Ös­ter­reich klagt ge­gen deut­sche Pkw-Maut

Nächs­te Etap­pe im un­end­li­chen Ge­zer­re um die Pkw-Maut: Ös­ter­reich will ernst ma­chen und das CSU-Pro­jekt ju­ris­tisch zu Fall brin­gen.

Saarbruecker Zeitung - - Erste seite - Pro­duk­ti­on die­ser Sei­te: Iris Neu-Micha­lik, Rob­by Lo­renz Ste­pha­nie Schwarz, Frau­ke Scholl VON SAN­DRA WAL­DER, SA­SCHA MEY­ER UND AL­KI­MOS SAR­TO­ROS

WI­EN (afp/dpa) Ös­ter­reich macht sei­ne an­ge­kün­dig­te Dro­hung wahr und zieht ge­gen die um­strit­te­ne deut­sche Pkw-Maut vor den Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof. „Die deut­sche Maut ist ei­ne Aus­län­der­maut“, sag­te der ös­ter­rei­chi­sche Ver­kehrs­mi­nis­ter Jörg Leicht­fried ges­tern. „Deut­sche zah­len nicht, weil sie Deut­sche sind. Ös­ter­rei­cher zah­len, weil sie Ös­ter­rei­cher sind.“Die Kla­ge hat al­ler­dings kei­ne auf­schie­ben­de Wir­kung für die für 2019 ge­plan­te Ein­füh­rung der Maut in Deutsch­land.

(dpa) Jetzt ist es al­so amt­lich:. Die ös­ter­rei­chi­sche Re­gie­rung macht ih­re Dro­hung wahr und will die be­sie­gel­te Pkw-Maut in Deutsch­land per Kla­ge vor dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH) kip­pen. Da­bei fällt die Atta­cke aus Wi­en in ei­ne po­li­ti­sche Über­gangs­zeit, in der das Vor­zei­ge­pro­jekt der CSU oh­ne­hin in der Schwe­be hängt – schon wie­der. Denn auch in den an­ste­hen­den Ge­sprä­chen für ei­ne Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on dürf­ten FDP und Grü­ne das Reiz­the­ma zur Spra­che brin­gen. Kommt Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) noch mal in ei­ne kniff­li­ge Maut-Zan­ge? Hier die Fak­ten:

Was will Ös­ter­reich mit der Kla­ge?

Die Al­pen­re­pu­blik ist seit je­her ei­ner der stärks­ten Kri­ti­ker der Maut und wä­re mit 1,8 Mil­lio­nen Deutsch­land-Pend­lern auch be­son­ders be­trof­fen. Man rie­che doch „zehn Me­ter ge­gen den Wind“, dass Fah­rer aus dem Aus­land dis­kri­mi­niert wür­den, wet­tert Ver­kehrs­mi­nis­ter Jörg Leicht­fried ges­tern bei der Be­kannt­ga­be der Kla­ge. Denn für Maut-Zah­lun­gen sol­len nur In­län­der bei der Kfz-Steu­er ent­las­tet wer­den. Dass die EU-Kom­mis­si­on trotz­dem grü­nes Licht für ein et­was ge­än­der­tes Mo­dell gab, wurmt Wi­en – auch da­her nun die­se Ak­ti­on.

Wie ist der ak­tu­el­le Stand bei der Maut?

Po­li­tisch hat Ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt (CSU) das Vor­ha­ben über al­le Hür­den ge­bracht und ers­te Fak­ten ge­schaf­fen. Kurz vor der Bun­des­tags­wahl lie­fen Aus­schrei­bun­gen an, um pri­va­te Be­trei­ber für die Er­he­bung und Kon­trol­len zu su­chen. Al­lein seit 2016 flos­sen auch schon mehr als zwölf Mil­lio­nen Eu­ro in Vor­be­rei­tun­gen, der Groß­teil für Sach­ver­stän­di­ge. Au­to­fah­rer spü­ren aber wei­ter­hin nichts von der „In­fra­struk­tur­ab­ga­be“. Kas­siert wer­den soll sie ab 2019. Nach­dem die SPD den schwarz-ro­ten Maut­frie­den im Wahl­kampf auf­kün­dig­te, hat sich auch Mer­kel die Maut klar zu ei­gen ge­macht.

Was pas­siert in den Ja­mai­ka-Ver­hand­lun­gen?

Glaubt man ih­ren An­kün­di­gun­gen vor der Wahl, kön­nen Grü­ne und FDP das The­ma in Ko­ali­ti­ons­ge­sprä­chen nicht ein­fach la­pi­dar durch­win­ken. „Wir leh­nen die eu­ro­pa­feind­li­che und bü­ro­kra­ti­sche Aus­län­der­maut ab und wol­len sie schnellst­mög­lich wie­der ab­schaf­fen“, ver­spra­chen et­wa die Grü­nen. Die FDP gab ihr Nein zur Maut eben­falls schrift­lich. Mit all­zu feu­ri­gen An­kün­di­gun­gen nach dem Si­gnal aus Wi­en hiel­ten sich die klei­nen Ja­mai­ka­ner in spe aber vor­erst zu­rück. „Die Maut kommt“, ließ Do­brindt sein Mi­nis­te­ri­um be­kräf­ti­gen, dies­mal oh­ne Breit­sei­ten ge­gen ei­ne „Ösi-Maut-Mau­le­rei“. Dass sich die CSU ih­re hart er­kämpf­te Tro­phäe noch aus der Hand schla­gen lässt, gilt als un­wahr­schein­lich.

Was wird nach der ös­ter­rei­chi­schen Wahl aus der Kla­ge?

Auch mit dem Ti­ming in Wi­en ist es so ei­ne Sa­che. Denn am Sonn­tag wählt Ös­ter­reich ein neu­es Par­la­ment. Ob die So­zi­al­de­mo­kra­ten von Ver­kehrs­mi­nis­ter Leicht­fried auch der nächs­ten Re­gie­rung an­ge­hö­ren, ist un­si­cher. Der Maut-Kri­ti­ker hat nach ei­ge­nen Wor­ten aber brei­te Un­ter­stüt­zung für die Kla­ge im Par­la­ment und wirbt, das Vor­ge­hen sei „auch von Vor­teil für ei­ne nächs­te Re­gie­rung“. Se­bas­ti­an Kurz, der Chef der kon­ser­va­ti­ven ÖVP, dem die größ­ten Chan­cen ein­ge­räumt wer­den, hat sich zu dem The­ma öf­fent­lich bis­lang be­deckt ge­hal­ten.

Wie geht es wei­ter?

Bis Klar­heit herrscht, dürf­te es noch dau­ern. SPD, Grü­ne und auch der maut­kri­ti­sche Ver­kehrs­club ADAC for­dern, die Ein­füh­rung erst mal auf Eis zu le­gen. „Die Ge­fahr ist zu groß, dass an­sons­ten Mil­lio­nen von Steu­er­gel­dern ver­brannt wer­den“, warnt SPD-Frak­ti­ons­vi­ze Sö­ren Bar­tol. Zei­gen muss sich zu­erst, wie die künf­ti­gen Re­gie­rungs­part­ner in Ber­lin und Wi­en ver­fah­ren. „Ich bin ge­spannt auf den ‚Kom­pro­miss’ von CSU und Grü­nen“, sti­chelt Lin­ke-Ver­kehrs­ex­per­te Her­bert Beh­rens. Auch am EuGH geht es nicht Knall auf Fall. Ähn­li­che Ver­fah­ren dau­ern et­wa an­dert­halb Jah­re – al­so wo­mög­lich bis kurz vor ei­nem Maut­start 2019. Soll­ten die Rich­ter zu dem Schluss kom­men, dass das Mo­dell un­zu­läs­sig ist, müss­te das Ge­setz im äu­ßers­ten Fall ge­än­dert wer­den.

FO­TO: JENS BÜTTNER/DPA

Ob Ös­ter­reich die Maut in Deutsch­land wirk­lich noch ver­hin­dern kann, ist frag­lich.

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