So­zi­al­aus­ga­ben auf Re­kord­hoch

Laut Re­gie­rungs­be­richt ha­ben sich die Kos­ten im Jahr 2016 um 33 Mil­li­ar­den Eu­ro er­höht. 2021 wird vor­aus­sicht­lich die Bil­lio­nen-Gren­ze über­schrit­ten.

Saarbruecker Zeitung - - ERSTE SEITE - VON STE­FAN VET­TER

Die Be­schäf­ti­gungs­zah­len lie­gen auf Re­kord­ni­veau, die staat­li­chen So­zi­al­aus­ga­ben al­ler­dings auch, wie aus dem ak­tu­el­len So­zi­al­be­richt der Bun­des­re­gie­rung her­vor­geht. Die ges­tern vom Ka­bi­nett ver­ab­schie­de­te Über­sicht ist ge­wis­ser­ma­ßen die so­zi­al­po­li­ti­sche Bi­lanz für die zu En­de ge­hen­de Wahl­pe­ri­ode. Al­lein im ver­gan­ge­nen Jahr wur­den dem­nach 918 Mil­li­ar­den Eu­ro für Fa­mi­li­en, Rent­ner, Kran­ke und so­zi­al Be­dürf­ti­ge aus­ge­ge­ben. Das war ge­gen­über dem Vor­jahr ein Plus um 33 Mil­li­ar­den Eu­ro (3,7 Pro­zent). Die De­tails im Über­blick:

Ren­te: Zwi­schen 2013 und 2016 leg­ten die Ren­ten­aus­ga­ben ein­schließ­lich der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung von knapp 309 auf 343 Mil­li­ar­den Eu­ro zu. Et­wa 21 Mil­lio­nen Men­schen be­zie­hen ei­ne ge­setz­li­che Ren­te. Laut Re­gie­rungs­be­richt be­tru­gen die Haus­halts­net­to­ein­kom­men al­ler Ehe­paa­re und Al­lein­ste­hen­den im Al­ter ab 65 im Jahr 2015 durch­schnitt­lich 1941 Eu­ro. Zwi­schen 2011 und 2015 sind sie um sie­ben Pro­zent ge­stie­gen. Da­zu zäh­len et­wa auch Be­triebs­ren­ten und Ries­ter-Ver­trä­ge. In den kom­men­den Jah­ren wer­den die ge­bur­ten­star­ken Jahr­gän­ge in Ren­te ge­hen. Dies be­deu­tet laut Be­richt, dass im Jahr 2045 be­reits 55 Per­so­nen im Ren­ten­al­ter 100 Per­so­nen im er­werbs­fä­hi­gen Al­ter ge­gen­über ste­hen. Heu­te liegt das Ver­hält­nis bei 35:100. „Die­ser An­stieg ist nicht tem­po­rär, son­dern dau­er­haft“, heißt es im Text.

Gesundheit: Die Auf­wen­dun­gen für Krank­heit und In­va­li­di­tät gin­gen zwi­schen 2013 und 2016 von gut 332 auf 377,5 Mil­li­ar­den Eu­ro nach oben. Da­mit lag der An­teil der ge­sam­ten Ge­sund­heits­aus­ga­ben am Brut­to­in­lands­pro­dukt bei 12,1 Pro­zent. Das sei im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich ein „ver­hält­nis­mä­ßig ho­hes Ni­veau“. Und die Kos­ten dürf­ten wei­ter kräf­tig zu­le­gen. Die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung und der me­di­zi­nisch-tech­ni­sche Fort­schritt wer­den laut Be­richt „mit­tel­fris­tig da­zu füh­ren, dass ge­rin­ge­ren Zu­wäch­sen bei den Bei­trags­ein­nah­men ei­ne ten­den­zi­ell wach­sen­de Aus­ga­ben­dy­na­mik in der me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung ge­gen­über steht“.

Grund­si­che­rung: Hier ist ei­ne ge­wis­se Ent­span­nung zu be­ob­ach­ten. Der An­teil der er­werbs­fä­hi­gen Per­so­nen mit An­spruch auf Hartz IV an der Be­völ­ke­rung im er­werbs­fä­hi­gen Al­ter sank zwi­schen 2013 und 2016 leicht von 8,2 auf 7,9 Pro­zent. Im Jah­res­durch­schnitt 2016 wa­ren rund 4,3 Mil­lio­nen er­werbs­fä­hi­ge Per­so­nen auf staat­li­che Grund­si­che­rung an­ge­wie­sen – 78 000 we­ni­ger als im Jahr 2013.

Per­spek­ti­ven: Für das lau­fen­de Jahr rech­net die Re­gie­rung mit ei­nem wei­te­ren An­stieg der So­zi­al­aus­ga­ben auf 961 Mil­li­ar­den Eu­ro, für das Jahr 2021 gar auf 1,1 Bil­lio­nen Eu­ro. Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les (SPD) räum­te ein, dass der Zu­wachs der So­zi­al­aus­ga­ben zu­letzt „et­was hö­her“aus­ge­fal­len sei als das Wirt­schafts­wachs­tum. Der So­zi­al­schutz in Deutsch­land sei aber auch im eu­ro­päi­schen Ver­gleich „an­ge­mes­sen“. Nach den ak­tu­ell ver­füg­ba­ren Da­ten liegt Deutsch­land mit sei­ner So­zi­al­leis­tungs­quo­te leicht über dem EU-Durch­schnitt. Deut­lich hö­he­re So­zi­al­leis­tun­gen ha­ben zum Bei­spiel Frank­reich und Dä­ne­mark.

Re­ak­tio­nen: Die Wirt­schaft hat­te schon in der ver­gan­ge­nen Wo­che ei­ne Pro­gnos-Stu­die ins Feld ge­führt, wo­nach bis zum Jahr 2040 ein An­stieg der So­zi­al­bei­trä­ge von jetzt ins­ge­samt knapp 40 Pro­zent auf dann fast 49 Pro­zent der Lohn­kos­ten droht. Dies wür­de ei­nen mas­si­ven Ar­beits­platz­ver­lust be­deu­ten, so der Ein­wand. Da­ge­gen be­klag­te der So­zi­al­ver­band VdK, dass ho­he So­zi­al­leis­tun­gen trotz ge­rin­ger Ar­beits­lo­sig­keit ein deut­li­cher Hinweis auf vie­le schlecht be­zahl­te Jobs sei­en. Auch han­de­le es sich bei den Aus­ga­ben nicht um so­zia­le Wohl­ta­ten, son­dern um not­wen­di­ge Aus­ga­ben zur Be­kämp­fung so­zia­ler Un­gleich­heit, ar­gu­men­tier­te der Ver­band.

FO­TO: KAY NIETFELD/DPA

Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les (SPD) zog ges­tern Bi­lanz.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.