weil sich der Ver­dacht ge­gen ihn zer­schla­gen hät­te, son­dern weil die Jus­tiz nicht schnell ge­nug da­mit ist, ei­ne An­kla­ge vor­zu­be­rei­ten – und den Be­schul­dig­ten nicht län­ger fest­hal­ten darf. „Pro Jahr kommt das im Mo­ment zwi­schen 40 und 45 Mal in Deutsch­land vor“, sagt der Vor­sit­zen­de des Deut­schen Rich­ter­bun­des, Jens Gni­sa. Dar­un­ter sei­en auch Kri­mi­nel­le, de­nen er­heb­li­che Straf­ta­ten vor­ge­wor­fen wer­den. Schuld sei ei­ne Über­las­tung der Jus­tiz.

Ges­tern äu­ßer­ten der Bun­des­vor­sit­zen­de der Ge­werk­schaft der Po­li­zei, Oli­ver Mal­chow, und Jens Gni­sa bei der Bun­des­pres­se­kon­fe­renz in Ber­lin ih­re Be­den­ken be­züg­lich des Per­so­nal­man­gels bei Po­li­zei und Jus­tiz. Mal­chow zeich­net wie Gni­sa ein düs­te­res Bild der La­ge. Bei­de spra­chen von ei­ner „Ero­si­on der in­ne­ren Si­cher­heit“in Deutsch­land. Und wie sieht die La­ge im Saar­land aus?

Dass Schwer­ver­bre­cher im Saar­land we­gen über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er wie­der auf frei­en Fuß ge­setzt wur­den, ist Wer­ner Kock­ler, dem Vor­sit­zen­den des saar­län­di­schen Rich­ter­bun­des, nicht be­kannt. „Trotz­dem ist der Zu­stand der saar­län­di­schen Jus­tiz, po­si­tiv aus­ge­drückt, be­schei­den“, sagt er. Die saar­län­di­sche Jus­tiz mit Rich­tern, Staats­an­wäl­ten, Rechts­pfle­gern, Ser­vice­kräf­ten und Wacht­meis­tern sei über­las­tet. 2015 gab es im Saar­land für al­le Ge­richts­zwei­ge 322 Rich­ter- und Staats­an­walts­stel­len. Laut dem Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um des Saar­lan­des gibt es ak­tu­ell 316 Rich­ter­plan­stel­len. Bei den Amts­ge­rich­ten, dem Land­ge­richt und der Staats­an­walt­schaft feh­len laut Kock­ler der­zeit 27 Stel­len. Seit 2013 sei­en neun Rich­ter- und Staats­an­walts­stel­len ge­stri­chen wor­den. Ins­ge­samt sol­len 40 Stel­len weg­fal­len. Die Pres­se­spre­che­rin des Jus­tiz­mins­te­ri­ums, zu­gleich auch Rich­te­rin am Ver­wal­tungs­ge­richt, Si­rin Öz­fi­rat, spricht von ei­ner „aus­ge­wo­ge­nen Be­las­tung“der saar­län­di­schen Ge­rich­te. Per­so­nal­man­gel herr­sche al­ler­dings in der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit, beim Land­ge­richt Saar­brü­cken so­wie der Staats­an­walt­schaft Saar­brü­cken. Da­her wur­den in die­sem Jahr neun Pro­be­rich­ter ein­ge­stellt, vier wei­te­ren wur­de be­reits zu­ge­sagt.

Der Per­so­nal­man­gel in der saar­län­di­schen Jus­tiz hat laut Kock­ler un­ter an­de­rem zur Fol­ge, dass das Saar­land hin­sicht­lich der Ver­fah­rens­dau­er in Straf­sa­chen bun­des­weit an dritt­letz­ter Stel­le ste­he. „Das Land­ge­richt Saar­brü­cken ist in Straf­sa­chen das am höchs­ten be­las­te­te Ge­richt in Deutsch­land“, sagt der Vor­sit­zen­de des saar­län­di­schen Rich­ter­bun­des. Ähn­lich se­he es mit der Staats­an­walt­schaft Saar­brü­cken aus. Die schlech­te Per­so­nal­aus­stat­tung der saar­län­di­schen Jus­tiz füh­re da­zu, dass an­ge­zeig­te Straf­ta­ten ver­mehrt ein­ge­stellt wer­den, so­wie Zi­vil- und Fa­mi­li­en­ver­fah­ren län­ger dau­ern.

In ganz Deutsch­land kom­men Rich­ter und Staats­an­wäl­te nicht mehr mit der Ar­beit hin­ter­her. Und der Vor­sit­zen­de des Deut­schen Rich­ter­bun­des Gni­sa mahnt, die La­ge wer­de sich in den nächs­ten Jah­ren noch ver­schär­fen, weil ei­ne „gi­gan­ti­sche Pen­si­ons­wel­le“auf die Jus­tiz zu­rol­le. Laut Rich­ter­bund ge­hen in den nächs­ten 15 Jah­ren et­wa 40 Pro­zent al­ler Rich­ter und Staats­an­wäl­te in Bund und Län­dern in den Ru­he­stand. In den neu­en Län­dern sei­en es so­gar mehr als 60 Pro­zent. Nach­wuchs zu fin­den, sei schwie­rig. Ganz be­son­ders im Saar­land. Denn: „Das Saar­land mit sei­ner mit deut­li­chem Ab­stand schlech­tes­ten und so­gar evi­dent ver­fas­sungs­wid­ri­gen Ein­gangs­be­sol­dung für Rich­ter und Staats­an­wäl­te (rund 800 Eu­ro we­ni­ger als in Ham­burg oder Bay­ern) wird hier­bei zwei­fels­oh­ne der Verlierer sein“, gibt Kock­ler zu Be­den­ken. Ein ganz an­de­res Bild zeich­net Öz­fi­rat: „Wir ha­ben der­zeit kei­ne Pro­ble­me, qua­li­fi­zier­ten Nach­wuchs ein­zu­stel­len“. Es sei­en be­reits wei­te­re 38 neue Be­wer­bun­gen von hin­rei­chend qua­li­fi­zier­ten Voll­ju­ris­ten für Pro­be­rich­ter­stel­len ein­ge­gan­gen.

Ih­re Ein­stel­lung wä­re ein Glücks­fall, denn Wer­ner Kock­ler rech­net mit ei­ner er­heb­li­chen Mehr­be­las­tung der Rich­ter durch das be­schlos­se­ne Struk­tur­re­form­ge­setz der Amts­ge­rich­te (AG). Künf­tig sol­len die Amts­ge­rich­te nur noch für ein be­stimm­tes Rechts­ge­biet zu­stän­dig sein. So sol­len bei­spiels­wei­se Fa­mi­li­en- und Zi­vil­ver­fah­ren des AG St. Ing­bert nur noch beim AG Hom­burg und Straf­sa­chen des AG Hom­burg nur noch in St. Ing­bert ver­han­delt wer­den. Ne­ben auf­wen­di­gen Ak­ten­trans­por­ten und Neu­re­gis­trie­run­gen müs­sen sich Rich­ter in ei­nen kom­plett neu­en Ak­ten­be­stand ein­le­sen.

Ganz so schlimm trifft es die Po­li­zei nicht. Doch auch hier fehlt Per­so­nal. Die Ge­werk­schaft der Po­li­zei (GdP) rech­net für das ge­sam­te Bun­des­ge­biet vor, bis 2021 schie­den et­wa 44 000 Be­am­te aus dem Di­enst aus. Das sei fast je­der Fünf­te der rund 215 000 Voll­zugs­be­am­ten in Deutsch­land. Das Pro­blem ist alt­be­kannt. Po­li­zei­ge­werk­schaf­ter kla­gen der­art lan­ge und der­art laut dar­über, dass nach Jah­ren des Stel­len­ab­baus in­zwi­schen ei­ne Um­kehr ein­ge­lei­tet ist. Es wur­de schon Per­so­nal auf­ge­stockt, mehr soll kom­men. 15 000 Stel­len ex­tra ver­spre­chen Uni­on und SPD in ih­ren Pro­gram­men für die Bun­des­tags­wahl.

Im Saar­land wa­ren laut dem Mi­nis­te­ri­um für In­ne­res, Bau­en und Sport im Jahr 2016 2713 Po­li­zei­voll­zugs­be­am­te im Di­enst. In die­sem Jahr wur­den 120 Be­am­te ein­ge­stellt. „Der Per­so­nal­be­stand soll ab 2021 sta­bil ge­hal­ten wer­den“, sagt der Mi­nis­te­ri­ums­spre­cher Mar­kus Trös­ter. Der Ein­satz der As­sis­tenz­kräf­te (Po­li­zei­li­cher Ord­nungs­dienst, Mit­ar­bei­ter im Er­mitt­lungs- und Ver­wal­tungs­dienst) ha­be sich be­währt und soll bei­be­hal­ten wer­den.

FO­TO: OLI­VER DIET­ZE/DPA

Ei­ne Rich­ter­bank oh­ne Rich­ter – ganz so schlimm ist es noch nicht. Aber Per­so­nal-Man­gel gibt es schon, klagt der Rich­ter­bund in Deutsch­land.

FO­TO: ANDRE­AS EN­GEL

Bei der Po­li­zei ist die Per­so­nal-Not noch nicht so groß wie in der Jus­tiz, sa­gen die Ex­per­ten. Und das Saar­land ha­be be­reits ge­gen­ge­steu­ert. Un­ser Bild zeigt die Ve­rei­di­gung saar­län­di­scher Po­li­zei­an­wär­ter 2016.

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