„Al­les ist mög­lich. War­um nicht ich?“

Nach dem Rück­tritt von Welt­re­kord­ler Ash­ton Ea­ton wird ein Nach­fol­ger ge­sucht. Auch zwei deut­sche Zehn­kämp­fer hof­fen.

Saarbruecker Zeitung - - Sport - VON ANDRE­AS SCHIRMER

LON­DON (dpa) Was vor ei­nem Zehn­kampf im Kopf von Ri­co Frei­muth vor sich geht, möch­te man nicht wirk­lich wis­sen. „Da den­ke ich auch ganz aso­zia­le Sa­chen, um den Kör­per in ei­nen ex­tre­men Ad­re­na­lin-Zu­stand zu brin­gen“, be­kann­te sich Zehn­kämp­fer Ri­co Frei­muth vor sei­nem WM-Start am heu­ti­gen Frei­tag in Lon­don zu sei­nen „sehr nar­ziss­ti­schen Zü­gen“.

Ein Vor­bild für die op­ti­ma­le Selbst­mo­ti­vie­rung von Frei­muth war der Olym­pia­sie­ger, Welt­meis­ter und Welt­re­kord­ler Ash­ton Ea­ton.

„Was soll ich mit ihm re­den? Ich ge­he mei­nen Weg.“

Zehn­kämp­fer Ri­co Frei­muth über das Ver­hält­nis zu sei­nem

Va­ter Uwe, der selbst ein Zehn­kämp­fer von Welt­for­mat war

„Er war ein men­ta­les Mons­ter. Ihm war kei­ner ge­wach­sen“, sag­te der WM-Drit­te aus Hal­le mit Re­spekt. Nach dem Rück­tritt des Do­mi­na­tors aus den USA hofft auch Frei­muth, in der Zehn­kampf-Hier­ar­chie auf­zu­rü­cken: „Die Grund­stim­mung im Zehn­kampf-La­ger ist so, dass je­der, der schon mal ei­ne Me­dail­le ge­holt hat, jetzt sagt: Ich will oben ste­hen.“

Im­mer­hin ist der 29 Jah­re al­te Sport­sol­dat als Num­mer eins der Welt­bes­ten­lis­te mit 8663 Punk­ten an die Them­se ge­reist – auf Rang zwei und drei fol­gen der un­ter neu­tra­ler Fah­ne star­ten­de WM-Vier­te Il­ja Sch­ku­ren­jow (Russ­land/8601 Punk­te) und der Olym­pia-Drit­te Da­mi­en War­ner (Ka­na­da/8591). Top-Fa­vo­rit auf den Ti­tel in Lon­don dürf­te je­doch der Fran­zo­se Ke­vin Mey­er sein, der bei den Olym­pi­schen Spie­len in Rio hin­ter Ea­ton Zwei­ter wur­de und als Best­leis­tung im­mer­hin 8834 Punk­te vor­wei­sen kann.

Auch Frei­muths deut­scher Ri­va­le Kai Kaz­mi­rek (8478) könn­te ein Wort bei der Ver­ga­be der ers­ten Plät­ze mit­re­den. Der Olym­pia-Vier­te schaff­te in die­sem Jahr 8472 Punk­te und war 2015 bei der WM nur 113 Zäh­ler vom Bron­zerang ent­fernt. „Ei­ne Me­dail­le ist drin“, mein­te der 26-jäh­ri­ge Po­li­zei­kom­mis­sar von der LG RheinWied. Drit­ter deut­scher Star­ter ist der ge­lern­te Bank­kauf­mann Ma­thi­as Brug­ger aus Ulm. Lu­ca Wie­land vom LAZ Saar 05 Saar­brü­cken hat­te eben­falls die WM-Norm er­füllt, war aber der Schwächs­te der Vier und ist des­halb für Lon­don nur als Er­satz­mann vor­ge­se­hen.

„Wer weiß, al­les ist mög­lich. War­um nicht ich?“, ant­wor­te­te Frei­muth selbst­be­wusst auf die Fra­ge, ob er sich den Ti­tel­ge­winn zu­traut: „Ich will der Bes­te der Welt sein.“Bis­her hat das nur ein Deut­scher ge­schafft: der frü­he­re DDR-Ath­let Tors­ten Voss 1987 in Rom. Ob ihm das schon in Lon­don ge­lin­gen könn­te, woll­te Frei­muth dann aber doch nicht sa­gen: „Ich füh­le mich zu gut, um mir die­sen dum­men Druck auf­zu­bür­den. Ich bin für al­le Fäl­le ge­wapp­net.“

Rat­schlä­ge von sei­nem Va­ter, dem ehe­ma­li­gen DDR-Mehr­kämp­fer Uwe Frei­muth, der 1983 WM-Vier­ter war und einst 8792 Punk­te er­kämpf­te, hört er nicht mehr so gern. „Was soll ich mit ihm re­den? Ich ge­he mei­nen Weg“, sag­te Frei­muth Ju­ni­or. Sein Va­ter ha­be ihm zu lan­ge Druck ge­macht. „Mein Va­ter ist so ein Typ für die Su­per­la­ti­ve, das hat er auch mir rü­ber­ge­bracht“, er­zähl­te der Fi­li­us: „Ir­gend­wann hat es dann kurz ge­knallt, bis ich die WM-Me­dail­le ge­holt ha­be – seit­dem ist al­les gut.“

Et­was Druck vom Va­ter ist den­noch ge­blie­ben: „Er hofft na­tür­lich, dass ich bes­ser wer­de, als er es je­mals war.“Die Eman­zi­pa­ti­on vom Va­ter hat ihn psy­chisch stär­ker ge­macht. „Die kör­per­li­chen Mög­lich­kei­ten für ei­nen star­ken Zehn­kämp­fer hat er schon lan­ge. Wich­tig ist aber auch, die in­ne­re Mit­te und Ru­he zu ha­ben, das war bei Ri­co in man­chen Jah­ren un­ter­schied­lich“, er­klär­te Bun­des­trai­ner Rai­ner Pot­tel: „Nun hat er die Ru­he, die er im WM-Jahr 2015 beim Me­dail­len­ge­winn hat­te, wie­der­ge­fun­den.“

FO­TO: IM­A­GO

Ri­co Frei­muth po­siert und lässt sei­ne Mus­keln spie­len. Der Zehn­kämp­fer ist als Welt­jah­res­bes­ter nach Lon­don zur WM ge­reist.

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