Neu­er Strom für al­te Meis­ter

Der Ba­rock­mu­si­ker Rolf Lis­le­vand über­schrei­tet oft die Gren­zen der Epo­chen. So mun­ter und auf­ge­frischt wie bei ihm klin­gen die al­ten Meis­ter sel­ten.

Saarbruecker Zeitung - - Kultur -

die be­kann­tes­te Künst­le­rin der Ge­gen­wart; mit ih­rem En­sem­ble L’Ar­peg­gi­ata hat sie al­te Meis­ter wie Kaps­ber­ger, Mon­te­ver­di oder Hän­del zum Be­ben, Tan­zen und Kra­chen ge­bracht. Von Haus aus ist sie auf his­to­ri­sche Auf­füh­rungs­pra­xis spe­zia­li­siert, sie spielt Ba­rock­gi­tar­re, Lau­te und The­or­be.

Mit dem­sel­ben In­stru­men­ta­ri­um ar­bei­tet auch der Nor­we­ger Rolf Lis­le­vand. Wie Pl­u­har war er an der ehr­wür­di­gen Scho­la Can­to­rum in Ba­sel Schü­ler des gro­ßen Hop­kin­son Smith; wie sie drang er in die Äs­t­he­tik ver­gan­ge­ner Epo­chen ein, um von dort ei­nen neu­en Strom­kreis­lauf zu in­stal­lie­ren. Ihm ging es nicht um Trans­for­ma­ti­on, erst recht nicht um Auf­hüb­schung, son­dern um Kom­mu­ni­ka­ti­on: Er woll­te al­te und neue Spra­chen mit­ein­an­der ins Ge­spräch brin­gen wie in ei­ner pfingst­li­chen Aus­sen­dung.

Lis­le­vand, Jahr­gang 1961, der­zeit Pro­fes­sor an der Mu­sik­hoch­schu­le in Trossingen, hat sich seit Jah­ren vor al­lem durch sei­ne gran­dio­sen Auf­nah­men beim La­bel ECM ei­nen Na­men ge­macht. In „Nuo­ve Mu­si­che“un­ter­such­te er Mu­sik aus dem Ita­li­en des frü­hen 17. Jahr­hun­derts, in „Di­mi­nui­to“be­schäf­tig­te er sich mit Meis­tern der Re­nais­sance, und in sei­nem So­lo­al­bum „La Mas­ca­ra­de“rich­te­te er un­se­re Auf­merk­sam­keit auf zwei Kom­po­nis­ten vom Ho­fe Lud­wig des XIV: Ro­bert de Vi­sée (1655-1732) und Fran­ces­co Cor­bet­ta (1615-1681). Wenn Lis­le­vand spielt, hebt Mu­sik vom Bo­den ab.

Das gilt erst recht für sei­ne neue Platte „Nuo­ve In­ven­zio­ne“, die Lis­le­vand mit dem Con­cer­to Stel­la Ma­tu­ti­na her­aus­ge­bracht hat. Mit da­bei ist sein al­ter Fah­rens­mann Thor-Ha­rald John­sen, der als Gi­tar­rist und Ar­ran­geur groß­ar­tig am Fun­ken­flug über die Ge­ne­ra­tio­nen, Sti­le und Epo­chen hin­weg mit­wirkt. Auch der Ba­rock­trom­pe­ter Her­bert Wal­ser-Breuß hat al­le Fens­ter­lä­den weit ge­öff­net, der Hö­rer sieht es förm­lich vor sich, wie er sich die Hemds­är­mel hoch­krem­pelt und in ei­nen al­ten Ita­lie­ner na­mens Fran­ces­co da Mi­la­no die Ener­gie stra­to­sphä­ri­scher Jazz­trom­pe­ten­tö­ne ein­speist.

Oder in der wun­der­vol­len und längst welt­be­rühm­ten Arie „Eter­nal Sour­ce of Light Di­vi­ne“aus Georg Fried­rich Hän­dels „Ode for the Bir­th­day of Queen An­ne“: Da wird die Fei­er­lich­keit ste­hen­der Strei­cher­tö­ne im har­mo­ni­schen Back­ground ein­fach ge­gen ein ge­ra­de­zu im­pro­vi­sa­to­risch wir­ken­des Ge­we­be aus ge­zupf­ten und ge­stri­che­nen Tö­nen aus­ge­tauscht, bis sich Ba­rock­trom­pe­te und -po­sau­ne zu ei­nem Du­ett ver­bin­den, das an In­nig­keit kaum zu über­bie­ten ist.

Hö­he­punkt ist der Ein­tritt in die Welt­ver­lo­ren­heit: „Por que ll­orax blan­ca ni­ña“, ei­ne al­te Me­lo­die se­phar­di­scher, in Spa­ni­en le­ben­der Ju­den. Wenn Lis­le­vand und sei­ne Mu­si­ker das spie­len, wähnt man ei­ne Ka­ra­wa­ne in un­end­li­cher Lang­sam­keit an sich vor­über­zie­hen, fremd­ar­tig und er­ha­ben. Nie­mand hat hier das Be­dürf­nis, das Tem­po an­zu­zie­hen. Man lauscht nur. Auf dem Co­ver schwebt ein ro­ter Tep­pich (oder das Tuch ei­nes To­re­ros) in der Luft, im Hin­ter­grund zie­hen Wol­ken vor­über, ir­gend­wo strahlt die Son­ne. Ja, hier möch­te man ewig ver­wei­len.

und das En­sem­ble Con­cer­to Stel­la Ma­tu­ti­na: Nuo­ve In­ven­zio­ne (Er­schie­nen bei So­ny Clas­si­cal).

FO­TO: RE­NÉ DALPRA /SO­NY CLAS­SI­CAL

Der nor­we­gi­sche Mu­si­ker Rolf Lis­le­vand macht dem Ba­rock Bei­ne.

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