Die Ge­dan­ken sind voll auf der Stra­ße

Ma­ri­jan Grie­bel will im Sko­da Fa­bia bei der Deutsch­land Ral­lye am Bostal­see ei­nen Heim­sieg ein­fah­ren.

Saarbruecker Zeitung - - SPORT - VON PATRI­CIA HEI­NE

HAHN­WEI­LER

Mit der Pünkt­lich­keit hat er es nicht so – im All­tag zu­min­dest nicht. Im Au­to schon. Sonst be­kä­me Ma­ri­jan Grie­bel Straf­zei­ten auf­ge­brummt. Da­mit das nicht pas­siert, hat sein Bei­fah­rer Ste­fan Kop­c­zyk die Uhr ge­nau im Blick. „Zieh dei­nen Helm auf, mach dich fer­tig“, weist er ihn an. Und dann geht es los bei der ADAC Deutsch­land Ral­lye. Nach zehn Jah­ren ist sie in der kom­men­den Wo­che (17. bis 20. August) zu­rück in der Re­gi­on. Ein Heim­ren­nen für den Lo­kal­ma­ta­dor aus dem rhein­land-pfäl­zi­schen Hahn­wei­ler, ei­nem Nach­bar­ort von Frei­sen – al­so un­weit des Bostal­sees, wo das Ral­lye-Zen­trum sein wird.

Kei­ner der Fah­rer kennt die Stre­cke so gut wie Grie­bel. Den Vor­teil will er nut­zen, sich be­wei­sen. In sei­nem Sko­da Fa­bia tritt er in der Fahr­zeug­klas­se WRC 2 an. Der Top-Klas­se der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft. Der zweit­höchs­ten Klas­se der Welt­meis­ter­schaft. Knapp 300 PS, All­rad­an­trieb, mo­derns­te Tech­nik – das sind die Au­tos. Bei der Welt­meis­ter­schaft mischt Grie­bel die­ses Jahr nicht mit. Bei der EM schon. Im Mo­ment führt er die Ju­nio­ren-Wer­tung an. Und die will er auch ganz gewinnen – so wie ver­gan­ge­nes Jahr.

Bei der Deutsch­land Ral­lye will der 28-Jäh­ri­ge ei­nen Platz un­ter den ers­ten Fünf sei­ner Klas­se er­rei­chen. „Mit al­lem an­de­ren wä­re ich nicht zu­frie­den“, sagt er. Fünf Mal hat er sei­ne Klas­se bei die­sem Lauf schon ge­won­nen. Aber die­ses Mal sei „su­per­star­ke Kon­kur­renz“da­bei. Zu den Fa­vo­ri­ten in der höchs­ten Fahr­zeug­klas­se ge­hört der Bel­gi­er Thier­ry Neu­vil­le. Zu ihm blickt Grie­bel auf, ei­fert ihm nach. „Ein sym­pa­thi­scher und bo­den­stän­di­ger Typ“, sagt Grie­bel über sein Vor­bild.

So könn­te er auch über sich selbst spre­chen. Wer den Ral­lye-Fah­rer auch pri­vat in ei­nem schnel­len Sport­wa­gen ver­mu­tet, der täuscht sich. In ei­nem wei­ßen Sko­da Ye­ti fährt er vor. Ein kas­ti­ges Fa­mi­li­en­au­to. Und das sucht sich ein Renn­fah­rer aus? Nicht ganz. Grie­bel be­kommt es für die lau­fen­de Sai­son von sei­nem Spon­sor zur Ver­fü­gung ge­stellt. Nur das Ben­zin muss er selbst zah­len.

Am An­fang war er et­was skep­tisch. Ob man es ir­gend­wann ge­gen ein „nor­ma­le­res“Mo­dell tau­schen kön­ne, frag­te er bei Sko­da nach. Mitt­ler­wei­le ha­be er sich aber dar­an ge­wöhnt. „Wenn ich viel ver­die­nen wür­de, könn­te ich vi­el­leicht im Por­sche an­rü­cken“, sagt Grie­bel und lacht. Aber er will auch bo­den­stän­dig blei­ben: „Mit ei­nem nor­ma­len Stra­ßen­au­to über ei­ne Bun­des­stra­ße zu hei­zen, gibt mir nichts.“Des­we­gen hat er auch noch kei­nen Punkt in Flens­burg und ist „noch völ­lig straf­frei“. Von Grie­bels Fahr­küns­ten las­sen sich auch ger­ne sei­ne Kol­le­gen bei der Po­li­zei­in­spek­ti­on Bir­ken­feld über­zeu­gen. Das Steu­er des Strei­fen­wa­gens über­las­sen sie meis­tens ihm, er­zählt er. Seit 2014 ar­bei­tet er bei der Po­li­zei und hat dort ei­ne Teil­zeit­stel­le. Da­mit ist er sehr fle­xi­bel und kriegt Job und Sport gut un­ter ei­ne Mo­tor­hau­be.

Die Be­geis­te­rung für den Mo­tor­sport hat Grie­bel von sei­ner Fa­mi­lie. Sein Va­ter war Bei­fah­rer und Mecha­ni­ker in pro­fes­sio­nel­len Teams, jetzt ist er in Ren­te. Mit sie­ben Jah­ren be­kam der klei­ne Ma­ri­jan schon sein ers­tes ben­zin­ge­trie­be­nes Ge­fährt, ein Mo­to­cross-Mo­tor­rad. „Wir hat­ten viel Wie­se um un­ser Haus her­um, und mein Pa­pa lief ne­ben mir her“, er­zählt Grie­bel. Weil es sei­ne Mut­ter zu ge­fähr­lich fand, rich­ti­ge Ren­nen zu fah­ren, fing Grie­bel mit Tri­al (Ge­schick­lich­keits­fah­ren) an. Auch dar­in war das Ta­lent aus dem Huns­rück sehr er­folg­reich – und schaff­te es bis zur WM nach Ja­pan. Mit 19 nahm er an ei­ner Sich­tung für das Ral­lye­fah­ren teil: „Dann war ich schon in­fi­ziert von dem Sport.“

Heu­te fährt er ganz vor­ne mit. Be­kommt täg­lich Au­to­gramm-An­fra­gen. Sein Ziel: Sich in der Szene so zu eta­blie­ren, dass er sein Geld mit dem Ral­lye­fah­ren ver­die­nen kann. Da­zu braucht er ei­nen Her­stel­ler­platz – am liebs­ten bei Sko­da. Dann be­kä­me er al­les fi­nan­ziert. Aber die­se Plät­ze sind rar. Der Weg dort­hin nicht ein­fach. Zur­zeit ist Grie­bel Pri­vat­fah­rer. Fährt er ein Au­to zu Schrott, muss er die Ver­si­che­rungs­sum­me selbst zah­len. Das sei ihm zum Glück noch nicht oft pas­siert. „Bei den meis­ten Un­fäl­len wa­ren zu­min­dest noch ein paar Fahr­zeug­tei­le zu ge­brau­chen“, sagt er. Un­ter­stüt­zung gibt es aber von sei­nem Team, für das er an den Start geht. Das über­neh­me für ihn die 5000 Eu­ro für die Ein­schrei­bung bei der Ral­lye Deutsch­land. Es stellt auch In­ge­nieu­re und Mecha­ni­ker.

Und wie trai­niert ein Ral­lye-Fah­rer? Gar nicht so viel im Au­to. Denn Grie­bel muss für je­den Ki­lo­me­ter, den er fährt, selbst zah­len. Vor der Deutsch­land Ral­lye hat er nur zwei Ta­ge in der Wo­che vor dem Start, an de­nen er die Wett­be­werbs­stre­cke er­kun­den kann. Da­bei no­tiert sein Bei­fah­rer den ge­nau­en Stre­cken­ver­lauf. Wäh­rend des Ren­nens gibt Kop­c­zyk dann über Mi­kro­fon und Kopf­hö­rer un­ter dem Helm vor: „Hun­dert, rechts, drei, mi­nus, cut.“Grie­bel weiß dann den Ab­stand zu der kom­men­den Rechts­kur­ve, dass er sie im Ra­di­us drei fah­ren muss, die Kur­ve kurz oder lang ist und dass er sie schnei­den kann. Vol­le Kon­zen­tra­ti­on. Vier Ta­ge lang. Je­weils acht bis zwölf St­un­den am Tag.

„Da darfst du nicht nach­läs­sig wer­den und wäh­rend des Fah­rens an et­was an­de­res den­ken“, er­zählt Grie­bel. Des­we­gen trai­niert der Ral­lye-Fah­rer auch sein Ge­hirn und sei­ne Ko­or­di­na­ti­on. Er jon­gliert viel, nimmt auch an men­ta­len Schu­lun­gen teil. Und er geht oft in der Hit­ze jog­gen. Aus­dau­er – die braucht er auch beim Fah­ren. Denn im Cock­pit wird es bis zu 45 Grad heiß.

Auch nach fast zehn Jah­ren im Ral­lye-Sport pumpt Ma­ri­jan Grie­bels Herz schnel­ler, wenn er an den Renn­start geht. Da än­dert selbst die Heim­ku­lis­se nächs­te Wo­che wohl nichts. An der Stre­cke wer­den ihm vie­le Freun­de und Be­kann­te zu­ju­beln. Zu­rück­win­ken kann er dann lei­der nicht. Er hat schließ­lich ei­nen Heim­sieg ein­zu­fah­ren.

„Mit ei­nem nor­ma­len Stra­ßen­au­to über ei­ne Bun­des­stra­ße zu hei­zen, gibt mir nichts.“

Ma­ri­jan Grie­bel

Ral­lye-Fah­rer aus Hahn­wei­ler

FO­TO: CARS­TEN MÜL­LER

Wenn Ma­ri­jan Grie­bel pri­vat un­ter­wegs ist, fährt er ei­nen Sko­da Ye­ti, ein kas­ti­ges Fa­mi­li­en­au­to.

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