Ein Schmu­se­bär, der gern zu­schlägt

Mir­co Mar­tin ist ein Fa­mi­li­en­mensch. Er liebt sei­ne Hun­de und schläft am liebs­ten im ei­ge­nen Bett. Er kann aber auch an­ders. Mit sei­nen Brü­dern er­leb­te er auf der Stra­ße ei­ni­ges. Und mor­gen boxt der 25-Jäh­ri­ge ge­gen ei­nen Welt­meis­ter.

Saarbruecker Zeitung - - Sport Regional - VON MAR­CUS KALMES

OBER­SAL­BACH Wenn man ihn so auf dem Bo­den lie­gen sieht, mag man kaum glau­ben, dass er auch ganz an­ders kann. Mir­co Mar­tin liegt ne­ben dem Hun­de­körb­chen in der Kü­che. Der 25-Jäh­ri­ge strei­chelt lie­be­voll die schwar­ze fran­zö­si­sche Bull­dog­ge. Erst über den Kopf. Dann über den Rü­cken. Ho­pe, so heißt die klei­ne Hün­din, ge­nießt es. Sie rä­kelt sich, hebt ih­ren Kopf, schaut dem Herr­chen in die Au­gen. Dann lässt ei­nen Seuf­zer raus. Als wenn sie sa­gen woll­te: „Ach, mach das doch den gan­zen Tag.“

Pea­nut, die zwei­te fran­zö­si­sche Bull­dog­ge der Mar­tins, steht et­was ab­seits. Sie ist schüch­tern, wenn Frem­de im Haus sind, schaut aber auf­merk­sam, was Herr­chen macht. Ob Pea­nut mit Zwei­bei­nern schlech­te Er­fah­run­gen ge­macht hat? „Wir wis­sen es nicht“, sagt Mir­co Mar­tin. Er ver­sucht mit sanf­ten Wor­ten und Ges­ten, Pea­nut zum Nä­her­kom­men zu be­we­gen. Kei­ne Chan­ce. Der Hund, des­sen Far­be der ei­ner Erd­nuss (eng­lisch: Pea­nut) äh­nelt, hält Ab­stand. Das ist et­was, was Mir­co Mar­tin kennt. Und zwar, wenn er sein zwei­tes Ge­sicht zeigt. Der Mann mit dem Iro­ke­sen-Schnitt ist zu­hau­se ein Schmu­se­bär. Wenn er in den Box­ring steigt, ver­wan­delt sich sein Knud­del­bär-Ge­sicht in ei­ne Kämp­fer-Vi­sa­ge und sein Na­me in „The Co­met“. Und „The Co­met“ver­mö­belt

„So klein wie wir sind, so Fix­feu­er­hölz­jer

wa­ren wir.“

Mir­co Mar­tin

Box-Pro­fi aus Ober­sal­bach

die Geg­ner nach Strich und Fa­den. Neun Pro­fi­kämp­fe. Neun Sie­ge.

Da­bei hat der 25-Jäh­ri­ge erst mit 18 mit dem Bo­xen an­ge­fan­gen. „Mei­ne Mut­ter war al­lein­er­zie­hend und wir kei­ne Kin­der von Trau­rig­keit. Wir ha­ben uns oft ge­prü­gelt“, er­zählt Mir­co Mar­tin. Wir, das sind er sei­ne Brü­der Do­me­nic, 20, Ke­vin, 29, und Timo, 27. „Die Mar­tins“, das sei auf der Stra­ße ein Be­griff ge­we­sen. „So klein wie wir sind, so Fix­feu­er­hölz­jer wa­ren wir“, be­rich­tet Mir­co Mar­tin grin­send. Des­halb durf­te er nicht ins Bo­xen. Und so trat er erst mit 18 dem BC El­vers­berg bei.

Seit­her ging es steil berg­auf für den stets gut ge­laun­ten Mir­co Mar­tin. Doch wenn der Ober­sal­ba­cher über sei­nen nächs­ten Geg­ner re­det, schwin­det sein ewi­ges Lä­cheln. Er hat gro­ßen Re­spekt vor Ro­bert Ong­go­can. Der Phil­ip­pi­ne ist Ju­nio­ren-Welt­meis­ter des IBF-Ver­ban­des. Mor­gen wird Mir­co Mar­tin nicht Ho­pe, son­dern dem Welt­rang­lis­ten-28. in die Au­gen schau­en. Und dann will der 16 Plät­ze hin­ter Ong­go­can ran­gie­ren­de Saar­län­der nicht auf dem Bo­den lie­gen, son­dern „El Ra­pi­do“auf die Bret­ter schi­cken.

Das Du­ell bei dem um 19 Uhr in der Fisch­bach­hal­le in Fisch­bach be­gin­nen­den Boxabend „wird der schwers­te Kampf mei­ner Kar­rie­re“, er­zählt der Ober­sal­ba­cher, wäh­rend er sein „Schat­zi“erst an­schaut, dann be­hut­sam die Hand sei­ner Freun­din nimmt. Denn sein „Schat­zi“wird mor­gen Blut und Was­ser schwit­zen. „Ich kann jetzt schon nicht schla­fen, wäl­ze mich nachts im Bett hin und her“, sagt Le­na Ma­rie Kurz. Die 21 Jah­re al­te Er­zie­he­rin er­klärt: „Ich bin sehr ner­vös. Ich ha­be Angst, dass er sich ver­letzt.“Ihr Liebs­ter ver­sucht, ihr die Angst zu neh­men. Er sagt: „Im Spar­ring bo­xe ich ge­gen schwe­re­re Leu­te. Das ist viel ge­fähr­li­cher.“

In der Vor­be­rei­tung hat sich Mir­co Mar­tin durch 101 Spar­ring-Run­den ge­quält. Das hat Spu­ren hin­ter­las­sen. Der 1,57 Me­ter gro­ße Bo­xer im bis 52 Ki­lo­gramm rei­chen­den Flie­gen­ge­wicht geht ver­letzt in das Du­ell mit dem Welt­meis­ter. Auf dem rech­ten Un­ter­arm sind Ab­schür­fun­gen. Sie se­hen wie Brand­bla­sen aus. „Die sind vom Spar­ring.“Sie ent­ste­hen, wenn die Haut oft vom Hand­schuh des Geg­ners ge­trof­fen wird. „Zu­dem ha­be ich ei­ne Ei­ter­bla­se zwi­schen den Ze­hen.“Mir­co Mar­tin schwitz­te bei der Schin­de­rei in den Sport­schu­hen. Weil er voll un­ter Strom steht, wenn er sei­nen Kör­per stählt, spür­te er die Ab­schür­fun­gen nicht di­rekt.

Die Bla­se am Fuß könn­te ein Pro­blem sein. Ong­go­can ist Rechts­aus­le­ger, Mir­co Mar­tin Links­aus­le­ger. Des­halb wer­den sie sich öf­ter auf den Fü­ßen ste­hen. Es könn­te weh­tun, wenn der Phil­ip­pi­ne die ver­ei­ter­te Stel­le trifft. „Wenn ich un­ter Strom bin, mer­ke ich das nicht“, be­schwich­tigt Mir­co Mar­tin, der in der Vor­be­rei­tung auf ei­nen Kampf von mor­gens bis abends un­ter Strom steht. Denn er ist Teil­zeit-Bo­xer, ar­bei­tet Voll­zeit als Stucka­teur.

In der Vor­be­rei­tung fährt er täg­lich zum Trai­ning nach Karls­ru­he. Sein All­tag: Auf­ste­hen um 5 Uhr, dann ein 30 Mi­nu­ten lan­ger Lauf. Von 7 bis 16 Uhr ist er auf der Ar­beit. Da­nach geht es kurz heim, dann auf die ein­ein­halb St­un­den lan­ge Tour nach Karls­ru­he zu Trai­ner Do­mi­nik Jun­ge. Ein­ein­halb St­un­den trai­nie­ren. Ab ins Au­to und zu­rück nach Ober­sal­bach. Vor 22 Uhr ist Mir­co Mar­tin nicht zu Hau­se. Den Pen­del-Stress tut er sich an, weil „ich nir­gend­wo an­ders schla­fen kann. Ich brau­che mein Bett. Und ich ver­mis­se mei­ne Hun­de und mei­ne Freun­din“. Er ist eben ein Schmu­se­bär. Ein „to­tal ver­schmus­ter“, wie er zu­gibt.

FO­TOS: ANDRE­AS SCHLICHTER

Da­heim ist es am schöns­ten: Pro­fi-Bo­xer Mir­co „The Co­met“Mar­tin lässt vor dem Orts­schild in sei­nem Wohn­ort Ober­sal­bach-Kur­hof sei­ne Mus­keln spie­len. Das 1,57 Me­ter gro­ße Kraft­pa­ket kämpft mor­gen in Fisch­bach ge­gen Ju­nio­ren-Welt­meis­ter Ro­bert Ong­go­can von den Phil­ip­pi­nen.

Trai­ning un­term Dach: Flie­gen­ge­wicht-Bo­xer Mir­co Mar­tin hat sich in sei­nem Haus in Ober­sal­bach den Dach­bo­den zu ei­ner Trai­nings­stät­te um­ge­baut. Wenn er sich auf ei­nen Kampf vor­be­rei­tet, trai­niert er aber meist in Karls­ru­he.

Mir­co Mar­tin ver­misst sie, wenn er un­ter­wegs ist, um zum Bei­spiel sei­nen Gür­tel als In­ter­na­tio­na­ler deut­scher Meis­ter zu ver­tei­di­gen: Freun­din Le­na Ma­rie Kurz, die Pea­nut auf ih­rem Schoß hat, und Ho­pe, die auf sei­nem Schoß sitzt.

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