Pfif­fe, Lyo­ner und kein Wort über Schulz

Bei ih­rem Wahl­kampf-Auf­tritt in Dil­lin­gen wirbt die Kanz­le­rin um Stim­men für die Uni­on. 3000 Men­schen hö­ren ihr zu.

Saarbruecker Zeitung - - Themen des tages - VON FRAU­KE SCHOLL Pro­duk­ti­on die­ser Sei­te: Pas­cal Be­cher Ja­na Frei­ber­ger

DIL­LIN­GEN „Hau ab“-Ru­fe und Pfif­fe, wie sie sie sonst eher aus dem Os­ten der Re­pu­blik kennt, be­glei­ten die Kanz­le­rin auch vor dem Dil­lin­ger Lok­schup­pen. Ei­ne Grup­pe von Wut­bür­gern mit „Volks­ver­rä­ter“-Pla­ka­ten über­schat­tet den ein­zi­gen saar­län­di­schen Auf­tritt von An­ge­la Mer­kel in die­sem Bun­des­tags­wahl­kampf. Aus der Ru­he bringt das die obers­te Wahl­kämp­fe­rin der CDU nicht, sie ist Pro­fi. Auf­ge­räumt und lä­chelnd be­tritt sie ge­gen 19 Uhr die Büh­ne, ein son­ni­ger Abend in der Hüt­ten­stadt, Mer­kel ist da. 3000 Men­schen sind ge­kom­men. Nur so viel sagt die Bun­des­kanz­le­rin in Rich­tung der De­mons­tran­ten: Die Auf­ga­ben, die vor Deutsch­land lä­gen, wer­de man „mit Pfif­fen nicht

An­ge­la Mer­kel

lö­sen“. Ih­re An­hän­ger quit­tie­ren das mit Ju­bel und Ap­plaus. Dass spä­ter so­gar ein Ei in Rich­tung Büh­ne fliegt und im Pres­se­be­reich lan­det, be­kom­men die meis­ten gar nicht mit – auch Mer­kel nicht.

Gleich zu Be­ginn hat die Kanz­le­rin auch dar­über hin­aus Grund zur Freu­de. Aus den Hän­den ei­ner Be­su­che­rin er­hält sie ei­nen Ring Lyo­ner zum Ge­schenk. „Dan­ke“, sagt sie ins Mi­kro­fon, noch vor ih­rer Re­de. Da­mit kom­me sie bei ih­rem Mann heu­te noch „ganz groß raus“.

Um 18.30 Uhr war der Hub­schrau­ber mit der Kanz­le­rin, des­sen Be­nut­zung ihr die SPD jüngst vor­ge­hal­ten hat­te, über den Platz ge­schwebt. Im End­spurt zur Bun­des­tags­wahl ist Dil­lin­gen nicht ih­re ers­te Sta­ti­on des Ta­ges. Zu­vor hat sie den fran­zö­si­schen Pre­mier­mi­nis­ter in Ber­lin ge­trof­fen und vor der Por­ta Ni­gra in Tri­er zum Wahl­volk ge­spro­chen. Wer wei­ter re­gie­ren will, muss klot­zen, Mer­kel kennt das. Und die 63-Jäh­ri­ge will wei­ter­re­gie­ren, wie sie in Dil­lin­gen ver­si­chert.

Wie sie das tun will, ar­bei­tet sie in ih­rer Re­de ab. Es geht um Ar­beit und Bil­dung, Ge­sund­heit und Fa­mi­li­en, Si­cher­heit und In­te­gra­ti­on. Es sei ein gu­tes Re­gie­rungs­pro­gramm, das ihr Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er (CDU) da aus­ge­ar­bei­tet ha­be. Des­we­gen ist Mer­kel in Dil­lin­gen. Im Wahl­kreis Saar­lou­is, wo ihr ge­gen­wär­ti­ger Kanz­ler­amts­mi­nis­ter in knapp ei­ner Wo­che um das Di­rekt­man­dat ge­gen Jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) kämpft.

Um das Saar­land geht es in Mer­kels Re­de auch gleich zu Be­ginn. In der Hüt­ten­stadt spricht sie über Stahl. Es ist ei­ne Ant­wort auf Mar­tin Schulz, den sie wäh­rend ih­rer knapp halb­stün­di­gen Kund­ge­bung in­des mit kei­nem Wort er­wähnt. Aber es war der SPD-Mann, der ei­ne Wo­che zu­vor knapp zehn Ki­lo­me­ter saar­auf­wärts in Saar­lou­is ei­nen Kampf für den Er­halt saar­län­di­scher Stahl-Ar­beits­plät­ze in der aus Chi­na be­droh­ten Bran­che an­ge­kün­digt hat­te – und Mer­kel legt nach. „Wir wol­len, dass die Stahl-In­dus­trie wei­ter ein fes­tes Stand­bein der deut­schen In­dus­trie ist“, ruft die Kanz­le­rin ins Pu­bli­kum. Für fai­re Han­dels­prak­ti­ken wer­de sie sich in­ter­na­tio­nal ein­set­zen, auch „für Sie in Dil­lin­gen.“

Auch beim The­ma Au­to-In­dus­trie geht Mer­kel auf den Saar-Stand­ort ein. Die Ar­bei­ter hät­ten sich in der Die­sel-Kri­se „nichts zu­schul­den kom­men las­sen“. Und noch ei­nen Saar­land-Be­zug stellt sie her. Die Neu­re­ge­lung des Bund-Län­der-Fi­nanz­aus­gleichs sei ihr „Her­zens­an­ge­le­gen­heit“ge­we­sen, eben­so die „Ei­gen­stän­dig­keit des Saar­lands“. Ap­plaus, auch für Mi­nis­ter­prä­si­den­tin

„Wir wol­len, dass die Stahl-In­dus­trie wei­ter ein fes­tes Stand­bein der deut­schen In­dus­trie ist.“

in Dil­lin­gen

An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er auf der Büh­ne.

Rou­ti­niert streift die Kanz­le­rin dann die The­men der CDU in die­sem Wahl­kampf. Kei­ne Steu­er­er­hö­hun­gen, Ein­satz für gleich­wer­ti­ge Le­bens­ver­hält­nis­se, Breit­band­aus­bau. Die CDU wol­le Fa­mi­li­en ent­las­ten, das Kin­der­geld er­hö­hen, das Eh­ren­amt stär­ken und die Kom­mu­nen wei­ter un­ter­stüt­zen. Auch wirbt sie für mehr In­ne­re Si­cher­heit, die eu­ro­päi­sche Zu­sam­men­ar­beit und den Kampf ge­gen Flucht­ur­sa­chen in der Welt. Ih­re viel kri­ti­sier­te Flücht­lings­po­li­tik ver­tei­digt sie nach wie vor, wenn auch mit dem Hin­weis, dass sich ei­ne Si­tua­ti­on wie 2015 „nicht wie­der­ho­len dür­fe“. Au­ßen­po­li­tik spielt in ih­rer Re­de dies­mal nur ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le.

Die SPD er­wähnt Mer­kel kaum. Aber dann doch ein­mal, als sie vor Rot-Rot-Grün warnt, was die So­zi­al­de­mo­kra­ten nicht aus­schlös­sen. „Es sind kei­ne Zei­ten für Ex­pe­ri­men­te“, ruft Mer­kel, „son­dern un­ru­hi­ge Zei­ten“, vor al­lem au­ßen­po­li­tisch. Und die brauch­ten „Sta­bi­li­tät und Si­cher­heit“. Da­mit meint sie sich selbst und die Uni­on. Und vie­le Wäh­ler trau­en ihr of­fen­bar auch zu, dass sie das bes­ser kann als Schulz. Ei­ne ei­ge­ne Ko­ali­ti­ons­aus­sa­ge macht Mer­kel an die­sem Abend aber auch nicht. Glaubt man ak­tu­el­len Um­fra­gen, kann Mer­kels Uni­on auf ei­nen kom­for­ta­blen Vor­sprung vor der SPD bau­en: 37 Pro­zent zu 20 bis 24 für die Ro­ten steht es der­zeit – das gibt Rü­cken­wind. Doch Mer­kel hü­tet sich vor ver­früh­ten Aus­sa­gen. „Die Wahl ist noch nicht ent­schie­den. Auf je­de Stim­me kommt es an“, sagt sie. Nach die­sem Ap­pell winkt sie zum Ab­schied und ent­schwin­det Rich­tung Hub­schrau­ber. Mit an Bord: Der Ring Lyo­ner

FO­TO: THO­MAS SEEBER

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel be­kommt in Dil­lin­gen ei­nen Ring Lyo­ner ge­schenkt. Mit da­bei: Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er.

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