„Im Saar­land merk­te ich, was Frei­heit be­deu­tet“

Der Volks­trau­er­tag am 19. No­vem­ber er­in­nert an die Kriegs­to­ten und Op­fer der Ge­walt­herr­schaft. Die Er­in­ne­rung wach­hal­ten möch­te auch Gün­ter Ge­or­gi aus Heus­wei­ler.

Saarbruecker Zeitung - - Saarland - VON UTE KIRCH

Dass in vier Mo­na­ten der Krieg vor­bei sein wür­de, ahn­te Gün­ter Ge­or­gi nicht, als er am 15. Ja­nu­ar 1945 zum Reichs­ar­beits­dienst nach Pies­ke im heu­ti­gen Po­len ein­be­ru­fen wur­de. Die Leh­re als Spar­kas­sen-Kauf­mann in Senf­ten­berg/Bran­den­burg muss­te er un­ter­bre­chen. Am 28. Fe­bru­ar zog die Wehr­macht den 16-Jäh­ri­gen ein. „Ich wur­de nach Ox­b­öl in Dä­ne­mark zur Pan­zer­gre­na­dier-Aus­bil­dung ge­schickt“, er­in­nert sich der heu­te 89-Jäh­ri­ge. Dann kam der Marsch­be­fehl: An die Front! Die Jun­gen soll­ten im Kampf um Berlin ge­gen die vor­rü­cken­den Rus­sen kämp­fen. Nein, Angst hät­ten sei­ne Ka­me­ra­den und er nicht ge­habt. „Die ha­ben wir ein­fach ver­drängt“, sagt Ge­or­gi.

Noch heu­te, über 70 Jah­re spä­ter, kann sich Gün­ter Ge­or­gi de­tail­liert an sei­ne Zeit als Kin­der­sol­dat er­in­nern und of­fen dar­über spre­chen. Die „Deut­sche Ge­sell­schaft“, ein über­par­tei­li­cher Bür­ger­ver­ein zur För­de­rung po­li­ti­scher, kul­tu­rel­ler und so­zia­ler Be­zie­hun­gen in Eu­ro­pa hat den Wahl-Saar­län­der da­her für ihr Pro­jekt „Wo­hin führt Fa­na­tis­mus? Kin­der­sol­da­ten da­mals und heu­te“als Zeit­zeu­gen aus­ge­wählt. In sei­ner frü­he­ren Hei­mat, der Nie­der­lau­sitz, und im Saar­land be­sucht Ge­or­gi Schul­klas­sen, ver­mit­telt so ei­nen Ein­druck von der schwie­ri­gen Zeit und be­ant­wor­tet Fra­gen.

Ob er die NS-Pro­pa­gan­da ge­glaubt ha­be, wo­nach der Krieg noch zu ge­win­nen wä­re und Deutsch­land wirk­lich „Le­bens­raum im Os­ten“brauch­te? Ge­or­gi zuckt mit den Schul­tern: „Ich ha­be mir gar nicht so gro­ße Ge­dan­ken ge­macht.“Doch als er auf ei­nem ver­bo­te­nen eng­li­schen Flug­blatt liest, dass Hit­ler-Deutsch­land am En­de sei, sei er nach­denk­lich ge­wor­den. Und von der Ju­den­ver­nich­tung? „Von den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern hat­te ich nichts ge­hört, ob­wohl ich nach dem Krieg er­fah­ren ha­be, dass es klei­ne­re La­ger selbst bei uns in der Nä­he ge­ge­ben hat“, sagt Ge­or­gi. Um­so mehr hät­ten ihn nach dem Krieg die Zei­tungs­be­rich­te über Gräu­el­ta­ten und die Ver­bre­chen an den Ju­den be­schäf­tigt: „Da be­schloss ich, dass ich dar­an mit­wir­ken will, ein bes­se­res, de­mo­kra­ti­sches Deutsch­land auf­zu­bau­en.“

Da­zu sol­len auch sei­ne Schul­be­su­che bei­tra­gen. Er hat sei­ne Ge­schich­te schon un­zäh­li­ge Ma­le er­zählt, doch noch im­mer schwingt Trau­er in sei­ner Stim­me mit, wenn er sich er­in­nert, wie sein bes­ter Freund am 15. Fe­bru­ar 1945 bei schwe­ren Luft­an­grif­fen auf Cott­bus starb und er an­schlie­ßend ver­kohl­te Lei­chen in ei­nen Kel­ler räu­men muss­te. Auch das Schick­sal ei­nes Ober­fun­kers, der ihm in Dä­ne­mark be­geg­ne­te, lässt ihn bis heu­te nicht ru­hen. Noch be­vor sei­ne Ein­heit an die Front ver­legt wer­den konn­te, war der Krieg aus. „Die­ser Ober­fun­ker, Va­ter von zwei klei­nen Kin­dern, sag­te zu uns: ,Es bre­chen nun neue Zei­ten an’. Das war sein To­des­ur­teil“, er­in­nert sich Ge­or­gi. Noch im­mer gab die Wehr­macht die Be­feh­le. Der Mann wur­de in­haf­tiert und hör­te den Of­fi­zier vom „Um­le­gen die­ses Lum­pen“spre­chen. Bei ei­nem „Flucht­ver­such“wur­de er er­schos­sen. Mit zwei Ka­me­ra­den muss­te der 16-Jäh­ri­ge den To­ten be­gra­ben.

Nach Kriegs­en­de kommt Ge­or­gi in ein bri­ti­sches In­ter­nie­rungs­la­ger in Bü­sum, wird aber als Land­hel­fer ent­las­sen. „Doch da ich we­der mel­ken, an­span­nen noch pflü­gen konn­te, woll­te mich kein Bau­er.“Al­so macht er sich auf dem Weg in die Lau­sitz, als ihm, der au­ßer der Uni­form kei­ne Klei­dung be­saß, in Fins­ter­wal­de ein Rot­ar­mist mit Ma­schi­nen­ge­wehr stoppt. „Du kom­men auf Kom­man­dan­tur und mel­den. Du wie alt?“Mit Fin­ger­spra­che zeig­te er: 16 Jah­re. Dar­auf ha­be der Rus­se ge­ant­wor­tet: „Du nicht mel­den bei Kom­man­dan­tur, du ge­hen zu Ma­ma.“„Der Mann hat rich­tig Schick­sal ge­spielt“, sagt Ge­or­gi und klingt fast un­gläu­big. Erst spä­ter er­fuhr er, dass al­le Sol­da­ten, die sich ge­mel­det hat­ten, als Kriegs­ge­fan­ge­ne nach Russ­land ka­men. „Viel­leicht hät­te ich das nicht über­lebt“, mut­maßt er heu­te.

Zu­rück in Senf­ten­berg lernt er den Be­ruf des Ge­sund­heits­für­sor­gers und impft fort­an Schul­kin­der ge­gen Tu­ber­ku­lo­se. In sei­ner Frei­zeit hat er Auf­trit­te als Hu­mo­rist und Con­fé­ren­cier. Im De­zem­ber 1957 bit­ten ihn Freun­de im Ge­sell­schafts­haus um ei­ne Par­odie auf Hit­ler und Go­eb­bels. „Die ha­be ich lä­cher­lich ge­macht, al­le ha­ben ge­lacht“, er­in­nert sich Ge­or­gi. Doch ein Gast zeigt ihn bei der Po­li­zei an: „Ge­or­gi ver­herr­licht den Fa­schis­mus.“Er wird ent­las­sen und er­hält Schreib­ver­bot. Der jun­ge Fa­mi­li­en­va­ter – sei­ne Frau Hil­de­gard und er hei­ra­te­ten 1949 und be­kom­men zwei Bu­ben – fin­det nur noch Hilfs­ar­bei­ter­jobs. Am 30. Ju­ni 1958 kommt er für 100 Ta­ge we­gen „staats­ge­fähr­den­der Pro­pa­gan­da und Het­ze“in die Un­ter­su­chungs-Haft­an­stalt Senf­ten­berg. Doch weil der Haupt­be­las­tungs­zeu­ge in den Wes­ten flieht, und so­mit nicht ge­nü­gend Be­wei­se vor­lie­gen, wird Gün­ter Ge­or­gi letzt­end­lich frei­ge­spro­chen.

Ei­ne Rück­kehr zum Ge­sund­heits­amt und in die Spar­kas­se ver­bie­tet die DDR-Staats­par­tei SED. Erst dann be­schließt die Fa­mi­lie, po­li­ti­sches Asyl in der Bun­des­re­pu­blik zu be­an­tra­gen. So kommt die Fa­mi­lie ins Saar­land, wo Ge­or­gi wie­der bei Bank­in­sti­tu­ten ar­bei­tet. Da­ne­ben schreibt er als Sport­re­por­ter Ar­ti­kel und Bü­cher, reist in 92 Län­der und or­ga­ni­siert als pas­sio­nier­ter Fo­to­graf 237 Fo­to­aus­stel­lun­gen mit sei­nen Bil­dern, was ihm drei Ein­trä­ge ins Gui­ness­buch der Re­kor­de ver­schafft. „Ich ha­be es nie be­reut, ins Saar­land ge­kom­men zu sein“, sagt Ge­or­gi. „Ich bin sehr dank­bar für die gu­te Auf­nah­me hier. Im Saar­land merk­te ich, was Frei­heit be­deu­tet.“

FOTO: UTE KIRCH

In sei­nem Hob­by­kel­ler hat Gün­ter Ge­or­gi zahl­rei­che Er­in­ne­run­gen und Ur­kun­den für sei­ne Fo­tos auf­ge­hängt. Hier zeigt er auf ein Foto mit Schü­lern in Alt­dö­bern, de­nen er von sei­ner Zeit als Kin­der­sol­dat er­zählt hat.

FOTO: GE­OR­GI

Gün­ter Ge­or­gi An­fang der 1940er Jah­re.

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