Jetzt wählt die Po­li­zei den No­t­ruf selbst

Ge­werk­schaft: Kol­le­gen am Li­mit an­ge­langt. Aus­ge­dünn­te Be­set­zungs­plä­ne in Saarbrücken we­gen Nach­wuchs­man­gels.

Saarbruecker Zeitung - - Zeitung für saarbrücken - VON MAT­THI­AS ZIMMERMANN

SAARBRÜCKEN Po­li­zis­ten ge­hen auf dem Zahn­fleisch. Die Di­enst­plä­ne – ganz knapp kal­ku­liert. Denn es fehlt an Per­so­nal. Das sagt Ralf Por­zel, Be­zirks­chef der Ge­werk­schaft der Po­li­zei (GdP) an der Saar.

Zwar sei es durch­aus üb­lich, dass sich be­nach­bar­te Di­enst­stel­len bei der Ar­beit un­ter­stüt­zen. Aber mitt­ler­wei­le sei es Gang und Gä­be, dass Strei­fen­be­sat­zun­gen aus an­de­ren Be­zir­ken ih­ren Kol­le­gen auch au­ßer­plan­mä­ßig zu Hil­fe ei­len müs­sen. Wie auf ei­nem Ver­schie­be­bahn­hof, weil der Per­so­nal­be­stand ein­fach nicht mehr aus­rei­che, so der we­nig schmei­chel­haf­te Ver­gleich. Dem­ent­spre­chend daue­re es eben län­ger als vor­ge­se­hen, bis Er­mitt­ler am Ein­satz­ort ein­tref­fen. Der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter setzt noch ei­nen drauf: „Du ziehst über­all an der De­cke und legst da­durch an­de­re Stel­len frei.“

Be­am­te müss­ten bei ei­nem No­t­ruf lan­ge An­fahrts­we­ge in Kauf neh­men, weil nä­her am Tat­ort sta­tio­nier­te Po­li­zis­ten an­der­wei­tig be­schäf­tigt sei­en. So ge­he es nicht nur in länd­li­chen Re­gio­nen zu, son­dern auch in der Lan­des­haupt­stadt. Por­zel: „Die Per­so­nal­be­set­zung ist so auf Kan­te ge­näht, dass meist nur die Min­dest­kom­man­do­st­är­ke er­reicht ist.“

Wei­te­re Kon­se­quenz: Die Po­li­zei ar­bei­te zu­neh­mend die No­t­ru­fe nach Re­le­vanz ab. Ein we­ni­ger gra­vie­ren­des Hil­fe­er­su­chen beim Ver­kehrs­un­fall mit Blech­scha­den muss hin­ten­an­stel­len, wenn we­nig spä­ter Alarm we­gen ei­ner Schlä­ge­rei auf­läuft. Oft­mals stün­den par­al­lel nicht ge­nü­gend Er­mitt­ler pa­rat.

An­ders die Darstel­lung aus dem In­nen­mi­nis­te­ri­um: Dem­nach sei die Füh­rungs- und La­ge­zen­tra­le des Lan­des­po­li­zei­prä­si­di­ums lan­des­weit da­für zu­stän­dig, Ein­sät­ze „nach rein tak­ti­schen Ge­sichts­punk­ten wie zum Bei­spiel der räum­li­chen Nä­he“zu ko­or­di­nie­ren. Da­bei set­ze das Mi­nis­te­ri­um auf „fle­xi­ble Prä­senz“statt auf star­re Di­enst­ge­bäu­de. Mi­nis­te­ri­ums­spre­che­rin Ka­trin Tho­mas: „Bis­lang kam es zu kei­nem ein­zi­gen Zwi­schen­fall, der auf feh­len­de Ein­satz­kräf­te oder man­geln­de Un­ter­stüt­zung zu­rück­zu­füh­ren ge­we­sen wä­re.“

Für die­se aus Ge­werk­schaf­ter­sicht arg stra­pa­zier­te La­ge sei­en meh­re­re Grün­de aus­schlag­ge­bend. So prü­fe das Land mit sta­tis­ti­schen Da­ten die Be­las­tung der Be­am­ten in ih­ren je­wei­li­gen Ein­satz­ge­bie­ten. Da­zu zäh­le nach An­ga­ben des GdP-Vor­sit­zen­den die Zahl der Ver­kehrs­un­fäl­le so­wie Straf­ta­ten pro Ein­woh­ner. Ein theo­re­ti­sches Mo­dell, dass in der Pra­xis nicht funk­tio­nie­re. „Vie­le wei­te­re Pa­ra­me­ter flie­ßen nicht mit ein“, kri­ti­siert Por­zel. „Die zeit­li­che Di­men­si­on“, der Auf­wand al­so um ei­ne Sa­che auf­zu­neh­men, „wird nicht er­fasst“, sagt Por­zel. Von Bür­gern ge­wünsch­te Be­ra­tun­gen wür­den un­ter den Tisch fal­len. „Auch die Prä­ven­ti­ons­ar­beit ist ein­fach nicht mess­bar.“

Hin­ge­gen setzt das Saar-In­nen­mi­nis­te­ri­um auf die­ses „mehr­stu­fi­ge Pla­nungs­ver­fah­ren auf Di­enst­stel­le­nebe­ne so­wie auf Lan­des­ebe­ne“, dass ei­nen „be­darfs­ori­en­tier­ten Per­so­nal­ein­satz ge­währ­leis­te“, un­ter­streicht Tho­mas. Zu­stän­dig da­für sei das Lan­des­po­li­zei­prä­si­di­um in Saarbrücken, das im März 2012 sei­ne Ar­beit auf­nahm.

In Saarbrücken kä­men wei­te­re Ein­satz­bei­spie­le hin­zu, die von

Ralf Por­zel

Ka­trin Tho­mas der Po­li­zei noch ei­ni­ges mehr ab­ver­lang­ten, er­gänzt Por­zel. Fuß­ball­spie­le, sons­ti­ge Groß­ver­an­stal­tun­gen wie Volks­fes­te und De­mos so­wie Dis­co-Wo­che­n­en­de for­der­ten die Ein­satz­be­reit­schaft zu­sätz­lich. „Hier kom­men an ei­nem Abend bis zu 20 000 Men­schen hin­zu. Das ist so viel wie et­wa die Ein­woh­ner ei­ner Kle­in­stadt. Da macht sich kei­ner Ge­dan­ken“, re­sü­miert der saar­län­di­sche GdP-Chef. So stöhn­ten die Ord­nungs­hü­ter auf dem Land über prin­zi­pi­ell lan­ge An­fahrts­we­ge, „und in den Städ­ten steppt der Bär“.

Die an­ge­spann­te Si­tua­ti­on wer­de sich wei­ter zu­spit­zen, be­fürch­tet Por­zel. Denn in den kom­men­den zwei Jah­ren wür­den mehr Be­am­te in den Ru­he­stand ge­hen. Ob­wohl das Saar­land die Zahl der An­wär­ter er­höht ha­be, rei­che die­se nicht aus. „Die Un­zu­frie­den­heit hat sich ver­stärkt.“Um dem ent­ge­gen­zu­tre­ten, kün­dig­te Tho­mas an, „ad­mi­nis­tra­ti­ve An­ge­le­gen­heit res­sour­cen­spa­rend zu bün­deln und ope­ra­ti­ve Ein­hei­ten zu stär­ken“. Die Spre­che­rin be­rich­tet so­gar von „Zu­wachs“. Un­ter Füh­rung von In­nen­mi­nis­ter Klaus Bouil­lon (CDU) sei ein Aus­ga­ben­plus für Per­so­nal von 24 Mil­lio­nen ein­ge­plant wor­den.

Die Po­li­zei zählt lan­des­weit 2700 Mit­ar­bei­ter, da­von 650 im Re­gio­nal­ver­band Saarbrücken, sagt Ralf Por­zel.

„Die Per­so­nal­be­set­zung ist so auf Kan­te ge­näht, dass meist nur die Min­dest­kom­man­do­st­är­ke

er­reicht ist.“

GdP-Saar-Chef

„Bis­lang kam es zu kei­nem ein­zi­gen Zwi­schen­fall, der auf feh­len­de Ein­satz­kräf­te oder man­geln­de Un­ter­stüt­zung zu­rück­zu­füh­ren ger­we­sen wä­re.“

Pres­se­spre­che­rin des Saar-In­nen­mi­nis­te­ri­ums

SYMBOLFOTO: SILAS ST­EIN/DPA

Von ei­nem Ein­satz zum nächs­ten: Doch nach Ge­werk­schafts­an­ga­ben reicht das Per­so­nal kaum noch.

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