„Das Saar­land ist klein und se­xy“

„Wan­der­papst“Ma­nu­el An­drack spricht über sei­ne Wahl­hei­mat, sein Le­ben, fa­na­ti­sche Fuß­ball-Fans und die „Ärm­lich­keit“der Saar­land-Sa­ti­re von TV-Mo­de­ra­tor Jan Böh­mer­mann.

Saarbruecker Zeitung - - THEMEN DES TAGES - DIE FRA­GEN STELL­TE PAS­CAL BE­CHER. Ma­nu­el An­drack stellt am Don­ners­tag, 24. Au­gust, um 20 Uhr sein neu­es Buch „Le­bens­läng­lich Fuß­ball. Vom Wahn­sinn ein Fan zu sein“bei ei­ner Au­to­ren-Le­sung in der Ca­me­ro Zwo in Saar­brü­cken vor. Pro­duk­ti­on die­ser Sei­te: Jan

SAAR­BRÜ­CKEN Ma­nu­el An­drack ge­hör­te 13 Jah­re lang zum Team der „Ha­rald Schmidt Show“. Mehr als ein­mal muss­te er dort ei­nen dum­men Spruch ein­ste­cken. Seit sei­nem Ab­schied aus der Sen­dung lebt der 52-jäh­ri­ge Köl­ner im Köl­ler­tal – und führt dort als „käuf­li­ches Wan­der-Mo­del“ein Pa­ra­dies-ähn­li­ches Le­ben.

Herr An­drack, Sie le­ben schon fast zehn Jah­re im Saar­land. Sind Sie jetzt ei­ner von uns?

AN­DRACK Aber hal­lo. Ich ha­be hier ge­hei­ra­tet, ein Haus ge­baut, ei­nen Baum ge­pflanzt. Ich trin­ke saar­län­di­sches Bier, wan­de­re auf saar­län­di­schen We­gen. Ich ha­be hier ein Kind ge­zeugt, ei­ne wasch­ech­te Saar­län­de­rin. Viel­mehr kann ich nicht ma­chen. Oder?

Aber sind Sie es auch im Her­zen?

AN­DRACK Ich muss schon zu­ge­ben: Wenn ich mit dem Au­to von der A8 kom­me, aus dem El­mer Wald fah­re und ins Köl­ler­tal bli­cke, dann füh­le ich mich an­ge­kom­men. Krib­beln wä­re jetzt über­trie­ben zu sa­gen. Aber das Ge­fühl hat­te ich auch nie beim Köl­ner Dom. Ich war nie ei­ner von de­nen, die gesagt ha­ben: „Wenn ich den Dom se­he, dann wei­ne ich vor Freu­de.“

Las­sen Sie das nicht die Köl­ner hö­ren.

AN­DRACK (lacht) Die köl­sche Schön­heit liegt im In­nern, im Her­zen. Das wis­sen die Rhein­län­der ge­nau. Köln bleibt auch im­mer mei­ne Hei­mat-Hei­mat. Ich bin ’ne köl­sche Jung. Aber das Saar­land ist in­zwi­schen eben auch mei­ne Hei­mat ge­wor­den.

Und wie ti­cken ih­re neu­en Lands­leu­te so?

AN­DRACK Saar­län­der sind den Rhein­län­dern sehr ähn­lich. Sehr kom­mu­ni­ka­tiv, sehr auf­ge­schlos­sen, sehr trink­freu­dig und fei­er­lus­tig. Auch das ma­che ich vol­le Pul­le mit. Es gibt kein Ang­ler­fest, Fi­scher­fest, Büf­fel­fest, das ich im Köl­ler­tal aus­las­se im Som­mer. Saar­län­der sind oft Men­schen, die kei­ne Be­rüh­rungs­ängs­te ha­ben. Die kom­men di­rekt auf ei­nen zu: „Komm setz dich, er­zähl mol, was schaffsch­te so, Ma­nu­el?“Nur vom Selbst­be­wusst­sein her ist der Saar­län­der der um­ge­kehr­te Rhein­län­der.

Das heißt?

AN­DRACK Der Rhein­län­der ist hoch­nä­si­ger. Der Saar­län­der macht sich stän­dig klein. „Ja, wir sind ja nur ein klei­nes Bun­des­land und so.“Mich fra­gen stän­dig Leu­te: „War­um bist du denn ins Saar­land ge­zo­gen? Von Köln? Das macht man doch um­ge­kehrt.“Der Recht­fer­ti­gungs­druck ist al­so hoch.

AN­DRACK Ja, lei­der. Da­bei ist doch al­les gut hier. Ich fin­de auch des­halb, dass die Image­kam­pa­gne des Saar­lan­des „Gro­ßes ent­steht im­mer im Klei­nen“völ­lig in die fal­sche Rich­tung geht.

War­um denn?

AN­DRACK Weil man das Klein­sein als Vor­teil se­hen muss und nicht, wie es ja der Slo­gan be­wirkt, als Ma­lus, den man zu be­sei­ti­gen hat. Ich fin­de,

das Saar­land ist klein und se­xy.

Wirk­lich?

AN­DRACK Die Rand­la­ge, die im Ver­gleich noch mo­de­ra­ten Im­mo­bi­li­en­prei­se, der feh­len­de bun­des­wei­te Fo­kus, was po­si­tiv ist, die Grenz­nä­he, die Land­schaft – und das Es­sen erst. Das ist sen­sa­tio­nell. Die Qua­li­tät zu den Prei­sen gibt es nir­gend­wo sonst. Wie fin­den Sie es, dass Sa­ti­ri­ker Jan Böh­mer­mann re­gel­mä­ßig über das Saar­land Wit­ze macht?

AN­DRACK Das ist na­tür­lich an Ärm­lich­keit nicht zu über­bie­ten. Das war Re­gel Num­mer eins bei Ha­rald Schmidt. Man sucht sich Geg­ner ab USA, der Papst auf­wärts aus.

Al­so auf Au­gen­hö­he...

AN­DRACK Min­des­tens. Iro­nie, auch das hat Kol­le­ge Böh­mer­mann nicht ver­stan­den, geht an­ders. Sie funk­tio­niert ei­gent­lich durch Tot­lo­bung. Ich ha­be noch nie ei­nen so gei­len Prä­si­den­ten ge­se­hen wie den Trump. Die schöns­te Fri­sur, die bes­ten Twit­ter­sprü­che. Je­der Mensch weiß, was ei­gent­lich ge­meint ist. „Böh­mi“geht da zu pri­mi­tiv vor. Als al­ter Witz­ex­per­te kann ich nur sa­gen: Sechs. Hin­set­zen. Und noch mal in die Hu­mor­schu­le ge­hen.

Bei an, bei Jün­ge­ren Äl­te­ren kommt we­ni­ger.er da­mit aber

AN­DRACK Gut, es gab auch vie­le, die das über Ha­rald Schmidt gesagt ha­ben. Als Saar­län­der soll­te man des­halb nicht be­lei­digt sein. Mensch, Ma­nu­el, was schaffsch­te so?

AN­DRACK (lacht). Nein, ernst­haft, Herr An­drack: Was ma­chen Sie ei­gent­lich seit dem En­de der Ha­rald-Schmidt-Show? Auf ein­mal wa­ren sie im Saar­land und wan­dern seit­dem durch das Bun­des­land?

AN­DRACK Ich bin jetzt aber nicht we­gen der wirk­lich tol­len Pre­mi­um­wan­der­we­ge ins Saar­land ge­kom­men, son­dern we­gen der Lie­be. Da­von kann ich aber auch nicht le­ben. Ich schrei­be al­so Bü­cher übers Wan­dern, Fuß­ball, Ge­schich­te. Da­mit ge­he ich auf Le­sun­gen. Dann gibt es Leu­te, die es gut fin­den, mich für Wan­de­run­gen zu bu­chen und da­mit zu wer­ben. Ich bin so deutsch­land­weit un­ter­wegs. Ich ha­be zu­dem ei­ni­ge Ko­ope­ra­tio­nen mit Un­ter­neh­men und Ver­si­che­run­gen – weil die al­le sa­gen, wan­dern ist ein gu­tes The­ma und der Ma­nu­el An­drack kann das rü­ber­brin­gen. Sie ha­ben al­so ei­ne Ni­sche ent­deckt.

AN­DRACK Ich bin qua­si ein käuf­li­ches Wan­der-Mo­del. Ha­ben Sie ei­nen gra­tis Tipp für ei­ne gu­te Wan­der­stre­cke hier im Saar­land?

AN­DRACK Sen­sa­tio­nell ist der Na­he­quel­le-Pfad, der Fel­sen­pfad, die Li­ter­mont-Gip­fel-Tour, der Drui­den­pfad, die Saarschlei­fen-Tour und na­tür­lich der Vau­ban-Steig. Das sind jetzt ei­ni­ge. Was macht die al­le zu gu­ten We­gen?

AN­DRACK Weil man was er­lebt. Ein Wan­der­weg muss ab­wechs­lungs­reich sein, eben nicht nur im Wald, nicht nur im Feld, nicht nur Fel­sen. Er hat von al­lem et­was, schma­le Pfa­de statt brei­ter We­ge, der Un­ter­grund ist wei­cher Wald­bo­den oder Wie­se, aber kein Be­ton oder Schot­ter. Aus­sich­ten sind wich­tig, biss­chen

Was­ser auch, Bän­ke und Hüt­ten zum Ras­ten. Sind Sie als „Wan­der­papst“jetzt glück­li­cher, als Sie es frü­her als „Si­de­kick“wa­ren?

AN­DRACK Teils, teils. In ei­nem Team zu ar­bei­ten, das fehlt mir schon. So­wohl hin­ter als auch vor der Ka­me­ra. Ich bin dank­bar, dass ich da­mals die Chan­ce be­kom­men hat­te, Teil der Ha­rald-Schmidt-Show zu sein. Nur des­halb kann ich jetzt ma­chen, was ich will. Ehr­lich gesagt: Wenn ich heu­te an ei­nem ganz nor­ma­len Di­ens­tag oder Mitt­woch durch Deutsch­lands Wäl­der strei­fe, mit­tags beim Ras­ten noch zwei He­fe­wei­zen trin­ke und da­für so­gar be­zahlt wer­de, den­ke ich mir schon: „Was hast du für ei­nen gei­len Job.“Pa­ra­dies hat man frü­her gesagt. Ha­ben Sie noch Kon­takt zu Leu­ten aus der Sen­dung?

AN­DRACK Nein, über­haupt nicht. Und wenn, nur noch zu Hel­mut Zer­lett (Ex-Band­lea­der bei Ha­rald Schmidt, A. d. Red.). Er ist der ein­zi­ge. Mir ist auf­ge­fal­len, dass Sie auch kei­nen Kon­takt zu neu­en Me­di­en ha­ben?

AN­DRACK Agen­tu­ren kom­men da im­mer wie­der auf mich zu und sa­gen, ich soll un­be­dingt was mit „die­sem Face­book“ma­chen. Das sei su­per zum Ver­mark­ten. Es läuft auch oh­ne „die­ses Face­book“gut. Ich bin al­ler­dings in­zwi­schen bei Twit­ter, ha­be aber noch nie et­was get­wit­tert.

Und war­um sind Sie dann da­bei?

AN­DRACK Weil es hier im Land ir­gend­wo ei­nen Arsch gibt, der un­ter mei­nem Na­men ziem­lich rechts­las­ti­ges Zeug schreibt. Täg­lich. Nur so pro­vo­kant-po­pu­lis­ti­scher Scheiß­dreck. Den krie­ge ich nur weg, wenn ich selbst an­ge­mel­det bin. Aber ehr­lich: Was soll ich auch pos­ten? Mei­nen All­tag? Oder „Hej, ha­be ge­ra­de ein Su­per-In­ter­view mit der Saar­brü­cker Zei­tung“? ... ja. Das kön­nen Sie ru­hig twit­tern. Aber jetzt noch zu ei­nem ganz an­de­ren The­ma. Zum Fuß­ball. Dar­über ha­ben wir noch gar nicht ge­re­det.

AN­DRACK Ich ha­be ge­ra­de ein Buch über Fuß­ball ge­schrie­ben. Es ist ei­gent­lich et­was für je­den Fuß­ball-Fan. Es geht um ex­tre­me Fans und Sa­chen, we­gen de­nen an­de­re Men­schen zum Psy­cho­lo­gen ren­nen. Um Wahn­sinn, Hys­te­rie, Nar­ziss­mus und De­pres­sio­nen, al­so das, was je­der Fan kennt.

Kom­men auch Fa­na­ti­ker aus dem Saar­land vor?

AN­DRACK Na klar. Bei­spiels­wei­se zwei FCS-An­hän­ger. Die bei­den wa­ren to­tal an­ge­pisst von ih­rem Club. „Von we­gen, Lie­be kennt kei­ne Li­ga. Al­les schei­ße hier. Frü­her wur­den wir noch re­spek­tiert, heu­te ist das nur noch pein­lich…“Es ist das letz­te Ka­pi­tel des Bu­ches. Es geht dar­um, wie An­hän­ger sich von ei­nem Ver­ein „ent­fa­nen“kön­nen.

Geht das über­haupt?

AN­DRACK Geht so. Ich ha­be mich mit den bei­den ge­trof­fen, ei­ne St­un­de vor ei­nem Spiel. Dann ha­ben wir ge­quatscht. Und na­tür­lich wa­ren die bei­den noch Fans. Aber sie ha­ben das kom­plett ver­leug­net. Da ha­be ich de­nen im Vor­ver­kaufs­shop Kar­ten ge­kauft und gesagt: Wir ge­hen jetzt ins Sta­di­on. Die ha­ben mich an­ge­fleht. „Es ist uns pein­lich, dass du uns zu die­sem wahr­schein­lich un­ter­ir­di­schen Kick ein­lädst.“Im Sta­di­on sind die dann rich­tig ab­ge­gan­gen. Und ei­ner von bei­den hat da­nach kein Heim­spiel mehr ver­säumt. Sie ha­ben al­so wie­der Fans ku­riert. Wie ist Ma­nu­el An­drack als Fan?

AN­DRACK Ich bin sehr emo­tio­nal, ag­gres­siv, wenn wir ver­lie­ren. Ich ras­te to­tal aus.

Wird man im Al­ter nicht ru­hi­ger?

AN­DRACK Das ha­ben mir zwar vie­le gesagt. Aber ich kann das über­haupt nicht nach­voll­zie­hen. Ich bin 52 Jah­re und ganz schlimm. Ich ha­be ver­gan­ge­ne Sai­son ober­kör­per­frei ge­macht, im Spiel des 1. FC Köln ge­gen den HSV, im Ober­rang. Völ­lig ga­ga. Krie­gen Sie das dann noch rich­tig mit?

AN­DRACK Ja, klar. Ist mir aber egal. Ich brül­le auch im­mer mehr. Tor-Ju­bel. Be­schimp­fun­gen, egal. Man kann im Sta­di­on echt die Sau raus­las­sen. Ich bin aber auch ein ab­so­lu­ter Scheu­klap­pen-Fan. Ob­wohl ich nicht mal ein rich­ti­ger Fuß­ball-Fan bin. Ich in­ter­es­sie­re mich nicht für an­de­re Teams, für Auf­stel­lun­gen, für Trans­fers. Die Sports­schau ha­be ich zu­letzt vor zwölf Jah­ren an­ge­schaut. Ich kann­te nicht mal Ant­ho­ny Mo­des­te. Mir hat vor sei­nem Wech­sel von Hof­fen­heim nach Köln ei­ner gesagt, dass er ge­gen uns mal ein Tor ge­schos­sen hat­te.

Dann muss­te er ja gut sein.

AN­DRACK Ge­nau! Nein, ich kon­zen­trie­re mich ganz auf mei­ne Kern­fä­hig­kei­ten als Fan: Aus­ras­ten bei To­ren und Heu­len bei Nie­der­la­gen.

Schon mal über ei­nen Zweit­club in der neu­en Hei­mat nach­ge­dacht?

AN­DRACK Po­ly­amo­rie gibt es zwar im Fuß­ball. Da­von han­delt auch ein Ka­pi­tel. Aber das ist nichts für mich. Ich ha­be ja auch jetzt nicht di­rekt ei­ne neue Mut­ter, nur weil ich ins Saar­land ge­zo­gen bin. Mein Club ist und bleibt der ers­te Fuß­ball-Club Köln. Ich ver­fol­ge den Fuß­ball aber in der Re­gi­on. Ge­he bei­spiels­wei­se zu den Sport­freun­den Köl­ler­bach. Ich den­ke, ich wer­de noch zum Groundhop­per.

Was ist denn das?

AN­DRACK Das sind Leu­te, die hun­der­te, teils tau­sen­de Ki­lo­me­ter fah­ren, um Spie­le in Sta­di­en zu er­le­ben, von Teams, von de­nen sie nicht mal Fan sind. Das ma­che ich dann im Ama­teur­fuß­ball in der Re­gi­on. Ich lie­be die­se At­mo­sphä­re. Wie die auch im­mer ih­re ei­ge­nen Spie­ler fer­tig ma­chen. Da fal­len die bes­ten Sprü­che. Am Spiel­feld­rand, an der Bier­bu­de – oder am Rost­wurst­stand: „Ich will die Wei­ße schön braun, aber nicht so schwarz wie die Ro­te.“Das gibt es nur im Saar­land.

FOTOS: ROBBY LO­RENZ

Der ehe­ma­li­ge Re­dak­ti­ons­lei­ter der „Ha­rald Schmidt Show“, Ma­nu­el An­drack, wohnt be­reits seit meh­re­ren Jah­ren im Köl­ler­tal. Der Lie­be we­gen ver­ließ er da­mals sei­ne Hei­mat­stadt Köln, doch dem 1. FC Köln ist er bis heu­te treu ge­blie­ben.

Der saar­län­di­sche Wan­der­papst Ma­nu­el An­drack (links) im Ge­spräch mit SZ-Re­dak­teur Pas­cal Be­cher vor dem Ca­fé Tho­net in Saar­brü­cken.

„Ich ha­be ver­gan­ge­ne Sai­son ober­kör­per­frei ge­macht, im Spiel des 1. FC Köln ge­gen den HSV, im Ober­rang.

Völ­lig ga­ga.“

„Ich fin­de, dass die Image­kam­pa­gne des Saar­lan­des völ­lig in die fal­sche Rich­tung geht.“

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