„Lass uns ein Land grün­den“

Ja­na Hen­sel legt mit „Kein­land“ih­ren ers­ten Ro­man vor und er­zählt von ei­ner schwie­ri­gen Lie­be.

Saarbruecker Zeitung - - SAARLAND - VON RO­LAND MISCHKE

Wenn zwei Men­schen sich ver­lie­ben, be­tre­ten sie Neu­land. Wie Nad­ja, ei­ne in der DDR („das fal­sche Land“) ge­bo­re­ne Frau, und Martin, ein im Wes­ten („das rich­ti­ge Land“) zur Welt ge­kom­me­ner Mann. Wie kom­men Men­schen ver­schie­de­ner Hei­ma­ten zu­sam­men? „Lass uns ein neu­es Land grün­den“, sagt Nad­ja zu Martin. „Ein schma­les, ein klei­nes, ein fast un­sicht­ba­res Land. Wir müs­sen un­be­dingt ein neu­es Land grün­den! Un­ser Land.“Die Lie­bes­ge­schich­te wird aus Sicht der Frau er­zählt, ein „Ich“spricht fort­wäh­rend zu ei­nem „Du“.

Ja­na Hen­sel ist 2002 be­kannt ge­wor­den mit „Zo­nen­kin­der“, ei­nem Sach­buch über die Kin­der der DDR, die plötz­lich in die BRD hin­ein­ka­ta­pul­tiert wur­den. Ein span­nen­des jour­na­lis­ti­sches The­ma. Sie war ei­ni­ge Zeit beim von Ja­kob Augstein her­aus­ge­ge­be­nen „Frei­tag“, bis sie vor zwei Jah­ren die Zei­tung ver­ließ. Dass die 41-Jäh­ri­ge nun ei­nen Lie­bes­ro­man vor­legt, über­rascht. Leicht macht sie es sich nicht. Das Ost­mäd­chen ver­liebt sich in Martin, der in Frank­furt am Main ge­lebt hat und nach Is­ra­el aus­ge­wan­dert ist. Ein Deut­sch­ju­de, dem es ge­fällt, mit sei­ner Ge­lieb­ten in der Spra­che zu kom­mu­ni­zie­ren, die er als Kind er­lernt hat. Aber es ist auch die Spra­che des Fa­schis­mus, die sei­ne El­tern in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern hör­ten, vor de­ren Ge­brüll sie Angst hat­ten. Dach­au, Ra­vens­brück, Au­schwitz, dann ein Flücht­lings­la­ger in der Bun­des­re­pu­blik, wo die El­tern nicht hin­woll­ten und wo Martin 15 Jahre nach dem Krieg ge­bo­ren wur­de. „Ich ha­be mich ge­fragt, ob du al­les über dei­ne Leu­te weißt, weil sie ge­stor­ben sind“, schreibt Nad­ja an ihr Du. „Und ob ich nichts über mei­ne Leu­te weiß, weil sie le­ben.“

Das ist der Dau­er­kon­flikt die­ser Lie­be, den bei­de mit un­ter­schied­li­chen Such­be­we­gun­gen zu um­ge­hen ver­su­chen. Oft tref­fen sie sich nicht. Als Martin wie­der mal dienst­lich in Ber­lin ist, be­rei­tet Nad­ja ein is­rae­li­sches Abend­es­sen zu, macht sich hübsch. Martin kommt mit Bier, sie sto­ßen an, das Es­sen bleibt zum gro­ßen Teil ste­hen. Martin er­zählt nur von sich, und so hat Nad­ja kei­ne Ge­le­gen­heit, ihm mit­zu­tei­len, dass sie schwan­ger ist. Ei­ne Schlüs­sel­sze­ne. „Wir ha­ben bei­de ge­glaubt, mit Lie­be kön­ne man dem bei­kom­men, was ge­we­sen ist“, heißt es. Da wis­sen die Le­ser längst, dass die­se Lie­bes­ge­schich­te nicht glück­lich en­den wird.

„Kein­land“spielt mit Re­fle­xio­nen. An­fangs be­wun­dert man die un­ein­deu­ti­gen Sät­ze, die auf der Su­che sind nach dem, was gilt. Doch die stän­di­gen Wie­der­ho­lun­gen als Stil­mit­tel er­mü­den. Auf dem Paar las­tet ei­ne Be­deu­tungs­schwe­re, die von der Au­to­rin hät­te durch­drun­gen wer­den kön­nen; aber sie ist zu sehr in ih­ren lang­at­mi­gen Sprach­stil ver­liebt. „Von den Näch­ten muss auch die Re­de sein, von den Näch­ten muss ich un­be­dingt er­zäh­len, an die Näch­te muss ich mich er­in­nern“, heißt es wie ge­reimt. Da hät­ten auch wir gern mehr ge­wusst. Das As­so­zia­ti­ve zwi­schen dem Schuld­ge­fühl der Deut­schen und der Aver­si­on des Is­rae­lis er­scheint manch­mal als Tran­ce, es ist nicht klar, was Traum und Wirk­lich­keit ist. „Ich weiß, es klingt, als wür­de ich es mir aus­den­ken, als bräuch­te ich ei­ne ma­the­ma­ti­sche Glei­chung, um die Din­ge lo­gisch und plau­si­bel er­schei­nen zu las­sen“, schreibt die Er­zäh­le­rin. Aber Ma­the hat in der Li­te­ra­tur nichts zu su­chen, son­dern er­zäh­len, er­zäh­len. So geht es in Hen­sels Ro­man vor al­lem um Wun­sch­er­fül­lun­gen, Un­si­cher­heit, geis­ti­ge Fer­ne.

FO­TO: MICHAEL MANN/GOLD­MANN/DPA

Die Au­to­rin und Jour­na­lis­tin Ja­na Hen­sel.

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