Loth­rin­gens Par­tei­en­land­schaft brö­ckelt

Der Sie­ges­zug von Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron und sei­ner Po­li­tik bringt Frank­reichs Volks­par­tei­en ins Wan­ken. Die ak­tu­el­le La­ge in Loth­rin­gen ist da­für ex­em­pla­risch. Doch nicht nur die gro­ßen Par­tei­en sind be­trof­fen.

Saarbruecker Zeitung - - Landespolitik - VON HÉLÈNE MAILLASSON

Seit fast zehn Jah­ren sitzt Do­mi­ni­que Gros auf dem Chef­ses­sel. Im Rat­haus auf dem Place d’ar­mes, ge­gen­über der präch­ti­gen Ka­the­dra­le lei­tet er die Ge­schi­cke der Stadt Metz. 2020 ist aber Schluss. Bei den nächs­ten Kom­mu­nal­wah­len wird der So­zia­list nicht mehr an­tre­ten. Dass sei­ne Par­tei das Amt ver­tei­di­gen kann, er­scheint zur­zeit mehr als frag­lich. Nach dem fran­zö­si­schen Wahl­jahr gleicht das lin­ke La­ger in Loth­rin­gen ei­nem Trüm­mer­feld. Von den so­zia­lis­ti­schen Ab­ge­ord­ne­ten der Par­ti So­cia­lis­te (deutsch: so­zia­lis­ti­sche Par­tei, PS), die seit 2012 für Loth­rin­gen bei der Na­tio­nal­ver­samm­lung in Pa­ris sa­ßen, konn­te nur ein ein­zi­ger im Früh­jahr sein Man­dat ver­tei­di­gen. Die ehe­ma­li­ge Kul­tur­mi­nis­te­rin Au­ré­lie Fil­ip­pet­ti, die seit 2007 den Wahl­be­zirk um Bou­zon­vil­le ver­trat, schaff­te es nicht mal in die Stich­wahl. Die­ses Schick­sal teil­te sie mit ih­rem ehe­ma­li­gen Re­gie­rungs­kol­le­gen, dem Staats­se­kre­tär für Haus­halt un­ter Prä­si­dent François Hol­lan­de, Chris­ti­an Eckert.

Die­ser Erd­rutsch der So­zia­lis­ten bei den Par­la­ments­wah­len in Loth­rin­gen hat­te sich be­reits bei der vor­aus­ge­gan­ge­nen Prä­si­dent­schafts­wahl an­ge­deu­tet – und das, ob­wohl Kan­di­dat Be­noît Ha­mon sei­nen Wahl­kampf aus­ge­rech­net in For­bach ge­star­tet hat­te. In den Ar­bei­ter­ge­mein­den des ehe­ma­li­gen In­dus­trie­be­ckens hat­te man 2012 noch auf den Kan­di­da­ten Hol­lan­de ge­setzt. Zum Bei­spiel in Flo­r­an­ge. Dort hat­te Hol­lan­de ver­spro­chen, die Still­le­gung der Hoch­öfen durch Ar­celor Mit­tal zu ver­hin­dern und da­für rund 32 Pro­zent der Stim­men be­kom­men. Doch das Ver­spre­chen wur­de nicht ge­hal­ten. Die Quit­tung da­für be­kam PS-Kan­di­dat Ha­mon und kam mit ge­ra­de mal 7,3 Pro­zent auf Platz drei hin­ter der rechts­po­pu­lis­ti­schen Ma­ri­ne Le Pen (FN) und dem links­ra­di­ka­len Je­an-Luc Mé­len­chon.

Bei den Par­la­ments­wah­len hin­ge­gen ver­lo­ren die So­zia­lis­ten ih­re Äm­ter an die Kan­di­da­ten der neu ge­grün­de­ten Par­tei von Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron, La Ré­pu­bli­que en Mar­che (deutsch: Die Re­pu­blik in Be­we­gung, LREM). Aus dem Stand hol­ten sie zwölf der 21 Sit­ze aus Loth­rin­gen. Bes­ser hielt das kon­ser­va­ti­ve La­ger die­ser Flut­wel­le stand. Ihm ge­lang es, sie­ben von zehn Sit­zen zu ver­tei­di­gen. Doch auch in Les Ré­pu­bli­cains (deutsch: Die Re­pu­bli­ka­ner, LR) treibt die Ent­ste­hung der Re­gie­rungs­par­tei ei­nen Keil. Im­mer­hin zwei der sie­ben Ab­ge­ord­ne­ten schlos­sen sich der neu ge­grün­de­ten Frak­ti­on der „Kon­struk­ti­ven“an. Da­bei han­delt es sich um ei­ne Grup­pe von Re­pu­bli­ka­nern, die eher mit statt ge­gen Ma­cron ar­bei­ten will. Die Tra­di­ti­ons­par­tei LR hat be­reits die ers­ten Par­tei­aus­schuss­ver­fah­ren ge­gen Mit­glie­der die­ser Grup­pe in Gang ge­setzt.

Doch nicht nur die Volks­par­tei­en ste­hen nach Ma­crons Sie­ges­zug vor der Zer­reiß­pro­be. Auch beim rechts­ex­tre­men Front Na­tio­nal ent­fa­chen sich neue Kon­flik­te, ob­wohl sich FN-Che­fin Ma­ri­ne Le Pen über ho­he Er­geb­nis­se in Loth­rin­gen bei der Prä­si­dent­schafts­wahl freu­en durf­te. Ein paar Wo­chen spä­ter schei­ter­te aber ihr Par­tei-Vi­ze Flo­ri­an Phil­ip­pot in der Grenz­stadt For­bach er­neut dar­an, in die Na­tio­nal­ver­samm­lung zu kom­men. Trotz der gu­ten Um­fra­ge­wer­te sei­ner Par­tei ver­lor er ge­gen Chris­to­phe Arend, ei­nen Po­lit-Neu­ling, der bis­her Zahn­arzt war und für Ma­crons Par­tei an­trat.

Die­se Nie­der­la­ge in ei­nem als ge­winn­bar ein­ge­stuf­ten Wahl­be­zirk schwäch­te Phil­ip­pots Po­si­ti­on noch wei­ter, der in­ner­halb der Par­tei be­reits we­gen sei­nes strik­ten An­ti-Eu­ro-Kur­ses und sei­ner Stra­te­gie der „Ent­teu­fe­lung“in der Kri­tik stand. Der Kon­flikt schau­kel­te sich über den gan­zen Som­mer hoch. En­de Sep­tem­ber wur­de die Schei­dung voll­zo­gen: Flo­ri­an Phil­ip­pot ver­ließ den Front Na­tio­nal. In Loth­rin­gen, und dar­über hin­aus in der ge­sam­ten Re­gi­on Grand Est, führ­te die­ser Schritt zu ei­ner Spal­tung der Par­tei. Von den 46 ge­wähl­ten Re­gio­nal­rä­ten blie­ben 35 der Par­tei treu. Zehn wei­te­re folg­ten Phil­ip­pot und tra­ten sei­ner neu­en Be­we­gung Les Pa­trio­tes (deutsch: Die Pa­trio­ten) bei. Das En­de des FN be­deu­tet das je­doch noch lan­ge nicht. Denn die Par­tei ist in Loth­rin­gen seit Jah­ren gut ver­an­kert. Im­mer­hin schaff­ten es ih­re Kan­di­da­ten in sie­ben loth­rin­gi­schen Wahl­be­zir­ken in die Stich­wahl. Bis­her ist es dem FN bis­her nicht ge­lun­gen, Stim­men aus an­de­ren Par­tei­en beim ent­schei­den­den zwei­ten Wahl­gang auf sich zu ver­ei­nen. Doch auch das kann sich in den kom­men­den Jah­ren än­dern.

FO­TO: KAY NIETFELD/DPA

Elf Spit­zen­kan­di­da­ten sind in die­sem Jahr bei den fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­wah­len an­ge­tre­ten.

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