Es ist Zeit, sich zu be­we­gen – auf bei­den Sei­ten des Br­ex­it’

Saarbruecker Zeitung - - Standpunkt -

Es war ei­ne ver­stock­te, ent­täusch­te und wü­ten­de EU, die vor ei­ni­gen Mo­na­ten in die Br­ex­it-Ver­hand­lun­gen ein­stieg. Zu klar schien, dass die 27 Mit­glied­staa­ten den Bri­ten dik­tie­ren wür­den, wie die­se Schei­dung ab­zu­lau­fen hät­te. Doch in­zwi­schen kris­tal­li­siert sich her­aus, dass Eu­ro­pa sich – bei al­lem be­rech­tig­ten Be­har­ren – be­we­gen muss. Auch wenn die Wut über un­vor­be­rei­te­te bri­ti­sche Ge­sprächs­part­ner noch so groß ist, ein Schei­tern der Ver­hand­lun­gen darf Brüs­sel nicht ris­kie­ren.

Dies führt zu der aber­wit­zi­gen Si­tua­ti­on, dass die EU ei­gent­lich kein In­ter­es­se dar­an ha­ben kann, die un­ge­lieb­te bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May zu­sätz­lich zu schwä­chen, weil ih­re po­ten­zi­el­len Nach­fol­ger noch schwie­ri­ger für ei­ne ge­ord­ne­te Ab­wick­lung sein dürf­ten. No de­al – das scheint für ei­ni­ge Bri­ten die Lö­sung zu sein. Brüs­sel muss das ver­hin­dern, weil sich die Ge­mein­schaft da­mit am En­de selbst be­schä­di­gen und Ver­hand­lun­gen über ei­ne ge­mein­sa­me Zu­kunft noch zu­sätz­lich er­schwert wür­den. In­so­fern hat Lon­dons Un­ter­händ­ler Da­vid Da­vis so­gar Recht: Was die Uni­on für ih­re Bür­ger auf der In­sel for­dert, muss sie auch den Bri­ten in den 27 Mit­glied­staa­ten zu­ge­ste­hen. Das wird nicht leicht sein.

Dass es be­reits nicht leicht ist, zeig­te sich ges­tern wie­der, als auch die fünf­te Ver­hand­lungs­run­de oh­ne Fort­schrit­te en­de­te. Die Zahl der Stol­per­stei­ne scheint mit je­der Ver­hand­lungs­run­de eher grö­ßer zu wer­den. In die­ser Wo­che tauch­ten Fra­gen zur Fa­mi­li­en­zu­sam­men­füh­rung auf, die bis­her prak­tisch nicht durch­dacht wa­ren. Für ei­ne to­le­ran­te Grenz­po­li­tik zwi­schen Nord­ir­land und Ir­land, die zum EU-Vor­pos­ten wird, gibt es noch über­haupt kei­ne Lö­sung. Wenn an die­sem Tag, der ei­gent­lich für ei­nen Durch­bruch vor­ge­se­hen war, et­was klar schien, dann das: Am En­de wer­den bei­de Sei­ten über ih­re Schat­ten sprin­gen müs­sen, um prak­ti­ka­ble Lö­sun­gen zu er­mög­li­chen. Die­se wie­der­um dürf­ten den Traum der bri­ti­schen Br­ex­it-Be­für­wor­ter stö­ren, weil sie viel der heu­ti­gen Pra­xis bei­be­hal­ten müs­sen, um das Le­ben der Bri­ten und ih­rer Nach­barn in der EU prak­ti­ka­bel zu ma­chen. Bis da­hin blei­ben die Ge­sprä­che ein oft un­über­sicht­li­ches Ge­scha­che­re zwei­er Part­ner, von de­nen zu­min­dest bei der bri­ti­schen Sei­te im­mer we­ni­ger zu er­ken­nen ist, wo­zu die­ser dras­ti­sche Schnitt ei­gent­lich nö­tig war. Zu­mal sich die Uni­on längst selbst zu re­for­mie­ren be­ginnt – mehr als Lon­don sich dies je hät­te träu­men las­sen. Aber für Nost­al­gie ist es zu spät.

Groß­bri­tan­ni­en wird al­so ler­nen müs­sen, dass es in vie­len Fra­gen ein­zu­len­ken hat. Denn für das Kö­nig­reich steht mehr auf dem Spiel, als nur die künf­ti­gen Be­zie­hun­gen zum Kon­ti­nent. Wäh­rend die EU sich um ihr Ge­flecht an Ver­trä­gen und Part­nern kei­ne Sor­gen ma­chen muss, braucht Groß­bri­tan­ni­en erst ein neu­es Netz an Ver­ein­ba­run­gen, um sei­ne Wirt­schaft zu stüt­zen. Da­bei wer­den die po­ten­zi­el­len Part­ner sehr ge­nau dar­auf ach­ten, wie sich Groß­bri­tan­ni­en in den Ge­sprä­chen mit der EU prä­sen­tiert. Glanz­stü­cke hat man bis­her in Brüs­sel wahr­lich nicht ab­ge­lie­fert.

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